Rund um die Sagrada Família gibt es kein Entkommen. Antoni Gaudí ist überall. „Gaudí Gallery“ und „Gaudí Art“ heißen die Läden, ihr Dachverband „Gaudí Shopping“. Das Angebot: kleine Kampfstiere, rote Flamenco-Kleidchen für Kinder neben Unterhosen, die Aufschluss über sexuelle Vorlieben geben, und T-Shirts mit der Nummer 10 des Fußballstars Lamine Yamal für 40 Euro. „Gaudí Eis“ verkauft Erfrischungen. Andere Lokale mit Blick auf die Basilika haben valencianische Paella, italienische Pizza und Bier in Oktoberfest-Maßkrügen auf der Karte.
Der „Architekt Gottes“ bringt Barcelona das große Geschäft, und für den 10. Juni hat sich heiliger Besuch angekündigt. Am 100. Todestag Antonio Gaudís weiht der Papst den Jesus-Turm, der die Basilika krönt, die Gaudí unvollendet hinterlassen hat. In der Krypta der Sagrada Família wird Leo XIV. zuvor Blumen an dessen Grab niederlegen. Stille Einkehr ist im Jubiläumsjahr das Privileg von Ehrengästen. Denn Gaudís Jünger überrennen schon seit Wochen die Kirche und das gleichnamige Viertel.
An den Baustellen stauen sich die Menschenmassen, die aus der Metro und den Touristenbussen quellen. Sie geraten immer wieder ins Stocken. Zu viele von ihnen bleiben einfach stehen und versuchen, den neuen Turm mit dem weißen Kreuz zu fotografieren. Angesichts des höchsten Kirchturms der Welt ist das eine Herausforderung. Doch mehr geht oft gar nicht. Die offiziellen Onlinetickets für das Innere der Basilika waren zuletzt bis zu drei Wochen im Voraus ausgebucht. Auch drinnen wird es eng: Höchstens 4000 Menschen passen auf einmal hinein.
Jedes Jahr kommen fast fünf Millionen Besucher
Knapp fünf Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr die Sagrada Família, 90 Prozent davon sind Ausländer – Barcelona selbst hat nur 1,7 Millionen Einwohner. An Spitzentagen waren es manchmal 17.000 und auf den Straßen außen herum fast dreimal so viele. Die Stadtverwaltung kalkuliert im Jahr mit 22 Millionen Besuchern.
Gaudí hinterließ Barcelona mit seinen Monumenten die umsatzstärksten Sehenswürdigkeiten in ganz Spanien. In den Park Güell, den er geplant hat, pilgern jedes Jahr ähnlich viele Menschen wie in die Basilika. Am Gràcia-Boulevard besuchen fast 1,9 Millionen Menschen jedes Jahr die kleine Casa Batlló. In der Casa Milà („La Pedrera“) mit ihrer geschwungenen Dachlandschaft auf der anderen Straßenseite waren es eine Million. Gaudís architektonischer Nachlass bescherte seinen Eigentümern und Betreibern Gesamteinnahmen von fast 300 Millionen Euro. Dabei sind die Umsätze der Hotels, Restaurants und Geschäfte noch nicht eingerechnet.

Ausgerechnet das Erbe des phantasievollen Architekten, der für die Menschen seiner Heimatstadt baute, trägt dazu bei, dass sich im Herzen Barcelonas eine touristische Monokultur ausbreitet, die für die Einwohner immer weniger Platz lässt. Entlang der „Avenida Gaudí“ lässt sich fast live beobachten, wie sie sich von der Sagrada Família aus immer weiter in das Wohnviertel hineinfrisst.
„Wir erhalten fast täglich Angebote von Souvenirläden, aber wir geben nicht auf“, sagt Houria Soriano. „Flores Soriano“ verkauft blühende Dahlien, Margeriten und kleine Zitronenbäume in Sichtweite der Basilika. Seit 1940 tut das die Familie, mittlerweile in der dritten Generation. Viele Kunden seien weggezogen, klagt die Blumenhändlerin. Aber die Stammkunden hielten ihrem Geschäft weiter die Treue. „Oft haben sie oder ihre Eltern den Brautstrauß bei uns gekauft“, sagt Houria Soriano.
