Der junge Mann mit dem rot-weiß gestreiften Trikot und der kirschroten Basecap formt mit geübten Griffen einen Pizzaboden mit erhabenem Rand aus einem frisch zubereiteten Teig. Er bestreicht ihn mit Tomatensauce und verteilt Büffelmozzarella-Stückchen darauf. Dann greift er sich noch ein paar Scheiben von der Salami und der pikanten Wurst aus den offenen Stahlbehältern vor seinen Augen und legt sie dazu. Der Gast macht einen langen Hals. „Mal probieren?“, fragt Paul Schniewind, dann schnappt er sich einen Teller, fischt an seinem Angestellten vorbei ein paar Scheiben Wurst heraus und lädt zum Naschen ein. Derweil schiebt der Pizzabäcker die von ihm zubereitete Pizza in den nur einen Schritt neben ihm stehenden Ofen. Nach 90 Sekunden ist die dampfende Salame-Milano aus dem Hause Giazzo fertig. Nach den ersten Bissen ahnt der Gast, weshalb das Gießener Start-up von Kunden so viel Lob einheimst und rasant wächst.
Das von Ökonom Schniewind und seinem Geschäftspartner Nermin Beganovic gegründete junge Unternehmen kann auf eine fast bilderbuchhafte Start-up-Geschichte verweisen. Vor fünf Jahren machte Beganovic eine Pizzeria in Wetzlar auf. Aber nicht irgendein Lokal mit italienischen Speisen. Vielmehr eines mit Pizzen nach neapolitanischer Art und aus Zutaten, die nach islamischer Lesart rein und erlaubt sind, also halal. Dergleichen gab es seinerzeit weit und breit nicht. Zumal der Gastronom seine Zutaten aus Mailand importierte, für den authentischen Geschmack, wie er berichtet. Die erste Pizza bereitete er in einer Garage zu – und das heimlich. „Denn seine Familie war dagegen“, verrät Schniewind.
Neapolitanische Pizza mit Dip
Beganovic ließ sich nicht beirren. Hatte er doch mit seinen Speisen eine Zielgruppe vor Augen, die sonst Pizza wegen des für Salami und Schinken verwendeten Schweinefleischs nicht bevorzugt: Muslime jeden Alters. In jenen Tagen arbeitete sein späterer Geschäftspartner nach der Ausbildung zum Restaurantfachmann und dem Wirtschaftsstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt im Verkauf. „Große Träume, nichts dahinter“, sagt er rückblickend im Spaß. Er habe am Main nie richtig Fuß gefasst, obwohl er sich als halber Frankfurter fühle. So sei er in seine Heimatstadt Wetzlar zurückgekehrt und habe in Beganovics Pizzeria angefangen.

Weshalb aber Pizza nach neapolitanischem Vorbild? „Sie ist die schönste von allen“, schwärmt Beganovic. Nur gibt es einen Haken: Anders als die in Deutschland nach römischer Art kross gebackene Variante sei die neapolitanische eigentlich fluffig und weich. Damit sei so mancher Kunde aber nicht glücklich gewesen. Beganovic und Schniewind fanden einen Ausweg. Sie backten ihre Pizzen einfach knuspriger. Ein weiterer Vorteil: „So lassen sie sich auch besser ausliefern.“ Dies wiederum kam ihnen auch aus einem anderen Grund zupass. Beganovic wollte mit seinem Unternehmen größer werden. Und wie lässt sich das besser machen als mit einem Lieferdienst?
Vor knapp drei Jahren taten sich beide als Geschäftspartner zusammen und gründeten den Lieferdienst Ragazzo mit Sitz an der Schützenstraße in Gießen. Wer die Straße kennt, der weiß: Sie liegt ziemlich weit ab vom Schuss. So gut wie keine Laufkundschaft. „Absolute C-Lage“, wie Schniewind sagt. Gleichwohl setzten sich die Unternehmer ein klares Ziel. „Wir wollten der coolste Lieferdienst in Gießen sein.“ Mittlerweile greifen sie weit höher ins Regal: „Wir wollen die beste Liefer-Pizza in Deutschland anbieten.“
Was im ersten Moment nach Größenwahn klingt, ist bis dato durchaus von Erfolg gekrönt. Drei Jahre nach der Gründung und einer Umfirmierung verfügt die Marke Giazzo über 16 Läden in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet, neuerdings ist sie auch mitten auf Föhr vertreten. Die Giazzo-Betreiber in Gladenbach im mittelhessischen Hinterland haben auf der Nordseeinsel kurzerhand ein Traditionslokal übernommen. Statt Speisen mit friesischem Charakter gibt es dort nun neapolitanische Pizzen.

Von Ragazzo in Giazzo umfirmieren musste das Start-up wegen eines von einem Stuttgarter Restaurantbetreiber angestrengten Namensstreits. Den neuen Namen fanden Beganovic und Schniewind nach einem Hinweis aus ihrer Community auf Social Media. „Streicht das R und das a und nehmt nach dem g ein i hinein“, so habe die Idee gelautet. Der besondere Charme: Auf diese Weise entstand ein neues Wort und mithin eine neue Marke. Zudem verweist GI auf Gießen.
Ab in die Großstadt? Giazzo mag den ländlichen Raum
Obwohl der Laden an der Schützenstraße anfangs nur viereinhalb Stunden am Tag geöffnet war, gewann Giazzo mit seinen Produkten rasch neue Fans. Wem die Pizza aus der Weststadt schmeckte, streute es auf Instagram und anderswo. Die Unternehmer machten zudem selbst Werbung auf Social Media und geizten nicht mit dem Einsatz ihrer kirschrot unterlegten Marke. Nicht von ungefähr steht oben auf dem Trikot des Pizzabäckers „Giazzo Pizza Club“. Das Logo hängt in Riesenlettern hinter der Theke von der Decke, klebt in der Ecke der Speisekarte an der Wand und ist auf den innen vorgewärmten Ausliefertaschen gut lesbar. Die Marke ist laut, wie es im Marketingdeutsch heißt. „Wir sind Streetstyle“, sagte Schniewind. Dabei legen die Unternehmer aber Wert auf verlässlich hohe Qualität und Pünktlichkeit. Sollte sich der Ausfahrer verspäten, melde er sich bei den Kunden, versichern sie. Der Clou: Zu den Pizzen sind Dips verfügbar, in die sich der krosse Rand tunken lässt.

Ihr Erfolg zieht Kreise. Zu den 16 Läden kommen demnach bald 21 weitere hinzu, unter anderem in Mainz, Heidelberg und Siegen, wie Beganovic sagt. Die Verträge mit den Franchisenehmern seien schon unterzeichnet: Das Unternehmen eröffnet nämlich nicht jede Filiale selbst, sondern arbeitet mit eigenständigen Unternehmern zusammen, die gegen eine Gebühr das erprobte Geschäftskonzept inklusive der Rezepte und Zutaten nutzen dürfen. Zwar kämen nach dem Laden an der Berger Straße zwei weitere Geschäfte in Frankfurt hinzu. Allerdings bevorzugt das Giazzo-Duo nach eigenem Bekunden eher kleinere Städte, die gerne ländlich geprägt sein dürfen. Dazu passen die Standorte in Hattersheim, in Lich oder in Borgsum auf Föhr. Ihr Kalkül: Günstigere Mieten als in der Großstadt und eine überschaubare Konkurrenz erleichterten ihren Franchisenehmern den Start. So komme schnell Geld in die Kasse. Dessen ungeachtet laufe der Laden in Bornheim trotz der sieben anderen Pizzerien in der Gegend gut, sagt Schniewind: „Gastronomie kann Bock machen.“
