Pünktlich zum beginnenden Präsidentschaftswahlkampf findet auf dem Campus der Elitehochschule Sciences Po in Paris eine erbitterte Kulturschlacht statt. Hochschuldirektor Luis Vassys Kurs akademischer Exzellenz prallt auf den Anspruch eines Teils des Lehrpersonals, propalästinensische Protestbewegungen zu tolerieren und israelfreundliche Stimmen auszuschließen.
145 von insgesamt 272 ständigen Fakultätsmitgliedern haben in einem Brandbrief Vassys Führungsstil angegriffen. Sie halten dem 46 Jahre alten Direktor den „systematischen Einsatz von Ordnungskräften“ bei Studentenprotesten vor, eine „Eskalation der Repression“ sowie eine „einseitige Führung, die jede Form der Abstimmung und des Dialogs ablehnt“.
Der größte Hörsaal hieß „Amphi Gaza“
Eine der Wortführerinnen der Attacken auf den Direktor ist die linke Ökonomin Julia Cagé, die Ehefrau Thomas Pikettys. Der Linkspartei La France Insoumise (LFI) nahestehende Professoren kritisieren scharf, dass Vassy die Besetzungen von Hörsälen nicht duldet und deshalb sogar die Polizei rief. Unter seinem Vorgänger hatten Studenten den größten Hörsaal in „Amphi Gaza“ umgetauft. „Mobilisierungen sind integraler Bestandteil der intellektuellen und staatsbürgerlichen Bildung der Studierenden“, heißt es in dem Brandbrief.

Die linksgerichteten Zeitungen „Libération“ und „Le Monde“ verbreiteten die Vorwürfe gegen Vassy, während das konservative Blatt „Le Figaro“ zu seiner Verteidigung einsprang. Im Hintergrund scheint auch eine Rolle zu spielen, dass der Karrierediplomat Vassy in der Amtszeit von Staatschef Emmanuel Macron viele Jahre für das Außenministerium arbeitete. Über seinen Schreibtisch gingen die wichtigsten Dossiers unter den Ministern Jean-Yves Le Drian, Catherine Colonna und Stéphane Séjourné. Da er zudem im selben Jahrgang wie der Präsident an der inzwischen in eine neue Einrichtung aufgegangenen Kaderschmiede ENA studierte, ordnet man ihn dem Macron-Lager zu.
Tatsächlich hat der stets mit leiser Stimme sprechende ehemalige Botschafter Ordnung in die Rue Saint Guillaume und auf den brandneuen benachbarten Campus Saint Thomas d’Aquin gebracht. Als Vassy im September 2024 die Leitung übernahm, hatte Sciences Po turbulente Zeiten hinter sich und galt als „woke“ Hochburg.
Der langjährige, überaus einflussreiche Präsident der Sciences-Po-Stiftung, Olivier Duhamel, war in einer Inzestaffäre der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs überführt worden. Duhamels Geständnis warf ein Schlaglicht auf die Missstände, die im Namen einer linken, vorgeblich befreienden Sexualmoral geduldet wurden. Im Strudel der Enthüllungen musste auch der damalige Sciences-Po-Direktor Frédéric Mion gehen.
Sein Nachfolger Mathias Vicherat wurde unhaltbar, nachdem Vorwürfe häuslicher Gewalt publik wurden. Er und seine Partnerin bezichtigten sich gegenseitig, im Streit aufeinander eingeprügelt zu haben. Im Machtvakuum gediehen Studentenproteste gegen den Gazakrieg, die von Wortführern der Linkspartei angefacht wurden. LFI-Bürgermeister mit Schärpe wie auch die als propalästinensische Ikone gefeierte EU-Abgeordnete Rima Hassan mischten sich unter die Studenten.
Als etwa 100 Studenten Mitte April einen Hörsaal besetzten, um gegen einen in der Nationalversammlung debattierten Gesetzentwurf zur Eindämmung des Antisemitismus zu protestieren, rief der Direktor die Polizei. Die Einsatzkräfte beendeten die Besetzung. Gegen 76 junge Leute wurde wegen „Hausfriedensbruchs auf dem Universitätsgelände“ eine Geldbuße in Höhe von 400 Euro verhängt. Die Vorwürfe im Brandbrief weist Vassy zurück: „Wir haben immer gesagt, dass die Meinungsfreiheit nicht die Freiheit umfasst, die Einrichtung zu blockieren.“
Sciences Po als Zufluchtsort für amerikanische Studenten
In den internationalen Ranglisten steht Sciences Po wieder ganz oben, gleich hinter Harvard und Oxford. Auch die Geldgeber sind zurückgekehrt – und vor Bewerbungen, besonders aus den Vereinigten Staaten, kann sich die Universität kaum retten. Die Zahl der Bewerber etwa für den Bachelorstudiengang ist um 25 Prozent angestiegen, die aus den Vereinigten Staaten sogar um mehr als die Hälfte.
Vassy sieht es als seine Mission, das Lehrangebot an die neuen geopolitischen Herausforderungen anzupassen und mehr sicherheits- und rüstungspolitische Kurse anzubieten. Ende 2025 beauftragte er die ehemalige Verteidigungsministerin Florence Parly und den Forscher Thierry Balzacq, gemeinsam mit Rüstungsunternehmen wie Thales und Safran die Konzeption eines Forschungszentrums mit diesem Schwerpunkt auszuarbeiten.
Das Vorgehen finden viele von soziologischen Länderstudien geprägte Professoren unzumutbar. So rückte etwa der emeritierte Professor Jean-François Bayart den geplanten geopolitischen Schwerpunkt in die Nähe der Nationalsozialisten und beklagte „das militaristische Vokabular“. Die Gründung des neuen Centers for Global Security and Governance wurde trotz der Kritik kürzlich mit 22 Stimmen beschlossen – bei sieben Gegenstimmen.
Vassy will sich von der Kampagne nicht erschüttern lassen. „Sciences Po ist die Quintessenz Frankreichs“, sagte er. An der Hochschule würden alle Debatten des Landes ausgetragen. Er aber werde beim akademischen Niveau niemals Abstriche machen.
Vassy beruft sich darauf, dass er seinen eigenen Aufstieg den französischen Bildungschancen verdanke. Seine Eltern flohen aus Uruguay und Argentinien nach Frankreich. Er wuchs in einfachen Verhältnissen in dem Vorort Val-de-Fontenay auf. Sein Vater verdingte sich als Fensterputzer, später als Filmvorführer im städtischen Kino. Die Begabung des jungen Luis Vassy wurde frühzeitig erkannt; täglich fuhr er mit der Vorortbahn RER zum Elitegymnasium Louis-le-Grand in Paris. Nach dem Abitur absolvierte er gleich zwei Eliteschmieden, die École Normale Supérieure (ENS) und die Nationale Hochschule für Verwaltung (ENA). Auch deshalb hat sich Vassy zum Ziel gesetzt, den angekratzten Ruf von Sciences Po wiederherzustellen.
