Jutta Allmendinger, 69, ist Soziologin und erforscht seit Jahrzehnten die Bedürfnisse von Frauen. Wir wollten von ihr wissen, was die Reformpläne der Bundesregierung für Frauen bedeuten.
DIE ZEIT: Frau Allmendinger, die Bundesregierung plant große Reformen bei Rente,
Pflege, Gesundheit und Steuern. Können Frauen davon profitieren?
Jutta Allmendinger: Das ist noch nicht ausgemacht, auch wenn ich
großes Potenzial sehe. Was da gerade passiert, ist eine grundlegende
Verschiebung im Sozialstaat. Ich würde sogar sagen, es ist die größte seit
Einführung der Sozialversicherung unter Bismarck, zumindest in Westdeutschland.
ZEIT:
Wie meinen Sie das?
Allmendinger: Der Alleinverdienerhaushalt oder auch der Anderthalbverdienerhaushalt
waren bislang das Leitbild, auf das unser Sozialstaat in vielerlei Hinsicht
zugeschnitten war. Viele Regelungen gingen implizit davon aus, dass ein Partner
– meist der Mann – den Großteil des Einkommens erwirtschaftet, während der
andere – meist die Frau – einen großen Teil der unbezahlten Erziehungs- und
Pflegearbeit übernimmt und dafür beruflich kürzertritt. Von diesem Leitbild
verabschiedet sich die Politik nun schrittweise. Das ist mit Blick auf die
Gleichstellung zu begrüßen. Das Problem ist nur: Sie tut das, ohne die
Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass beide tatsächlich in gleichem Maße
erwerbstätig sein und Sorgearbeit übernehmen können. Aufgewertet wird die
Erwerbsarbeit, entwertet wird die unbezahlte Sorgearbeit.
ZEIT:
Woran machen Sie das konkret fest?
Allmendinger: Nehmen Sie zum Beispiel die Minijobs. Sie werden de facto abgeschafft,
sobald man darauf Rentenversicherungsbeiträge zahlen muss, wie es kürzlich die
Rentenkommission empfohlen hat. Auch wenn die Koalition das noch nicht
beschlossen hat: Langfristig könnten Frauen von ihrem Wegfall profitieren. Wenn
auch Minijobs sozialversicherungspflichtig werden, entfällt der Anreiz, die
Arbeitszeit künstlich unter der Minijobgrenze zu halten. So würden Frauen hoffentlich
mehr verdienen und mehr in die Rentenversicherung einzahlen – sie wären also
auch im Alter besser abgesichert. Nur ist das eben nicht zu Ende gedacht.
ZEIT: Was
braucht es noch, damit Frauen wirklich von dieser Reform profitieren?
Allmendinger: Damit Frauen langfristig tatsächlich finanziell besser dastehen als
heute, müsste auch das Ehegattensplitting abgeschafft werden. Sonst werden
Frauen ihre Arbeitszeit weiterhin stärker reduzieren als Männer. Alles andere
macht steuerlich keinen Sinn. Einen ähnlichen Effekt hat auch die kostenlose
Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse. Sie hält Frauen ebenfalls in
schlecht bezahlten Jobs, weil sie sich sonst selbst versichern müssten.
ZEIT: Die
kostenlose Mitversicherung soll nun abgeschafft werden.
Allmendinger: Zu Recht! Wenn man sie aber isoliert abschafft, so wie es die Regierung
plant, kann das Frauen sogar schaden. Der Staat müsste parallel zwingend Kitas
und Ganztagsschulen ausbauen. Denn nur wenn es genug Betreuungsmöglichkeiten
gibt, können Frauen mehr arbeiten. Bei den Minijobs ist es das Gleiche. Da
fürchte ich sogar, dass Frauen ohne diese ergänzenden Maßnahmen in die
Schwarzarbeit abrutschen könnten. Das wäre dramatisch und das Gegenteil dessen,
was die Regierung erreichen will.
ZEIT: Warum
ist bei alldem die Abschaffung des Ehegattensplittings so zentral?
Allmendinger: Das Ehegattensplitting belohnt nach wie vor den Haushalt, in dem einer
viel verdient und die andere wenig oder gar nicht arbeitet. Das passt nicht zu
einer Politik, die gleichzeitig bei Rente und Pflege mehr Eigenverantwortung
und eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit erwartet.
ZEIT: Die
ungleiche Erwerbsarbeit beginnt meist mit dem ersten Kind. In Deutschland
nehmen Mütter im Schnitt knapp zwölf Monate Elternzeit, Väter immer noch nur zwei Monate. Gehört auch eine Reform des Elterngelds in ein solches Gesamtpaket?
Allmendinger: Unbedingt. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Männer, die länger
Elternzeit nehmen, sich auch später stärker bei der Kinderbetreuung einbringen. Bei den Vätermonaten aber hinkt Deutschland hinterher. Derzeit können Paare für
14 Monate Elterngeld bekommen, wenn ein Elternteil mindestens zwei Monate
nimmt. Das sind in der Regel die Väter. Doch diese zwei Monate sind zu wenig.
Wenn man Gleichstellung ernst meint, müsste man diese Vätermonate ausweiten.
ZEIT:
Viele Paare können sich das aber nicht leisten, dass der mit dem höheren
Einkommen, also meist der Mann, lange vom Job fernbleibt.
Allmendinger: Solange ein Ausstieg des besser verdienenden Partners mit hohen Einbußen
verbunden ist, bleiben die Frauen länger zu Hause. Deshalb müssen wir auch an
die Bezahlung ran. Die Gehälter zwischen Frauen und Männern müssen sich stärker
angleichen. Da kann mehr Entgelttransparenz helfen, wie es die EU-Kommission
einfordert. Umso wichtiger wäre es, wenn Deutschland die entsprechende
EU-Richtlinie schnell umsetzt.
