Es ist ein Kampf auf Augenhöhe. Dixence ist etwa gleich groß wie Pistache und nur wenige Monate älter. Die Nummern 50 und 57 prangen in Weiß auf dem pechschwarzen Fell der beiden Kühe. Zunächst beäugen sie einander nur. Direkt zu attackieren, ist nicht opportun. Pistache scharrt mit dem rechten Vorderhuf im Gras – so fest, dass schon bald Erde und Staub aufwirbeln. In einer weiteren Demonstration der Stärke hebelt sie mit ihren gewaltigen Hörnern ganze Erdbrocken aus dem Boden.
Oft reicht das, um eine Herausforderin einzuschüchtern und so einen Kampf zu vermeiden. Nicht jedoch in diesem Fall. Dixence zeigt sich unbeeindruckt. Sie senkt den Kopf und geht frontal auf Pistache zu. Die Tiere verkeilen ihre Hörner, sie drücken und schieben. 30 Sekunden geht es hin und her. Dann erweist sich Pistache als die Stärkere. Sie zwingt Dixence einige Meter in den Rückwärtsgang – der Kampf ist entschieden. Dixence dreht ab und akzeptiert ihre Niederlage.
Wir sind auf der Alpage de Mandelon. Die Almwirtschaft liegt im Walliser Val d’Hérens (Eringertal), einem Seitental der Rhone. Auf dem Plateau, 2000 Meter über dem Meeresspiegel, versammelten sich Ende Juni fast 130 Eringerkühe. Diese sogenannte Inalpe, der Alpaufzug, ist überall im Schweizer Hochgebirge eine Attraktion. Mit ihren schönsten Glocken festlich geschmückt, marschieren die Kühe aus dem Tal hinauf zu den saftigen Alpwiesen und verbringen dort den ganzen Sommer.
Der Herkules unter den Kühen
Dabei geht es in der Regel friedlich zu. Nicht jedoch, wenn es sich um Eringer handelt. Die Rasse gilt als Herkules unter den Kühen. Züchter beschreiben die Tiere als zäh, widerstandsfähig und gebirgsgängig. Vor allem aber sind sie geborene Raufbolde. Sie kämpfen von Natur aus gegeneinander, um den Rang innerhalb der Herde festzulegen. Auch unter „normalen“ Kuhrassen wie Braunvieh, Fleckvieh, Simmentaler und Holsteiner gab es einst harte Konkurrenzkämpfe. Doch sie sind inzwischen so stark auf die Milchproduktion hochgezüchtet, dass ihnen die Energie fehlt, um weiter leidenschaftlich und kraftraubend die Hierarchie in der Gruppe zu klären.
Die Eringer geben nur wenig Milch – aber das ist den Eigentümern, zumeist Bauern, einerlei. Ihr Geld verdienen sie auf anderen Feldern. Es geht um Ehre und Prestige. Wer eine Eringerkuh besitzt, die sich im Herbst und im Frühling in den regionalen und nationalen Wettkämpfen durchsetzt und so zur „Reine des Reines“ (Königin der Königinnen) wird, avanciert seinerseits zum viel beklatschten Dorfkönig. Die erste Stufe auf diesem langen Weg ist der Sommersieg auf einer Alp.
Neun Züchter haben ihre Eringer auf die Alpage de Mandelon geführt. Die 126 Kühe sind jeweils mit Eigentümer, Startnummer, Name und Alter in einer „liste du bétail“ (Viehliste) aufgeführt, die den mehr als 100 vornehmlich lokalen Zaungästen ausgehändigt wird. Es herrscht Volksfeststimmung. In der Wirtsstube neben den Kuhställen gehen schon am Morgen die ersten Weißwein- und Bierflaschen über den Tresen. Draußen im Hof feuert der Wirt den Grill an.
Wer sich mit wem anlegt, ist den Kühen überlassen
Pünktlich um 9.30 Uhr geht das Spektakel los. Nacheinander führen die Züchter ihre Kühe aus den Stallungen auf die Wiese. Manche Tiere brüllen nervös. Sie wissen, dass dies ein besonderer Tag ist. Zunächst steht jede Herde in einem umzäunten Geviert. Dann werden die Seile weggenommen – und die Rangkämpfe beginnen. Wer sich mit wem anlegt, ist den Kühen überlassen. Die Hirten auf dem Feld schreiten nur ein, wenn zwei kämpfende Kühe durch den Angriff einer dritten von der Seite gestört (und verletzt) werden könnten.
Angelo Biner, Züchter aus dem Walliser Mattertal, ist mit sechs Kühen am Start. Als die erste Raufrunde um 12 Uhr zu Ende geht und die Tiere wieder brav im Stall stehen, zeigt sich Biner zufrieden: „Nur eine hat verloren.“ Die übrigen fünf Kühe haben ihre Kämpfe entweder gewonnen – oder sie haben gar nicht gekämpft. Auch das kommt vor: dass ein Tier sich vornehm zurückhält und die anstrengende Rauferei anderen überlässt. Das ist auch eine Charaktersache.

