Zwei starke Frauen säumen die Via Sett: Martina Lanz in Bivio. Menga Negrini in Casaccia. Von Nord nach Süd sind es rund fünfzehn Kilometer, die man in etwa sechs Stunden erwandert. Der Aufstieg verläuft sanft, der Abstieg ist hart.
Martina Lanz führt das Hotel „Post“ in Bivio in achter Generation. Der gepflegte Gasthof wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Die Kellner tragen schwarze Anzüge mit Fliege. Sie sind keine Tellerreinbringer, sondern Experten für das Tranchieren und Anrichten von Fleisch, Rösti und Gemüse. Wie früher. Mühelos wechseln sie von Deutsch nach Französisch oder Italienisch. Martina Lanz, die herzliche Herrin, ist im Haus omnipräsent: Sie sieht, wenn das Birchermüsli zur Neige geht, und winkt morgens um 8 Uhr eigenhändig den Bus der Übernachtungsgäste auf die enge und laute Kantonalstraße, die über den Pass führt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bi-Vio, wörtlich zwei Wege, der Ort am Oberlauf der Giulia, deutet darauf hin, dass sich der Wanderer entscheiden muss: ob er den Weg über den Julier-Pass und das Oberengadin nimmt. Oder, schneller und direkter, über den Septimer.
Über Jahrhunderte, genau gesagt seit die Römer im Jahr 14 vor Christus aus dem Süden anrückten und sich die „Rhäter“ unterwarfen, war der Septimer die normale Alpenüberquerung im Gebiet, das heute Graubünden heißt. Im Mittelalter, sagen wir vom zehnten bis zum 15. Jahrhundert, muss man sich die Via Sett als eine viel begangene Strecke der Händler und Säumer vorstellen: Von Süden brachten sie Wein, Gewürze, Farben. Nach Süden transportierten die Lasttiere Bauholz, Metalle, Felle, Käse. In Bivio konnten die Reisenden ein letztes Mal übernachten vor der beschwerlichen Passüberquerung, die über eine Höhe von 2300 Metern führt. Man darf sich die Täler hier im Hochgebirge nicht hinterwäldlerisch vorstellen: Die Weiler sind eher patrizisch als bäuerlich strukturiert. Die Menschen sind immer schon viel in der Welt herumgekommen.

Heute ist die Via Sett wenig begangen, obwohl Alpenüberquerungen boomen. Auf der Strecke Oberstdorf–Meran werden jährlich 20.000 Wanderer gezählt; auf der Septimerstrecke hat der Anbieter „Tour Explorer“ in diesem Jahr 40 Wanderungen verkauft; großzügig gerechnet kommen vielleicht noch 60 individuell Reisende hinzu. Dabei ist die Weitwanderung nicht nur aus historischer Sicht, sondern auch landschaftlich außerordentlich lohnend: Kaum irgendwo in den Alpen wechseln Licht, Vegetation und Kulturraum auf so engem Raum derart rasch. Freilich sollte man, falls Stadtmensch, in den Wochen vor der Wanderung seine Oberschenkelmuskulatur in Kondition bringen.

Martina Lanz deutet auf die Tafel ihrer Ahnen. Mit Rodolfo Lancio ging es Mitte des 18. Jahrhunderts los. Am Kamin im Estrich des Hotels steht sein Wahlspruch: „Herr, lass mich und die Meinigen dieses Haus nach Deinem Wunsche nutzen, bis Du mich zu Dir in den Himmel nimmst.“ Der wirtschaftliche Erfolg war für Christen kein Wert in sich selbst, sondern ein Weg, um Gnade bei Gott zu finden. Aus aller Herren Ländern kamen die Übernachtungsgäste, wie die ausliegenden Fremdenbücher belegen. Reverend Bickstedt, ein Pastor aus London, hat sich eingetragen am 11. Juni des Jahres 1883. Auch Norman Jackson aus den USA und ein Paar aus Elberfeld waren am selben Tag in der „Post“ abgestiegen. Ob sie auf Grand Tour in Richtung Florenz, Rom und Sizilien unterwegs waren?
Die grüne 64 weist den Weg
Martina Lanz wird die Letzte in der Generationenfolge sein. Geboren 1961, kinderlos, hat sie das Haus vor Kurzem an zwei Neffen übergeben, Finanzleute mit Ausbildung an der feinen Hochschule Sankt Gallen, die die operative Führung des Hotels künftig angestellten Managern überlassen. Eine fast dreihundert Jahre währende Epoche findet ein vorläufiges Ende.
Ich verlasse Bivio an einem sonnigen, aber kühlen Sommermorgen – ein bisschen müde, bin ich doch schon seit drei Tagen in langen Etappen auf der Via Sett unterwegs, die in Chur, der Hauptstadt des Kantons Graubündens, beginnt und in Chiavenna nördlich des Comer Sees in der Lombardei endet. Oder sagen wir so: Die Tourismusexperten haben diese Strecke als Via Sett definiert und durchgehend mit der grünen 64 markiert. Die Händler des Mittelalters waren vom Bodensee aufgebrochen, ihr Ziel hieß Mailand. In mäßiger Steigung geht es über die Alp Cavreccia Settimo. Alles sieht so aus, als hätten Kinder Berge, Almen und Kühe gemalt. Es ist eine Stimmung, die bereits herbstlich anmutet und die sie hier „segantinesk“ nennen: nach dem Nationalheiligen des Engadins, Giovanni Segantini (1858 bis 1899). In dessen Malerei erscheint die Bergwelt kristallin konturiert, mit hoher Leuchtkraft und ohne Dunst.

