
Auf rund 750 Seiten erzählt Thomas Mann in seinem Debütroman „Buddenbrooks“ die über vier Generationen reichende Geschichte einer Kaufmannsfamilie aus Lübeck, stark angelehnt an das Schicksal seiner eigenen Vorfahren, ohne Angst vor dem Spoilern mit „Verfall einer Familie“ untertitelt. Die Regisseurin Johanna Wehner hat nun das ehrgeizige Ziel, das fünf Jahrzehnte umfassende Epos im Schauspiel Frankfurt auf die Bühne zu bringen, und hat sich dafür ein verblüffend knappes Zeitmaß gesetzt. Natürlich sind so radikale Kürzungen notwendig, die ihr in diesem Fall, da der Roman „immer schon zu meinen Top Five gehörte“, besonders schwergefallen seien, wie sie offen im Gespräch zugibt und mit entwaffnender Offenheit hinzufügt: „Ich hoffe sehr, dass wir es in drei Stunden schaffen, ich selbst habe das Sitzfleisch für lange Theaterabende nicht.“
Nach mehr als einem Jahr Vorbereitung mit immer neuen Leseanläufen und einer Zusammenfassung der wichtigsten Handlungsabläufe auf 25 Seiten war er auf einmal da. Der rettende Satz, den sie an den Anfang ihres Abends stellen wird. Und es ist, womöglich wenig überraschend, der bereits von Schopenhauer-Lektüre angekränkelte Senator Thomas Buddenbrook, der ihn, nicht lange vor seinem scheinbar plötzlichen, in Wahrheit sich lange ankündigenden Tod, in einer Mischung aus Erkenntnis und Lebensekel äußert: „Wozu ist der Mensch auf der Welt?“
Damit hatte Johanna Wehners Inszenierungsplan eine Art Motto, den Beginn eines roten Fadens, der den darauffolgenden Gang durch die Welt des Romans strukturiert. Von diesem ersten Anklingen des Todes- und Verfallsmotivs abgesehen, hält sich die Inszenierung an die Chronologie des Romans, zeigt sowohl die alten Patriarchen Johann und Jean Buddenbrook, dann natürlich die zentralen Figuren, die Brüder Thomas und Christian sowie ihre Schwester Tony, dazu die Senatorin und die vielen originellen Nebenfiguren, schließlich auch den lebensuntüchtigen Hanno, mit dessen Tod der Verfall kulminiert. Verfall, der zugleich immer auch ein Prozess der Verfeinerung, der Entvitalisierung durch den Einfluss der Kunst ist, denn dieser figuren- und lebenssatte Roman handelt auch vom Lebensthema Manns, dem Gegensatz von Künstler und Bürger.
Sie liebt das Offenlegen von Strukturen
Johanna Wehners Fassung benutzt dabei ausschließlich die Sprache des Romans, dessen Text von den acht Schauspielern und Schauspielerinnen im Lauf des Abends ohne feste Rollenfestlegung gesprochen und teilweise auch gespielt wird. Erst gegen Ende, sagt Johanna Wehner, werde es eine leichte Verschiebung geben und der Eindruck von durchgehenden Rollen entstehen. Doch auch hier würden immer wieder auch nicht zu einer bestimmten Romanfigur passende Textteile die Illusion durchbrechen, hier spiele einer den Möchtegern-Künstler Christian, ein anderer den sich für den Erhalt der Handelsfirma aufopfernden Kaufmann Thomas.
Schon Wehners Studienabschluss an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, die Uraufführung ihrer Bearbeitung des Romans „Kürzere Tage“ von Anna Katharina Hahn am Schauspiel Stuttgart, war ein erster Hinweis für das, was mittlerweile zu einer Art Markenzeichen geworden ist: Die Verwandlung von Prosawerken in wirkungsvolle Theaterabende, die alles andere sind als eine Eins-zu-eins-Nacherzählung. Womöglich half ihr dabei das vorausgegangene Philosophie- und Germanistikstudium in Bonn und im schottischen St. Andrews, das sie mit einer Staatsexamensarbeit über die britische Dramatikerin Sarak Kane abschloss.
