
Während auf Kiew Bomben fallen, sitzen ukrainische Studenten im Bunker der Mohyla-Akademie und befassen sich mit den Hintergründen der russischen Aggression. Maksym Jakowljew, Professor am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen, hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit seinem Kollegen Anton Suslov ein neues Zertifikationsprogramm namens „Russian Studies“ ins Leben gerufen. In den mehr als zehn Kursen geht es etwa um „Russlands Politik in den vorübergehend besetzten Gebieten“ oder „Russlands Soft Power in der Welt“.
„Wer als Erster in den Bunker rennt, bekommt die besten Plätze“, sagt Jakowljew. „Die Idee war, Russland als Sicherheitsbedrohung zu untersuchen. Damit verbunden ist das Ziel, die ‚Area Studies‘ als wissenschaftliche Disziplin an der Mohyla-Akademie zu etablieren. Drittens geht es darum, mit der Ausbildung einen Beitrag zum Sieg der Ukraine zu leisten.“ Zum kommenden Jahr wird zudem ein Masterstudiengang „Russlandstudien: Herausforderungen für die internationale Sicherheit“ angeboten, der die Inhalte des Zertifikationsprogramms fortführt.
Die Ausbildung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Militärgeheimdienst, der Interesse an der Akquirierung von Absolventen geäußert hat. Der Geheimdienst ist an Mitarbeitern interessiert, die über fundiertes Wissen über russische Propaganda, den Geheimdienst und die Funktionsweise der Wirtschaft verfügen. Studenten können ihre schriftlichen Hausarbeiten in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst entwickeln, der eine Liste an Forschungsthemen zur Verfügung stellt. „Einzelne Geheimdienstmitarbeiter halten auch Vorträge“, sagt Jakowlyew.
Akademische Freiheit im Kriegszustand
Dass die Verzahnung der Ausbildung mit den Aktivitäten des Militärgeheimdienstes zum Verlust der Unabhängigkeit der Mohyla-Akademie und mitunter zu einer Verengung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Russland führe, verneint er: „Der Geheimdienst hat keinen Einfluss auf die Lehrinhalte, wir bleiben unabhängig. Gleichzeitig ist es unser Ziel, die Universität enger am realen Leben in der Ukraine auszurichten.“
Die Politikwissenschaftlerin und DAAD-Professorin für Europa- und Deutschlandstudien Anja Mihr lehrt und forscht an der Mohyla-Akademie. Zu dem vom kommenden Jahr an geplanten Masterstudiengang sagt sie: „Für mich ist die Frage wichtig, wie trotz aller Einschränkungen aufgrund der faktischen Bedrohung durch Russland, dessen Einflussnahme und Manipulation, die akademische Freiheit in dem Studiengang aufrechterhalten werden kann.“ Akademische Freiheit bedeute auch, sich in die Position des jeweils anderen hineinzuversetzen und unterschiedliche Pro-und-Kontra-Argumente zuzulassen. Das gelte auch in Kriegszeiten.
Bei der akademischen Ausbildung geht es aus der Sicht Mihrs darum, junge Eliten auszubilden, die später in der Verwaltung oder in den Medien arbeiten. „Die Fähigkeiten, die wir unterrichten können, sind, unterschiedliche Narrative, Erfahrungen, ‚Wahrheiten‘ und Informationen einzuordnen, um ausgewogene Entscheidungen zu treffen.“ Das stärke auch die Demokratie in der Ukraine.
Russland in Kleinbuchstaben
Mihr beobachtet, dass sich die akademische Freiheit und Neutralität oft einer Bedrohungssituation unterordne. Wissenschaftler passten sich an die eingeschränkte Redefreiheit der Studenten an, Forscher hätten Angst – auch vor dem eigenen Geheimdienst. „Dies sind alles Punkte, die ich auch in anderen Ländern mit Studierenden in Kriegssituationen, aber auch in autoritär regierten Ländern, erlebt habe“, sagt Mihr. „Es gibt Narrative, die kaum oder gar nicht ausgesprochen werden können oder für viele Studierende unerträglich sind.“ Hier müsse sie mit Fingerspitzengefühl vorgehen.
Viele seiner Studenten äußerten den Wunsch, zum Sieg der Ukraine beizutragen, sagt Jakowljew. Die Nachfrage nach den Kursen sei hoch, unterrichtet werde ausschließlich auf Englisch und Ukrainisch. Russische Texte werden aber im Original gelesen. Jakowljew schließt den Kontakt zu Exilrussen im Rahmen der Kurse nicht aus. Mit Studenten und Kollegen habe er sich etwa im vergangenen Jahr an der Prager Karlsuniversität mit Schanna Nemzova getroffen, der Tochter des ermordeten Regierungskritikers Boris Nemzov. „Russlandstudien ohne Kontakt zu Russen sind unmöglich“, sagt er.
Auch im wissenschaftlichen Rat der Akademie wurde über den Kurs diskutiert. Einige Kollegen äußerten den Wunsch, Russland in den Kurstiteln kleinzuschreiben. Ist dieser gezielte Verstoß gegen die Rechtschreibung eine Form der Subversion gegen den russischen Aggressor? „Die Kleinschreibung von Wörtern wie ‚russland‘ ‚russländische föderation‘, ‚moskau‘ hat sich spätestens seit Februar 2022 in der digitalen Kommunikation unter Ukrainern fest etabliert“, erklärt der Slavist Valentin Peschanskyi von der Universität Münster.
Die offensichtliche Verletzung der Rechtschreibnorm sei eine symbolische Abwehrhandlung, die den Aggressor-Staat durch dessen buchstäbliche Verkleinerung abwerte. In einer extremen Auslegungsart dieser Verkleinerung werde Russlands Staatlichkeit infrage gestellt, womit die russländische Haltung gegenüber der Ukraine umgekehrt werde.
Jakowljew vermutet, dass ihn der russische Geheimdienst bereits auf dem Schirm hat. „Aber ich bin noch am Leben, es gab noch kein Attentat“, sagt er. Zur Zukunft des Fachs nach dem Ende des Krieges sagt er: „Wir haben eine Grenze mit Russland, und die bleibt höchstwahrscheinlich. Russland wird weiter unser Nachbar sein, und den muss man auch nach dem Krieg besser verstehen.“