Auf die Frage, ob eine seiner Kühe Aussicht darauf hat, die Alpsaison als Königin zu beenden, schüttelt Biner den Kopf. Wie die meisten Zuschauer im alpinen Rund hat er gesehen, wie grandios sich Canaille an diesem sonnigen Vormittag geschlagen hat. Die Kuh mit dem furchterregenden Namen, die den Brüdern Dayer aus dem Eringertal gehört, trägt die rote Nummer 111. Die Farbe verrät, dass sie eine aktuelle Königin ist.
Leitkuh zu sein, hat viele Vorteile
In ihrem Fall bezieht sich das nicht nur auf den Spitzenrang in ihrer eigenen Herde. Das imposante, rund 800 Kilogramm schwere Tier hat im vergangenen Mai das nationale Finale im Kampf der Königinnen gewonnen.
Das scheinen die anderen Kühe auf der Alm zu wissen. Zumindest in diesem ersten Aufeinandertreffen traut sich keine, den Kampf mit Canaille aufzunehmen. Wer schon einmal gegen sie verloren hat, wagt sowieso keinen neuerlichen Angriff. Sie selbst hält sich die ganze Zeit am oberen Rand des mit Seilen abgesteckten Feldes auf und beobachtet selbstbewusst das Geschehen nach dem Motto: „Wenn ihr was wollt, kommt zu mir.“
Obendrein geben ihr zwei Kühe aus ihrer eigenen Herde Flankenschutz. Eine von ihnen gilt es zuerst zu schlagen, bevor eine Rivalin die aktuelle Königin der Königinnen herausfordern darf. Dass es ein derart koordiniertes und eingespieltes Verhalten innerhalb einer Herde gibt, gilt als züchterische Glanzleistung.
Leitkuh zu sein, ist attraktiv. Die Königin darf immer da grasen, wo die feinsten Gräser und die leckersten Blumen wachsen. Will sie trinken, machen ihr die anderen Kühe an der Wassertränke sofort Platz. Auch der beste Schattenplatz ist garantiert.
Die Eringerkühe dürfen ihre Hörner behalten
Verletzungen gibt es an diesem Vormittag auf der Alp nicht. Sie kommen generell selten vor. Trotzdem äußern Tierschützer Kritik. Sie monieren, dass die Kühe nur zur Unterhaltung des Publikums zusammengeführt und so künstlich in Stress versetzt würden. Die Befürworter argumentieren indes, dass es die Eringer ohne die jahrhundertealte Kampftradition gar nicht mehr gäbe, weil die Rasse rein wirtschaftlich nicht viel bringe.
Dank ihres besonderen Status dürfen die Eringer ihre Hörner behalten. Damit bleibt ihnen eine Prozedur erspart, die viele ihrer Artgenossen zu ertragen haben: Den allermeisten Milchkühen werden die Hörner abgenommen, damit sie einander im Stall nicht verletzen. Dies geschieht, indem man den Kälbern kurz nach ihrer Geburt mit einem Brenneisen die erst im Ansatz erkennbaren Hörnchen verödet. Das ist sehr schmerzhaft. Die Hörner sind von Blutgefäßen und Nerven durchzogen und über Hohlräume mit den Stirn- und Nasennebenhöhlen verbunden. Daher müssen die Kälber in der Schweiz vor dieser Prozedur betäubt werden. Allerdings leiden sie auch in den Tagen oder Wochen danach noch unter Schmerzen.
Wer im Sommer in den Walliser Alpen wandert, kann schon einmal auf eine grasende Herde Eringer stoßen. Die Flucht muss man deswegen nicht gleich ergreifen: So angsteinflößend die großen, schwarzen Tiere aussehen, dem Menschen gegenüber sind sie sanft und zahm. Nähert sich eine Eringerkuh, tut sie das in der Regel aus Neugierde und Zuneigung. Hält man ihr dann die Hand vor die Nase, schleckt sie diese wegen der schmackhaften Salznote auf der Wandererhaut genüsslich ab. Und sie lässt sich gerne streicheln.
Die Familie Darbellay hat zwei Eringerkühe aus dem Rhonetal auf die Alpage de Mandelon gebracht. Sie heißen Rosy und Flocon und gehören gleichsam zur Familie. „Es ist, als hätten wir zwei Hunde“, sagt Brigitte Darbellay am Kampftag oben auf der Alm. Dann zeigt sie ein Foto ihres Sohns Thierry, wie er mit Oberkörper und Kopf unter Rosys Rumpf liegt. Stehend spendet das Tier ihm Schatten. „Solange Thierry da lag, bewegte sie sich keinen Zentimeter von der Stelle.“