Die Alpwirtschaft weist hinter ihrer heidihaften Schönheit eine arbeitsteilige Komplexität auf. Häufig ist der Boden Allmende. Hier am Septimer handelt es sich um Privatweiden kooperierender Familien. Während der Alpzeit wird ein Hirte (mit Familie) angestellt, den sie hier „Älpler“ nennen. Anders als anderswo gibt es in dieser moorigen Gegend genügend Quellwasser für das Vieh.
Ich verdanke das Wissen über die Alpe der Via Sett der Autorin Irene Schuler, die mich auf dem Weg zur Passhöhe begleitet und nicht nur ein Buch über die Alpwirtschaft in Graubünden (genauer: im Parc Ela) geschrieben hat, sondern auch den maßgeblichen Wanderführer der Via Sett. Die studierte Geologin kennt jedes Gestein auf dem Weg, sie sieht sofort, ob der Granit mehr Quarz oder mehr Glimmer enthält. Und sie nennt jede Pflanze beim Namen. Mir haben es die im Hochmoor nahe der Passhöhe wachsenden Baumwollblümchen angetan. Wenn der Wind schärfer wird, meint man in ihren watteartigen Büscheln menschliche Profile zu erkennen mit wehenden weißen Haaren.
Zölle wie bei Trump
Irene weiß auch zu erzählen, dass spätestens seit dem Jahr 1100 auf dem Septimer ein christliches Hospiz stand. Es diente Händlern, Pilgern, Boten und anderen Reisenden als Herberge und wurde von einem Mönch betreut. In Auftrag gegeben hatte es der Bischof von Chur, der durch großzügige kaiserliche Schenkungen in den Besitz der an der Septimerstraße gelegenen Territorien gelangt war. Dieses Privileg berechtigte, von den durchreisenden Händlern Zölle und Wegegeld zu nehmen – und zwar nicht nur einmal, sondern jeweils an den Posten auf der Strecke und den Susten genannten Unterständen, deren Abschnitte sich die Säumer untereinander aufgeteilt hatten. Wenn ein kirchlicher Feiertag war, derer es viele gab (allein zwölf Marienfeiertage), durften die Reisenden nicht weiterziehen, mussten aber für einen weiteren Tag Zoll entrichten; Luxuswaren wie Gewürze, Seide oder Farben wurden besonders hoch belastet.
Der Bischof hatte für den Zoll eine Gegenleistung bereitzustellen: den Unterhalt der Wege, die Sicherheit für Menschen und Waren gegen böse Räuber und den Schutz Gottes durch die Mönche des Hospizes. Wenn der Bischof das nicht zufriedenstellend anbot, lief er Gefahr, dass die Händler alternative Routen wählten. Die Bündner Alpen kennen viele Pässe: den Julier oder den Splügenpass mit der Viamala-Schlucht. Oder in der Zentralschweiz den Gotthard, der dem Septimer nach und nach den Rang ablief. Dennoch war der „Settmer Berg“ auch im 18. und 19. Jahrhundert immer noch ein frequentierter Pass. Im 20. Jahrhundert wurde er Teil des „Reduit“ genannten unterirdischen Festungssystems der Schweiz, das im Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges als Rückzugsort fungierte. Aus der Handelsroute wurde – zumindest in den militärischen Planungen – ein möglicher Sperrriegel. Mit geübtem Auge lassen sich zwischen den sonnigen Almen Lüftungsschächte, Notausstiege und kleine betonierte Eingänge erkennen.
Als das Hospiz um 1820 schloss, endete eine rund siebenhundertjährige Tradition organisierter Gastfreundschaft auf der Passhöhe. Heute findet der Wanderer davon keine Spuren mehr, Schnee, Frost und Wind haben das Mauerwerk zerstört. Lange gab es weder Hütte noch Unterkunft auf dem langen Weg zwischen Bivio und Casaccia. Erst seit Sommer 2023 steht hier wieder eine kleine Hütte mit vier mal vier Stockbetten, die von einem engagierten jungen Paar bewirtschaftet wird. Stolz macht der Koch Appetit auf das Menü des Abends: Karotten-Ingwer-Suppe, Rinderhüfte und Polenta und Dessert. Zubereitet auf kleinstem Raum.

