Eine schwer kranke Frau füllt ihre letzten Lebenstage mit zahlreichen Aktivitäten, vor allem baut sie ihr Haus um. Um sich herum hat sie nur ihren Kater, bis unerwartet und frisch verliebt ihr Vater mit seiner Geliebten vor der Tür steht. Der Beginn eines neuen Lebens für ihn und das Ende des Lebens seiner Tochter fallen in eins. Thorsten Lensings neuestes Stück „Tanzende Idioten“, uraufgeführt im Januar in Berlin, behandelt Sterben und Abschiednehmen und Trauer und wird nun auch am Schauspiel Frankfurt zu sehen sein. Ein schwerer Theaterabend also um existenzielle Themen?
Weit gefehlt, sagt Ursina Lardi, die in dem Drei-Stunden-Stück Goldie, die sterbenskranke Hauptfigur spielt, im Gespräch. Immer wieder wiederholt sie, wie wichtig es sei, das Stück nicht als „düstere Messe“ zu verstehen, spricht vom Humor und der Heiterkeit des Abends. Bei den Wiener Festwochen im Mai habe das Publikum begeistert reagiert: „Die Leute kommen beseelt und beglückt aus dem Stück. Es wird viel gelacht.“ Das liegt auch an den vielen absurden, grotesk-komischen Einfällen, wie dem sprechenden Kater, einem Trommler, der Nutzung des Körpers als Schlaginstrument oder dem Besuch der Figuren in einer gläsernen Sauna.
Das Stück basiert teilweise auf Motiven aus Erzählungen des amerikanischen Autors Denis Johnson. Lensing verwendet Figuren und einzelne Dialogpassagen und macht daraus eine spielerische Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz. Ausgangspunkt war eine Erzählung über einen im Sterben liegenden Mann, der Umbaupläne für sein Haus zeichnet, während eine schlafende Katze auf seinem Bauch liegt. Auch der Titel des Stücks ist von einer Aussage Johnsons inspiriert: „Ich würde meine Figuren genauso beschreiben wie mich selbst: Wir sind tanzende Idioten.“
„Wir sind tanzende Idioten“
Die Grundkonstellation hat Lensing beibehalten, sich aber für eine weibliche Hauptfigur entschieden. Wieder hat Lensing ein Stück für Ursina Lardi und Sebastian Blomberg, der ihren Kater Apollo spielt, sowie André Jung und Karin Neuhäuser geschrieben. Bereits in „Unendlicher Spaß“ nach dem Roman von David Foster Wallace (2018) und „Verrückt nach Trost“ (2022), die beide auch am Frankfurter Mousonturm zu sehen waren, hat er mit dem Team, zu dem in diesen Stücken auch Devid Striesow gehörte, zusammengearbeitet, fast schon eine kleine Theaterfamilie: „Wir, also die Spieler untereinander und mit Thorsten, haben eine sehr lange, sehr tiefe Arbeitsbeziehung, schon seit vielen Jahren“, sagt Lardi, und man spüre die Energie, die aus dieser langen Zusammenarbeit entstanden ist, in allen Produktionen.
Ebendiese tiefe Vertrautheit führt dazu, dass Lensing schon beim Schreiben seine Schauspieler vor Augen hat, die Rollen sind wie maßgeschneiderte Kleidungsstücke, in die sie nur noch hineinzuschlüpfen brauchen. „Ich konnte mich sofort mit dem Text verbinden“, sagt Lardi, zumal ja tiefste, persönlichste Schichten angesprochen werden: „Ja, ich spiele da ja auch meine eigene Zukunft. Aber ich empfinde das nicht als belastend.“ Und sie fügt hinzu: „Man muss sich ja der Wahrheit stellen.“
Lensing wird oft für die Freiheit gerühmt, die er seinen Akteuren ermögliche. Doch werde bei den Proben keineswegs frei improvisiert, der Bühnentext, an dem Lensing mehrere Jahre gearbeitet hatte, war zu Beginn der zweimal vierwöchigen Proben bereits fertig: „Das ist keine Stückentwicklung im eigentlichen Sinne. Wenn wir anfangen zu proben, liegt der Text vor. Mit unseren Erkenntnissen aus dem Spiel wird er dann erweitert, gekürzt, umgestellt, präzisiert.