Zwischen zwanzig und dreißig Prozent der Ukrainer seien „Nazis“, schätzt Alexej Schurawljow. In einem Interview im Juli wurde er gefragt, ob sie alle „vernichtet“ werden sollten. „Das ist wünschenswert“, antwortete er. „Und wenn es fünfzig Prozent sind, dann müssen sogar fünfzig Prozent vernichtet werden.“ Schurawljow ist stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des russischen Parlaments und Chef der nationalistischen Kleinpartei Rodina. Er war es, der die Klage beim Obersten Gericht in Moskau eingereicht hat, aufgrund derer die liberale Partei Jabloko vor zwei Wochen von der Parlamentswahl im September ausgeschlossen wurde. Schurawljow warf Jabloko unter anderem „Extremismus“ vor – wegen ihrer Forderung nach einem Waffenstillstand in der Ukraine.
Diese Episode illustriert die Maßstäbe, die für Äußerungen über den Krieg gegen die Ukraine in Russland gelten. Wer für ein Ende der Kämpfe eintritt, riskiert lange Haftstrafen wie der stellvertretende Jabloko-Vorsitzende Lew Schlossberg, der vorige Woche zu elf Jahren und einem Monat Straflager verurteilt wurde. Gewaltphantasien gegen Ukrainer dagegen können in den russischen Medien unter Beifall öffentlich geäußert werden. Schurawljows Forderung, bis zu die Hälfte der Ukrainer zu töten, ist sogar für russische Verhältnisse radikal. Aber Aufmerksamkeit erregt hat das Interview in Russland nicht deshalb, sondern wegen Schurawljows überschäumend zorniger Reaktion auf die Frage, warum er nicht selbst an der Front sei.
Schon in der ersten Phase des vollumfänglichen Kriegs hat Schurawljow in einer Talkshow des Ersten Kanals des russischen Fernsehens unwidersprochen geäußert, in der Ukraine müssten zwei Millionen Nazis „entnazifiziert, das heißt vernichtet werden“. Er ist kein Einzelfall, sondern einer von vielen, die in den russischen Propagandamedien einen steten Strom des Hasses produzieren. Kremltreue Politiker und Kommentatoren bezeichnen Ukrainer als Ungeziefer und das ukrainische Nationalbewusstsein als „Pest“, die ausgerottet werden müsse – gegebenenfalls auch mitsamt ihren Trägern.

Wenige Tage nach Beginn des Einmarsches in die Ukraine verbreitete die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti einen Kommentar, der den Ton für viele ähnliche Äußerungen dieser Art vorgab. Darin wurde erläutert, was die von Präsident Wladimir Putin als Kriegsziel ausgegebene „Entnazifizierung“ der Ukraine bedeutet: „Entnazifizierung wird unvermeidlich auch Entukrainisierung sein.“ Der „soziale ‚Sumpf‘“ der ukrainischen Bevölkerung solle als „Sühne für seine Schuld“ – die Abwendung von Russland – den Krieg als „historische Lektion“ erhalten und über wenigstens eine Generation „umerzogen“ werden. Bei der „Spitze“ des ukrainischen Nationalbewusstseins sei die Umerziehung nicht mehr möglich, „sie muss liquidiert werden“.
„Ukrainische Kinder ertränken und verbrennen“
Diese Drohungen gelten ausdrücklich nicht nur der ukrainischen Führung. Die Vorstellung, dass die Ukrainer entweder akzeptieren müssen, dass sie zur großrussischen Nation gehören oder alle Rechte verlieren, zieht sich durch unzählige Wortmeldungen der vergangenen Jahre. Das Interview Alexej Schurawljows aus dem Juli ist ein typisches Beispiel dafür. Er äußerte die Hoffnung, dass viele Ukrainer unter dem Eindruck der russischen Kriegsführung sich doch fügen würden. Doch: „Wenn ihr nicht umschwenken wollt, müsst ihr entweder von hier vertrieben oder vernichtet werden“, sagte er an die Ukrainer gewandt.
Auch führende Politiker äußern sich in diesem Stil. Vor allem der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats und frühere Präsident Dmitrij Medwedjew tut sich damit hervor. Die Existenz der Ukraine sei „tödlich gefährlich für die Ukrainer“, schrieb er etwa Anfang 2024 in seinem Telegramkanal – und zwar nicht nur in ihrer jetzigen Form: „Ich rede über jede beliebige, absolut jede Ukraine.“ Das Land sei ein „Krebsgeschwür“. Die Ukrainer müssten wählen zwischen einem Leben „im großen gemeinsamen Staat“, also Russland, und „ihrem Tod und dem Tod ihrer Nächsten“. Je schneller ihnen das klar werde, desto besser sei es.
Einer der wenigen Fälle, bei denen es in Russland negative Reaktionen gab, ist bezeichnend dafür, wie sehr die verbale Enthemmung für die Propagandisten zur Norm geworden ist. Im Oktober 2022 sagte der Leiter des russischsprachigen Programms des Senders RT in einem Interview, ukrainische Kinder, die Russland für einen Okkupanten hielten, solle man in einem reißenden Fluss ertränken oder in einer Hütte verbrennen. Sein Gesprächspartner schien nichts dabei zu finden. Und die Leitung des Senders reagierte erst mit einer Verurteilung der Äußerung und Entlassung des Journalisten, als der Fall international außergewöhnlich hohe Wellen schlug, nachdem die amerikanische Journalistin Julia Davis das Video in ihrem „Russian Media Monitor“ veröffentlicht hatte.
Nicht nur die Ukraine ist das Ziel von Vernichtungsphantasien: Regelmäßig wird auch dem Westen mit vollständiger Zerstörung gedroht. Erste Äußerungen dieser Art liegen schon mehr als zehn Jahre zurück. So sagte Dmitrij Kisseljow, der Chef der staatlichen Medienholding „Rossija Segodnja“, schon 2015, Russland sei das einzige Land, das die Vereinigten Staaten in „radioaktiven Staub“ verwandeln könne. Im Mai 2022 zeigte er in seiner wöchentlichen Sendung im staatlichen Fernsehen eine Videoanimation, die darstellen soll, wie Großbritannien von einer 500 Meter hohen Welle hinweggespült wird, die von einem russischen Torpedo mit Nuklearsprengkopf ausgelöst wird. Seither hat es eine wahre Inflation solcher Äußerungen gegeben. Sie begleiten fast jede Entscheidung über neue Waffenlieferungen oder sonstige Hilfen für die Ukraine.
