
Am 1. Mai will Russland die Durchleitung von Rohöl aus Kasachstan über die Erdölleitung „Freundschaft“ (Druschba) nach Deutschland einstellen. Das hat der Kreml in der vergangenen Woche angekündigt und technische Gründe dafür angegeben. Politische Gründe dürften für Moskau dabei allerdings im Vordergrund stehen. Ein Lieferstopp könnte nach Einschätzung von Beobachtern deshalb länger dauern, als für die Behebung von technischen Problemen zu veranschlagen wäre.
Vor allem in Berlin und Brandenburg wachsen die Sorgen vor Engpässen bei der Treibstoffversorgung. Denn betroffen von einem Ende des Öltransits aus Kasachstan wäre vor allem die PCK-Raffinerie in Schwedt, die für die Versorgung der Hauptstadtregion von großer Bedeutung ist. Auch die ostdeutsche Bauindustrie warnt vor Versorgungsproblemen. Denn in Schwedt wird neben Benzin, Diesel und Kerosin auch Bitumen raffiniert, das im Straßenbau als Bindemittel für Asphalt zum Einsatz kommt.
Angespannte Versorgungslage bei Flugkraftstoff
Neun von zehn Fahrzeugen in Berlin und Brandenburg tanken nach Angaben der PCK-Raffinerie Kraftstoff aus Schwedt. Der Flughafen BER wird ebenfalls zu großen Teilen aus der Uckermark versorgt. Besonders das Angebot von Flugkraftstoff ist wegen der Krise an der Straße von Hormus knapp. In Berlin und Potsdam war man in den vergangenen Tagen bemüht, die Sorgen vor einem Kraftstoffmangel zu zerstreuen.
Der Ausfall von Rohöl aus Kasachstan werde die Versorgung nicht gefährden, auch wenn er regional und temporär höhere Kraftstoffpreise zur Folge haben könnte, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium, in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg und bei der Bundesnetzagentur. Hinter den Kulissen glühen allerdings die Drähte. Denn Rosneft Deutschland, der Mehrheitsgesellschafter der PCK-Raffinerie, sucht Ersatz für mehr als zwei Millionen Tonnen Rohöl aus Kasachstan, die im vergangenen Jahr in Schwedt verarbeitet wurden.
Fallen diese Mengen ersatzlos aus, würde nicht nur Kraftstoff im Versorgungsgebiet der Raffinerie in Ostdeutschland und in Westpolen fehlen. Auch der Betrieb der Raffinerie würde erschwert – und das hat wirtschaftliche wie technische Gründe. Bei einer Auslastung unter 80 Prozent gilt der Betrieb als unrentabel. Unter 60 Prozent kommen auf die Anlagenfahrer in der Raffinerie noch ganz andere Herausforderungen zu.
Eine Milliarde Tonnen Rohöl aus Russland
Erst recht, wenn das Öl aus Kasachstan fehlt, dessen Eigenschaften russischem Rohöl nahekommen, auf das die Anlagen in Schwedt 60 Jahre lang ausgelegt waren. Denn bis zum russischen Angriff auf die Ukraine im Frühling 2022 wurden über die 1963 eröffnete Druschba-Pipeline mehr als eine Milliarde Tonnen russisches Rohöl nach Schwedt und zum Teil bis nach Leuna transportiert. Seit Anfang 2023 ist damit Schluss. Die damalige Bundesregierung entschied, auf Rohölimporte aus Russland zu verzichten.
Die Raffinerie von Totalenergies in Leuna koppelte sich ganz von Lieferungen über die von Russland kontrollierten Abschnitte der Pipeline ab. Rosneft Deutschland kompensierte einen Teil der entfallenen Mengen aus Russland mit Importen aus Kasachstan. Macht der Kreml mit seiner Ankündigung Ernst, fallen sie schon in wenigen Tagen aus. So kurzfristig Ersatz zu beschaffen, wäre für Rosneft Deutschland auch unter normalen Marktbedingungen keine leichte Übung.
