
Als Folge des Irankriegs ist die deutsche Wirtschaft im April erstmals seit fast einem Jahr wieder geschrumpft, während der Inflationsdruck stark steigt. Darauf deutet der von S&P Global erhobene Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft hin, der im April auf vorläufiger Basis von 51,9 auf 48,3 Punkte fiel.
Zuletzt hatte der an den Finanzmärkten stark beachtete Index für die Unternehmensstimmung im Mai des vergangenen Jahres unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten gelegen. „Die Erholung der deutschen Wirtschaft wurde durch den Krieg im Nahen Osten abrupt gestoppt“, kommentierte Phil Smith von S&P Global Market Intelligence.
Die Umfrage bestätigt die Erwartung der Bundesregierung, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr deutlich langsamer als erwartet wachsen wird. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte erst am Mittwoch die Wachstumsprognose von ein auf 0,5 Prozent halbiert.
Aufs Jahr gesehen Richtung Stagnation
„Jeder weitere Tag, an dem kein Öl aus der Golfregion an den Weltmarkt gelangt, verschärft die Konjunkturrisiken“, sagte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. „Bereinigt man die niedrigen Wachstumsraten um die ungewöhnlich hohe Zahl von Arbeitstagen, dürfte es in diesem Jahr faktisch wieder auf eine Stagnation hinauslaufen“.
Auch für den Euroraum zeigt die S&P-Umfrage unter privaten Unternehmen eine schrumpfende Wirtschaft im April an. Der entsprechende Index fiel von 50,7 auf 48,6 Punkte und liegt zum ersten Mal seit Jahresende 2024 niedriger als die Expansionsschwelle von 50 Punkten.
Nachfrageschock trifft vor allem Dienstleister
In Deutschland brach in der Umfrage vor allem das Geschäft von Dienstleistern ein, während der Zuwachs der Industrieproduktion sich gemäß S&P drastisch verlangsamte. Die Unternehmen schätzen die Geschäftsaussichten für die kommenden zwölf Monate erstmals seit langem wieder negativ ein. Dienstleister erhielten deutlich weniger Aufträge; Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes berichteten über einen deutlich verringerten Zuwachs an neuen Aufträgen.
Die Unternehmen klagten, dass die hohe politische Unsicherheit bei den Kunden zur Zurückhaltung geführt habe. Die Beschäftigung sank in etwa im selben Ausmaß wie im Vormonat. Seit fast zwei Jahren berichten die Unternehmen in der S&P-Umfrage über einen Verlust an Beschäftigung.
Preisschub wie seit 2023 nicht mehr
Im Gegenzug zur schwachen Nachfrageentwicklung standen die Unternehmen im April einem erheblichen Kostendruck gegenüber. Die Einkaufspreise stiegen insgesamt so schnell wie seit November 2022 nicht mehr, in der Industrie sogar schnell wie seit mehr als dreieinhalb Jahre nicht mehr.
Die Unternehmen reichen die höheren Kosten direkt an ihre Kunden weiter. Dienstleister und Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes haben ihre Angebots- und Verkaufspreise so stark an wie zuletzt vor 35 und 39 Monaten. Damit signalisiert die Umfrage, dass der Inflationsdruck als Folge des Irankriegs noch deutlich steigen wird.
Wirtschafts- und Geldpolitiker sind besorgt, dass als Reaktion auf die steigenden Preise über höhere Lohnsteigerungen zu Zweitrundeneffekten und zu einer noch höheren Inflation kommen könnte. Im März war die Inflationsrate in Deutschland schon von 1,9 auf 2,7 Prozent gestiegen.