Die Cesa da Sett genannte Hütte ist den ganzen Sommer ausgebucht, die Hotels auf der Via Sett sind es nicht. Der heutige Bergtourist zieht von Hütte zu Hütte, fährt Mountainbike oder läuft Trail mit kleinem Rucksack auf unbefestigten Wegen.
Nach der Rast beginnt der Abstieg nach Casaccia im Bergell, dem Tal, das von Maloja bis nach Chiavenna führt. Hier reden sie italienisch. Die calvinistisch reformierte Bevölkerung hat sich in der Gegenreformation nicht wieder vom Katholizismus verführen lassen. Der Abstieg ist steil, aber auch lohnend, wie es im Reiseführerdeutsch heißt. Man kommt aus einer Welt der Alpenrosen und Edelweiße und findet sich gut zwei Stunden später im Land der Kastanien, Feigen, Kamelien und Oleander.
180 Jahre Hotelgeschichte
Im Ort treffen wir auf Menga Negrini, von der bereits die Rede war: Sie ist Inhaberin des Hotels Stampa, aus dem inzwischen ein Bed & Breakfast geworden ist. Die Familie ihrer Vorfahren beherbergt seit mehr als 180 Jahren Reisende. Das Hotel ist als Durchgangsherberge das Gegenstück zum Posthotel in Bivio.

Casaccia ist Transitort. Viele Bewohner suchten seit dem 18. Jahrhundert ihr Glück im Ausland, zogen nach Italien, Deutschland oder Ungarn und machten sich dort als „Zuckerbäcker“ selbständig: Hersteller von Süßigkeiten aller Art, Pralinen, Kuchen, Marzipan. Und Betreiber bekannter Kaffeehäuser. Nachdem sie im Ausland reüssierten, kehrten sie zurück ins Bergell, das im Winter drei Monate lang keine Sonne zu sehen bekommt. Menga Negrinis Vorfahr Rodolfo Stampa stand um 1834 vor der Entscheidung, auszuwandern oder zu bleiben. Er blieb, baute das Haus aus und hoffte auf den wachsenden Reiseverkehr.
Die Rechnung ging auf. Die Belle Époque wurde die große Zeit des Tourismus. Die Reisenden kamen mit ihrem Baedeker – das Instagram des 19. Jahrhunderts – und machten bei den Stampas Station auf dem Weg nach St. Moritz: Die Mediziner und Kurärzte hatten ihnen geraten, sich auf halber Strecke für die Höhe des Engadins zu akklimatisieren. Zuweilen dauerte der Zwischenstopp bis zu zwei Wochen, wie die Urenkelin erzählt.
Pech hatte der Großvater. Als Erbe des Hotels musste er zu Boomzeiten 1912 die Geschwister auszahlen, ein Erbe, das mit dem Beginn des Weltkriegs 1914 wertlos wurde. Erst in den Dreißigerjahren, als die Autos kamen – Graubünden hat Autos bis 1925 verboten –, sah man auch wieder Übernachtungsgäste. Mengas Vater hatte weniger Freude am Hotel, vergrub sich lieber in philosophische Bücher. Den Laden geschmissen hat die ehrgeizige Mutter, später zusammen mit der resoluten Tochter, eben mit Menga. Doch die Zeiten wurden härter. Erst verpachtete man das Restaurant, dann schloss man es ganz. Mengas Tochter managt heute das B&B. Sie ist promovierte Geologin, hat in Norwegen und in Neuseeland gelebt. Die Mutter glaubt nicht, dass die Tochter lange im Tal bleiben wird. Sie nimmt es hin, grämt sich nicht, ist einverstanden mit ihrem Leben. Auch hier endet eine lange Hotelgeschichte. Wie in Bivio.

Die Zeiten ändern sich auf der alten Passstraße. Künstler beleben historische Gebäude, neue Kulturprojekte ziehen Besucher aus aller Welt an. Dafür steht das Kulturprojekt „Origen“ zwischen Chur und Bivio, das Burgen, Kirchen und alte Hotels wieder mit Leben erfüllt. Die „Biennale Bregaglia“ im Tal zwischen Maloja und Castasegna lockt bildende Künstler ein paar Wochen im Sommer an entlegene Stellen des Bergell. Ein neues Heimatgefühl entsteht.
Bei Castasegna, einem Nest, in dem die Zeit stehen geblieben ist, überschreiten wir die Grenze nach Italien. Vorher blieb noch Zeit, eine von dem Architekten Gottfried Semper für den Zolldirektor Agostino Garbald im 19. Jahrhundert erbaute italienische Villa zu besichtigen. Im Sommer können dort Touristen übernachten. Den Rest des Jahres dient das Haus als Seminarort. Der deutsche Philosoph Ernst Bloch war hier durchgereist, nachdem er vor den Nazis geflohen und in die Schweiz emigriert war. Als er 1934 in Castasegna die Grenze ins faschistische Italien überschritt, soll er sich zu den Schweizer Zöllnern umgedreht und ihnen zugerufen haben: „Viva la libertà!“ Diese Freiheit ist immer noch zu spüren.
Literatur Vorzüglich ist der Führer von Irene Schuler: Via Sett (Verlag Terra Grischuna 2020). Die beste Einführung in die Geschichte des Septimers bieten Martin Bundi/Cristian Collenberg: Rätische Alpenpässe (Chur 2016). Zur Vorbereitung allgemein: Nina Ruhland: 101 Dinge, die ein Alpenüberquerer wissen muss. Bruckmann Verlag 2020.