“ Die Freiheit entstehe dadurch, „wie wir miteinander und mit dem Text umgehen“. Auch deswegen benötige das Stück fast nur die Akteure: „Wir haben eine ganz einfache, klare Bühne, nur wenige Requisiten, keine Videoeinspielungen, keine Licht- oder Toneffekte. Unser Spiel ist immer das Zentrum.“ Und obwohl es in „Tanzende Idioten“ um so viele ernste Dinge geht, seien es auch „sehr heitere Proben gewesen“, sagt Lardi, denn die Tiefe werde „durch Heiterkeit und Ernsthaftigkeit“ erreicht. Wie nur wenige andere Regisseure im deutschsprachigen Gegenwartstheater behandele Lensing „ernste Themen mit großer Heiterkeit“. Die Voraussetzung dafür: „Er hat einen liebevollen Blick auf die Menschen und ihre Schwächen, ihre Größe, ihre Leiden.“ Das Allerwichtigste aber sei immer: „Humor!“ In „Tanzende Idioten“ zeige sich das besonders eindrucksvoll: „Ja, die Figuren sind verwundet, verletzt, aber trotzdem geht es immer um Lebensfreude.“
Radikalität und Einfühlungsvermögen
Die Wärme und Begeisterung, mit der Ursina Lardi über Thorsten Lensing und die Kollegen spricht, gehen spürbar über das übliche professionelle Einander-Loben in der Zunft hinaus. Man merkt schnell, dass diese Schauspielerin voller Neugier ist und voller Bereitschaft, die eigenen Grenzen immer neu zu erkunden. Anlässlich der Verleihung des Silbernen Löwen bei der Theater-Biennale in Venedig rühmte der Schauspieler Willem Dafoe in seiner Laudatio ihre „Radikalität und Einfühlungsvermögen“, ihre „gleichbleibend intensive Tiefe“ sowie ihre Bereitschaft, „Risiken einzugehen“.
Auch Regisseure wie Thomas Ostermeier oder Milo Rau, mit denen sie häufig zusammengearbeitet hat, haben sich begeistert über ihre Intensität, ihre Präsenz auf der Bühne, aber auch auf der Leinwand geäußert. Aus ihren vielen Fernseh- und Kinorollen ragt Michael Hanekes vielfach ausgezeichneter Film „Das weiße Band“ heraus, 2022 hatte sie in Cannes Premiere in Lionels Baiers „La dérive des continents“, Ende letzten Jahres spielte sie eine der Hauptrollen in „Das Verlangen“, dem Münchner „Tatort“, der einen Mord während einer Aufführung von Tschechows „Die Möwe“ behandelt.

Lensing hat einmal über sie gesagt: „Was Ursina überhaupt nicht kennt, ist Schonung, Bequemlichkeit, sie gibt immer alles. Sie verschwendet sich förmlich.“ Und tatsächlich kann man über das Arbeitspensum der 1970 in der Schweiz geborenen Lardi nur staunen. Neben der Tournee mit „Tanzende Idioten“, das in Wien und gerade auch in Hamburg auf Kampnagel zu sehen war und nach dem Abstecher nach Frankfurt in Düsseldorf gastieren wird, ist sie im In- und Ausland auch mit der Berliner Schaubühne unterwegs, wo sie seit 2012 nach Stationen in Frankfurt, Hannover und Hamburg festes Ensemblemitglied ist. Darüber hinaus dreht sie im Juli noch einen Politthriller in München für den Bayerischen Rundfunk, ehe nach einer kurzen Sommerpause die Proben für die neue Spielzeit an der Schaubühne beginnen und im Herbst dann wieder „Tanzende Idioten“ unter anderem in Stuttgart.
Lardi, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn seit vielen Jahren in Berlin lebt, wurde vielfach ausgezeichnet, 2014 mit dem Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin, 2017 mit dem Schweizer Grand Prix Theater und der wichtigsten Auszeichnung für Schauspieler in der Schweiz, dem Hans-Reinhart-Ring. Trotz der vielen Auszeichnungen und Erfolge wirkt Ursina Lardi in keinem Moment wie eine Diva, im Gespräch bevorzugt sie das Understatement und redet lieber über andere als über sich. Aber wie glücklich sie mit ihrem Leben auf der Bühne und im Film ist, gibt sie unumwunden zu: „Ich bin froh, dass ich mich nicht für eins entscheiden muss. Ich habe lange darauf hingearbeitet, beides machen zu können, und es passt so genau für mich.“
„Tanzende Idioten“ wird am 27. Juni um 19.30 Uhr im Schauspiel Frankfurt gezeigt.