Das Angebot in den Läden wird immer uniformer
In den Läden und Lokalen nebenan wird das Angebot immer uniformer. Wie eine Insel wirkt an der Ecke Sardenya-Straße „Calçats Pueyo“. Stolz erzählt die Inhaberin Ana Pueyo, dass sie seit 67 Jahren Schuhe „hecho en España“ verkaufen, zu 100 Prozent in Spanien hergestellt. „Wenn wir aufhören, macht hier noch ein chinesischer Minimarkt oder noch ein Souvenirhändler auf“, sagt die Geschäftsfrau. In ihrem eigenen Viertel fühlt sie sich mit ihrer Familie immer fremder. „Es wird zu einem großen Airbnb“, klagt sie. Die meisten Nachbarn sind längst Touristen. Mit Kurzzeitgästen in Ferienwohnungen lässt sich in wenigen Tagen so viel Geld verdienen wie mit einer regulären Vermietung in einem ganzen Monat.
Als Gaudí auf seine Baustelle zog, war sie noch von Wiesen und Feldern umgeben. Bald errichtete er eine Schule für die Kinder seiner Bauleute und aus dem Viertel. Er selbst begnügte sich mit einem Bett in seinem Atelier. In der Krypta fand er dann seine letzte Ruhestätte. Als er 1926 starb, stand nur ein Zehntel des „Sühnetempels der Heiligen Familie“. 1882 begonnen, wird an seiner „Unvollendeten“ schon zehnmal so lange gebaut wie an der großen Pyramide von Gizeh in Ägypten.

Gaudís Basilika überragt sie längst. Mit 172,5 Metern ist der Jesus-Turm seit Februar nicht nur das höchste Bauwerk der Stadt, sondern auch der höchste Kirchturm der Welt. Nach dem Willen seines Schöpfers soll der 14. von insgesamt 18 Türmen den höchsten Berg Barcelonas, den 173 Meter hohen Montjuïc, auf keinen Fall überragen: Der Berg war für ihn ein Werk Gottes, das er nicht in den Schatten stellen wollte.
Bis vor Kurzem hielt das Ulmer Münster diesen Weltrekord. Ein Fassadenbauer aus dem bayerisch-schwäbischen Gundelfingen half in Barcelona, mit einem begehbaren Kreuz aus Stahl und Glas das Ulmer Münster zu entthronen. Gaudí wusste, dass viel Geduld und noch mehr Zeit nötig sein würden, bis es so weit wäre. „Es werden andere kommen“, sagte er gelassen über sein Werk. „Liebe und Technik“, nannte er seine Formel. Moderne Baumethoden trugen immer wieder dazu bei, Phasen des Stillstands aufzuholen. Mehr als einmal stand alles infrage, aber Faszination und Hartnäckigkeit setzten sich durch.
Die Kirche wuchs mit der Stadt
Zehn Jahre nach seinem Tod ging sein Atelier mit unzähligen Modellen in Flammen auf. Aber während des spanischen Bürgerkriegs wurden die Anfänge der Basilika zu einem Symbol des Widerstands. Die Kirche wuchs mit der Stadt, die ihren internationalen Durchbruch mit den Olympischen Spielen 1992 erlebte, und wurde zu ihrem Wahrzeichen.
Islamistische Terroristen spähten sie 2017 als mögliches Anschlagsziel aus, entschieden sich aber dann für die Rambla. Nach der Amokfahrt fand in der Sagrada Família die Trauerfeier für die Opfer statt. Leo XIV. ist nach Johannes Paul II. und Benedikt XVI., der 2010 den Innenraum weihte, schon der dritte Papst, der auf die Dauerbaustelle pilgert.
Die Corona-Pandemie bremste ebenso wenig den Baufortschritt wie zahlreiche Wirtschaftskrisen. Nach den Lockdowns strömten noch mehr Touristen nach Barcelona. So ging eines der ältesten Crowdfundingprojekte auf der Welt weiter: 2021 leuchtete der Stern auf dem neuen Marienturm. Das UNESCO-Weltkulturerbe erhält weder von Staat noch Kirche finanzielle Unterstützung. Früher waren es Almosen, heute sind es die Eintrittsgelder, die 26 Euro pro Person einbringen.
Wer keine Karte mehr bekommt, findet im Jubiläumsjahr virtuellen Ersatz. Es gibt gleich mehrere Escape-Rooms. Sie heißen „Gaudí und der verborgene Schatz“ oder „Mission Gaudí“. Bei diesem Indoorspiel müssen die Teilnehmer unter anderem die Pläne der Kirche nach einem Brand retten. Beim „Misterio de Gaudí“ sollen die Spieler das Geheimnis hinter den mysteriösen Umständen seines Todes aufklären.