Für ihre Inszenierungen wurde sie von „Theater heute“ mehrfach als Nachwuchsregisseurin des Jahres nominiert. Für „Die Orestie“ erhielt sie 2017 den Theaterpreis „Faust“ für die beste Schauspielregie. Obwohl sie zwischen 2014 und 2017 als Oberspielleiterin des Theaters Konstanz etwa Goethes „Faust“ oder Schillers „Jungfrau von Orleans“ und an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich unter anderem „Medea“ und „Romeo und Julia“ inszenierte, hat sich in den vergangenen Jahren die Bühnenfassung von Prosawerken zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit herausgebildet. Ein Grund dafür sei womöglich ihr großes Interesse für „die Offenlegung von Strukturen, egal ob in Familie oder Gesellschaft“, vermutet sie selbst. So zeigte sie am Nationaltheater Mannheim ihre Version von Saša Stanišić’ autobiographischem Roman „Herkunft“, „Franziska Linkerhand“ nach Brigitte Reimann in Cottbus und 2025 Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ am Volkstheater Wien.
Immer wieder gern in Frankfurt
Auch für das Frankfurter Publikum ist die 1981 in Bonn geborene Johanna Wehner keine Unbekannte. In der Spielzeit 2013/14 leitete sie zusammen mit Alexander Eisenach und Ersan Mondtag das Regiestudio des Schauspiels und inszenierte unter anderem „Die Geierwally“, „Angst“ nach Stefan Zweig und Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Es folgten „Hiob“ nach Joseph Roth und ihre eigenwillige Bearbeitung von Bram Stokers Genre-Klassiker „Dracula“. Frankfurt zähle zu den Theatern, an denen sie mit Vorliebe arbeite, sagt sie und schwärmt vom hoch engagierten wandlungsfähigen Ensemble und der immer wieder beglückenden Zusammenarbeit.
Folgerichtig stehen in ihrer Bearbeitung der „Buddenbrooks“ die Schauspieler im Mittelpunkt, es wird keine medialen Spielereien geben, keine Live-Musik und auch kein Video. „Ich bin da entweder bieder oder ganz modern, wie man es sieht“, sagt Wehner und hebt noch einmal hervor, dass sie vor allem die Prosa Thomas Manns, seine Sprache, seine Figurenbeschreibung und seinen Humor wirken lassen wolle. Die Verwandlung eines der berühmtesten Prosawerke der deutschen Literatur in ein Bühnenstück führe schließlich zu einem spannenden Paradox: „Es ist überhaupt nicht Thomas Mann und dabei doch ganz viel Thomas Mann.“
Zwar bezeichnet sich Johanna Wehner als „Person, die immer das Bestmögliche“ mache, doch hat sie dabei einen sehr realistischen Blick auf ihre Arbeit und verblüfft im Gespräch immer wieder mit erfrischend selbstironischer, auch selbstkritischer Unverblümtheit: „Ich bin sehr maschendrahtig, bei mit verfängt auch manchmal Schrott.“ Sie arbeite immer hart dafür, ein optimales Ergebnis zu bekommen, aber man müsse als Regisseurin auch anerkennen, dass auf der Bühne am Ende nicht alles perfekt wird. „Ich bin da mittlerweile ganz aufgeräumt, es wird nie ganz so wie imaginiert.“
Man sieht der schon am frühen Vormittag vor der Bühnenprobe quicklebendigen Johanna Wehner nicht an, dass sie derzeit nicht immer genügend Schlaf bekommt. Denn sie ist mit ihrem wenige Monate alten Sohn in Frankfurt, während ihr Mann mit der siebenjährigen Tochter zu Hause in Berlin ist. Die Reiserei habe zwar viele Nachteile, sagt Wehner, aber eigentlich schätze sie auch, dass sich durch die Arbeit an vielen Häusern fern von Berlin eine gewisse Distanz ergibt, Privat- und Berufsleben räumlich getrennt sind. Natürlich aber sei permanente Organisation und die stundenweise Betreuung durch Babysitter unumgänglich. „Deshalb bin ich zurzeit vor allem ein Logistikunternehmen!“, sagt sie und lacht.
„Buddenbrooks“, Premiere am Schauspiel Frankfurt am 25. April um 19.30 Uhr.