Angesichts der Krise im Nahen Osten und der Verwerfungen auf dem Ölmarkt ist die Aufgabe besonders schwierig. Hinzu kommen die Anforderungen des Standorts an die physikalische Beschaffenheit des Rohöls. Denn nicht mit jedem Ersatz für die entfallenden Importmengen aus Kasachstan lassen sich bei der Verarbeitung in Schwedt die gewünschten Ergebnisse erzielen. Außerdem benötigt Rosneft Deutschland eine Alternative zur Druschba-Pipeline als Versorgungsroute.
Ölhafen Rostock und Danzig im Fokus
Im vergangenen Jahr hat die PCK-Raffinerie nach Angaben der Geschäftsführung zum ersten Mal seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wieder mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet. Mehr als zwei Millionen Tonnen wurden nach Angaben des staatlichen kasachischen Pipelinebetreibers Kaztransoil aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline durch Polen herangeführt. Die weiteren gut acht Millionen Tonnen Rohöl wurden zum größten Teil über Pipelineverbindungen von den Häfen in Rostock und Danzig nach Schwedt transportiert.
Anhaltspunkte für die Verteilung auf die beiden Seeverbindungen geben Zahlen zum Tanklager im Ölhafen Rostock und zum Betrieb des deutschen Abschnitts der Druschba-Pipeline. Nach Angaben der Grosstanklager-Ölhafen Rostock GmbH, einer Tochtergesellschaft von Euroports, wurden 2024 sechs Millionen Tonnen Rohöl über den Hafen Rostock importiert und über die Pipeline nach Schwedt gepumpt. Die 200 Kilometer lange Verbindung gehört der PCK-Raffinerie.
Die Mineralölverbundleitung GmbH Schwedt, die den 26 Kilometer langen Abschnitt der Druschba-Pipeline von der deutschen Grenze bis nach Schwedt und den mehr als 300 Kilometer langen Abschnitt von Schwedt nach Leuna betreibt, lieferte 2024 etwas mehr als drei Millionen Tonnen Rohöl an die PCK-Raffinerie. Die Gesellschaft ist ein Gemeinschaftsunternehmen der PCK-Raffinerie und Totalenergies.
„Pommersche Leitung“ als Alternative
Rund 1,5 Millionen Tonnen Rohöl und damit die Hälfte der 2024 über die Druschba-Pipeline an die PCK-Raffinerie gelieferte Menge stammte gemäß den Angaben von Kaztransoil aus Kasachstan. Bleiben noch einmal gut 1,5 Millionen Tonnen, die über die „Pommersche Leitung“ des polnischen Pipelinebetreibers Pern vom Hafen in Danzig in die polnische Stadt Plock und von hier über den polnischen Abschnitt der Druschba-Pipeline bis zur PCK-Raffinerie transportiert wurden.
Insgesamt wurden 2024 nach Angaben der PCK-Raffinerie etwas mehr als neun Millionen Tonnen Rohöl in der Raffinerie verarbeitet. Die Steigerung der verarbeiteten Menge auf mehr als zehn Millionen Tonnen im vergangenen Jahr ist auf die gestiegenen Mengen aus Kasachstan zurückzuführen. Die Anteile der Importe über die Ölhäfen in Rostock und Danzig dürften stabil geblieben sein.
Das liegt auch an Kapazitätsengpässen. Die Pipeline von Rostock nach Schwedt ist nach früheren Angaben des Mineralölwirtschaftsverbands auf 6,8 Millionen Tonnen je Jahr begrenzt. Eine Ertüchtigung der Verbindung, die die Kapazität auf neun Millionen Tonnen steigern sollte, ist seit Jahren geplant. Bis heute gibt es für die geplante Förderung des Projekts in Höhe von 400 Millionen Euro keine Zustimmung aus Brüssel.