Am 7. Juni 1926 war der Architekt auf dem Weg zur Baustelle von einer Straßenbahn überrollt worden. Man hielt den schäbig gekleideten graubärtigen Schwerverletzten für einen Bettler und brachte ihn zunächst in ein Armenkrankenhaus. Drei Tage später starb er. Tausende säumten während seines Trauerzugs zur Sagrada Família die Straßen.
43 Jahre lang hatte er gebaut und hinterließ eigentlich nur eine große Idee. Seine von Gotik und Natur inspirierte Stilmischung war schon wieder aus der Mode. Pablo Picasso, der mehrere Jahre in Barcelona lebte, konnte nichts damit anfangen. Architekten wie Le Corbusier, Walter Gropius und viele andere forderten, Gaudís Erbe nichts hinzuzufügen. Der Maler Salvador Dalí regte an, aus Respekt vor seinem Werk die Kirche unvollendet zu lassen. Angesichts des Jubiläumsrummels bat der Schriftsteller Eduardo Mendoza darum, den Baumeister einfach in Frieden ruhen zu lassen.
Doch Generationen von Architekten und Künstlern bauten unbeirrt weiter und interpretierten seine Vision, deren Finale noch aussteht. „Wir arbeiten an der Gloria-Fassade“, steht an der hohen Absperrung an der Mallorca-Straße. An der grauen Betonwand soll sich spätestens in einem Jahrzehnt ihr Hauptportal mit einer riesigen Freitreppe erheben – weit auf die andere Seite, wo heute das acht Stockwerke hohe Wohnhaus steht.
Die Nachbarn der Basilika bangen um ihre Zukunft
Die monumentale „Fassade des Ruhms“ soll den Kampf der Menschheit um das ewige Leben darstellen. Aber seit Jahren sind es vor allem die Nachbarn, die in der Stadt mit der dramatischen Wohnungsnot um ihre Zukunft bangen. Die Stiftung hat gerade den Auftrag für die endgültige Planung gegeben und ist zuversichtlich, dass bald eine Lösung gefunden wird, ohne Details zu verraten. Sie könnte leichter fallen als früher. In dem betroffenen Wohnblock erzählt man von Einwohnern, die für eine Entschädigung lieber weit weg von der Sagrada Família ziehen wollen, die ihr Viertel für sie unbewohnbar gemacht hat.
Denn die Versuche, die Menschenmassen zu seinem weniger bekannten Frühwerk außerhalb des überlaufenen Zentrums umzuleiten, schlugen bisher fehl. Damals war Gaudí kein schrulliger Außenseiter, sondern ein in der Stadt bestens vernetzter Dandy, der Zigarren rauchte, gerne ins Theater ging und sich für fauchende Drachen begeisterte. Draußen am Tor der Finca Güell in Pedralbes oder im Bellesguard-Turm am Fuße des Tibidabo lässt sich beobachten, wie der grandiose Geschichtenerzähler, der Säulenwälder wachsen ließ, zu seinem Stil fand.
Dorthin verirren sich jedoch nur wenige. Die meisten möchten wenigstens ein Selfie vor der Sagrada Família. Für Mateu Hernández ist die Basilika dabei, zum „neuen Taj Mahal in Europa“ zu werden. Sie könnte Barcelona neben Kolosseum und Eiffelturm endgültig auf die touristische Weltkarte bringen, meint der Tourismusdirektor – und noch mehr zahlungskräftige Touristen aus Asien in seine Stadt bringen.
Andere orientieren sich nicht an dem indischen Mausoleum, sondern blicken nach Rom. Der Papstbesuch lässt die Hoffnung der Katalanen wachsen, die seit Jahrzehnten an Gaudís Heiligsprechung arbeiten. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Leos Vorgänger Franziskus Gaudí den „heroischen Tugendgrad“ des frommen Architekten anerkannt, der seitdem als „ehrwürdiger Diener Gottes“ verehrt werden darf. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Selig- und Heiligsprechung. Doch das Wunder, das dafür nötig ist und das der Vatikan anerkennen muss, ist trotz des wundersamen Gaudí-Spektakels bisher noch nicht gefunden.
