An der Säulenbasis des Engelbertusportals lässt sich an der hellen Färbung ablesen, wie hoch der Boden hier seit 1808 gestanden hat. Um 80 Zentimeter war er damals aufgeschüttet worden. Jetzt gehen Besucher der Nordvorhalle der Leonhardskirche wieder auf dem Niveau früherer Jahrhunderte. Nicht nur das: Die ganze Halle präsentiert sich wie im 16. Jahrhundert. Nach 20 Jahren, in denen zunächst das Äußere und dann das Innere der im Westen der Altstadt am Main gelegenen Kirche saniert wurde, ist nun auch der letzte Sanierungsabschnitt von Sankt Leonhard abgeschlossen.
Bei der Absenkung des Bodens ist es nicht geblieben. Mehr als 200 Jahre lang war die Vorhalle an der Längsseite offen und Teil des Kirchenraums, während die Heilig-Grab-Kapelle durch eine Wand abgetrennt als zusätzliche Sakristei diente. Nachdem schon die Längswand wiedererrichtet worden war, ist jetzt die seitliche Mauer entfernt worden. Dadurch bietet sich der freie Blick auf das Heilige Grab, dessen Grabplatte mit der Jesusfigur bei Grabungen 1927 entdeckt worden waren, weitere Teile wurden von 2009 an im Kirchenboden gefunden. Zwischenzeitlich war das Ensemble, vermutlich ein familiäres Grabmonument, in einer Ausstellung im Archäologischen Museum zu sehen. Nun ist es an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt.

Der wichtigste Grund, weshalb sich die Arbeiten an der Nordvorhalle auch nach Abschluss der Innensanierung der Kirche im Jahr 2019 weiter hinzogen, liegt jedoch tiefer. „Die Standsicherheit war ungeklärt“, sagte Dombaumeisterin Julia Lienemeyer jetzt bei einem Ortstermin. Anfangs hatte man Sorge, die ganze Kirche sei in Bewegung, doch sie steht nach Worten Lienemeyers auf „festem Frankfurter Boden“. Dabei handelt es sich um eine dicke Tonschicht, unter der sich Kalkstein befindet.
Unterfütterung der Halle
Die Vorhalle hingegen wurde im 16. Jahrhundert auf unsicherem Grund errichtet, was anfangs auch gar nicht problematisch war. „Sie war erst eingeschossig und aus Holz“, sagte Lienemeyer. Doch dann wurde sie aus Stein gebaut, und die eingeschossig geplante Halle bekam durch einen Stifter ein zweites Geschoss mit Gewölbe. „Das Fundament war dafür nicht ausgelegt“, sagte die an der Sanierung beteiligte Architektin Ute Gehrmann. Strebepfeiler seien ein früher Versuch gewesen, den Baumangel zu beheben.
Das gelang jedoch erst mit der 2023 begonnenen Unterfütterung der Halle mit 70 Betonsäulen, die im Düsenstrahlverfahren eingebracht wurden. Sie sind bis zu vier Meter lang, bei einem Durchmesser von 1,40 Metern. Während der Arbeiten wurde das Bauwerk akribisch überwacht. „Die Messfühler ließen zwei Millimeter Toleranz zu“, sagte Gehrmann. „Sonst ging bei neun Personen der Alarm auf dem Handy los.“ Schrecksekunden habe es aber nur nach dem einen oder anderen unabsichtlichen Stoß gegen die Messgeräte gegeben.

Nach der grundlegenden Sicherung galten klassische restauratorische Arbeiten der Rankenmalerei an der Decke und dem hängenden Gewölbe im Salvatorchörlein. Dompfarrer Johannes zu Eltz nannte den zwischen 1508 bis 1518 von Hans Baltz geschaffenen Deckenschmuck, unter dem das Taufbecken steht, eine „zwecklose Herrlichkeit“. Die Frage nach dem Zustand, in dem man die im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört gebliebene Kirche zeigen wollte, stellte die Fachleute vor eine Herausforderung, wie Christine Kenner vom Landesamt für Denkmalpflege sagte. Die Vorhalle sei im 15. und 16. Jahrhundert ein „Ort der Gestaltungsfreude“ gewesen, an dem sich die wohlhabenden Bürger und Patrizier verwirklicht hätten. Teilweise sei alle 20 Jahre ein Detail umgestaltet worden. „Das Geld dafür war in Frankfurt da.“
Das „Lieblingskind“ von Kämmerer Bergerhoff
500 Jahre später verfügt auch die Stadt selbst über genügend Geld, um die Sanierung der Kirche Sankt Leonhard bezahlen zu können. Sie ist eine der acht Dotationskirchen, für deren Erhalt sie zuständig ist. 4,3 Millionen Euro haben die Arbeiten an der nördlichen Vorhalle gekostet, die zu den Sanierungskosten für die restliche Kirche von 11,2 Millionen Euro hinzukommen. Das Landesamt für Denkmalpflege und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz haben sich an den Kosten beteiligt.
Kämmerer Bastian Bergerhoff (Die Grünen) freut sich, das Projekt kurz vor dem Ende seiner Amtszeit abschließen zu können – er wird von der neuen Koalition in zwei Wochen endgültig abgewählt. Die Leonhardskirche nannte er sein „Lieblingskind“, weil sie mit ihrer geduckten Form Beständigkeit und Beharrlichkeit ausdrücke. Die Leiterin des städtischen Denkmalamts, Andrea Hampel, wusste, woher dieser Eindruck rührt: „Ihr fehlt ein ganzes Stockwerk.“
Mit einer Andacht um 15 Uhr wird die Nordvorhalle am Sonntag eröffnet. Außerdem gibt es einen Umtrunk und Kurzführungen. Das Datum passt zur Geschichte der Kirche. Die Urkunde, mit der der König und spätere Kaiser Friedrich II. im Jahr 1219 den Frankfurter Bürgern das Grundstück für den Bau der Kirche schenkte, datiert vom 15. August. Im September bieten das Dommuseum und die Kirchengemeinde ein Kulturprogramm an, das auf der Homepage des Frankfurter Dommuseums abgerufen werden kann.