Pipelinebetreiber unter staatlicher Kontrolle
Die von der staatlich kontrollierten Pern betriebene Pommersche Linie, die den Hafen Danzig über das hundert Kilometer nordwestlich von Warschau gelegene Plock mit der Druschba-Pipeline verbindet, hat eine Kapazität von rund 30 Millionen Tonnen Rohöl je Jahr. Auf diesem Weg werden nicht nur die Raffinerien in Leuna und in Schwedt versorgt, sondern auch die Raffinerie in Plock mit einer Verarbeitungskapazität von rund 16 Millionen Tonnen. Pläne für einen Ausbau der Pipeline liegen derzeit auf Eis.
Die Kapazitäten im Hafen Danzig sollen bis 2028 um knapp ein Viertel auf 49 Millionen Tonnen Rohöl und flüssige Kraftstoffe steigen. Der Betreiber Naftoport ist eine Tochtergesellschaft von Pern. Der polnische Ölkonzern Orlen, an dem der Staat mit 49,9 Prozent beteiligt ist, zählt ebenfalls zu den Gesellschaftern von Naftoport. Über den Hafen wird auch die Raffinerie in Danzig versorgt, die wie die Raffinerie in Plock zu Orlen gehört.
Die Gespräche zwischen Berlin und Warschau über eine Ausweitung der Rohöllieferungen für die PCK-Raffinerie über den Hafen Danzig laufen. Bisher stand Rosneft Deutschland dieser Weg nicht offen. „Eine zusätzliche Versorgung über den Hafen Danzig ist weiterhin für unsere Gesellschaft keine Alternative“, heißt es im Geschäftsbericht für 2024. Die über Danzig bezogenen Mengen entfielen auf andere Gesellschafter der PCK-Raffinerie.
Polnische Interessenten für die PCK-Raffinerie
In den laufenden Gesprächen mit Polen dürfte es deshalb nicht nur um freie Kapazitäten im Hafen Danzig und auf der Pommerschen Leitung gehen, sondern auch um handfeste politische Interessen. Gegen die Versorgung einer Raffinerie, die von einer Tochtergesellschaft eines russischen Ölkonzerns wie Rosneft Deutschland kontrolliert wird, gab es bisher jedenfalls Vorbehalte in Warschau.
Vielleicht kommt Bewegung in den Gesellschafterkreis? Im Herbst 2022, als die Bundesregierung den Mehrheitsanteil von Rosneft Deutschland an der PCK-Raffinerie unter Treuhandverwaltung stellte, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über ein Kaufinteresse von Orlen. Mit dem Ölkonzern Unimot soll eine weitere polnische Adresse mit dem britischen Ölkonzern Shell über den Kauf von PCK-Anteilen gesprochen haben.
Shell hält 37,5 Prozent an der PCK-Raffinerie und will sich schon länger von den Anteilen trennen. Eni hält als kleinster Anteilseigner rund acht Prozent. Ein anderer Interessent für die Shell-Anteile, ein estnischer Betreiber von Ölterminals, stellte im Rahmen seiner Avancen schon vor Jahren in Aussicht, die PCK-Raffinerie im Notfall auch mit Kesselwagen über die Schiene versorgen zu können.
Für Rosneft Deutschland ist die Schiene keine Alternative. Im Herbst hatte Rosneft Deutschland mit seinen Partnern in Kasachstan vereinbart, dass jeden Monat mindestens 130.000 Tonnen Öl aus Zentralasien nach Schwedt fließen. Das entspricht dem Fassungsvermögen von einem kleinen Öltanker oder einem Güterzug mit mehr als 1500 Kesselwagen und einer Länge von mehr als 30 Kilometern.
Beobachter gehen davon aus, dass der Betrieb der PCK-Raffinerie ohne Ersatz für die Importe aus Kasachstan vier bis sechs Wochen ohne Beeinträchtigungen weiterlaufen könnte. Das hängt auch davon ab, wie die Tanks der Mineralölverbundleitung GmbH in Schwedt gefüllt sind. Sie haben ein Fassungsvermögen von rund 300.000 Kubikmetern. Das reicht für etwas mehr als 250.000 Tonnen Rohöl.
