
Zu Beginn des letzten Abends der vier sommerlichen Lesungen bei den Frankfurter Premieren wagte Sonja Vandenrath, Leiterin des Literaturreferats im Kulturamt Frankfurt, eine Prognose: Der vor wenigen Wochen erschienene Roman „Das Wasser im August“ von Ingo Schulze, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 steht, werde es „mindestens auf die Shortlist schaffen“, denn der Roman sei ein „ungemein durchdachtes Vexierspiel“ und stelle „Grundfragen des Lebens und der Kunst“. Sehr zu Recht sei das mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026 ausgezeichnete Buch bereits mehrfach hymnisch besprochen worden, und dementsprechend groß war Vandenraths Freude, dass Ingo Schulze das Werk in der Sachsenhäuser Ausstellungshalle 1A gemeinsam mit dem Literaturkritiker Christoph Schröder vorstellte.
Tatsächlich zeigte sich in den folgenden neunzig Minuten, dass „Das Wasser im August“ ein höchst raffiniertes Konstrukt aus verschiedenen Erzählperspektiven, Zeitebenen und Reflexionen ist, ein „metafiktionales Spiel“, wie Christoph Schröder sagte: „Was mir besonders gut gefallen hat, dass man aus dieser Welt gar nicht mehr herauswill, hier wird die Landschaft selbst zu einer Figur.“
Denn der Roman spielt größtenteils an einem See in Mecklenburg, wohin der Ich-Erzähler, ein arrivierter Schriftsteller, der durchaus Ähnlichkeiten mit dem Autor Ingo Schulze aufweist, aber, wie Schulze mehrfach versicherte, keinesfalls mit ihm identisch sei, zu einer Lesung eingeladen ist. Die gut bezahlte Veranstaltung zum Geburtstag eines Schulfreundes, den der Erzähler seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen hat und mit dem er im Streit auseinandergegangen war, führt zunächst zu einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Ehefrau: „Du machst die Lesung für einen, der dich verraten hat? Bist du jetzt käuflich?“
Keine rein autobiographische Erzählung
Ingo Schulze las die ersten Seiten des Romans, nannte immer wieder auch die Seitenzahlen, was nicht unwesentlich ist. Denn die eigentliche Geschichte, die vom Erzähler extra für diesen Abend geschriebene Novelle „Das Wasser im August“, beginnt erst nach über fünfzig Seiten und führt aus der Gegenwart zurück ins Jahr 1979, wo der sechzehnjährige Thomas bei einem befreundeten Malerpaar die Sommerferien verbringt. Man kann sich Ingo Schulzes Roman durchaus wie eine Matrjoschka-Puppe vorstellen, denn in der Novelle wiederum schreibt der Junge eine Erzählung über ein Erlebnis in der Tanzstunde zu Hause in Dresden, woher er, ganz wie der Autor Ingo Schulze, stammt. Und genau wie er war auch der 1962 geborene Schulze im August 1979 an jenem See.
Und doch ist der Roman keine rein autobiographische Erzählung, er verwebt das Erlebte mit Erfundenem, macht aus der Erinnerung Fiktion: „Dieser Ich-Erzähler ist ja eine Figur, und ich stelle mir vor, dass unter diesem Erzähler quasi eine Falltür aufgeht.“ Denn es stellt sich heraus, dass der Erzähler keineswegs zuverlässig ist, dass sich das Erzählte immerzu wandelt: „Ich glaube, dass das, was wir erzählen, immer davon abhängt, wem wir es erzählen.“
Der Roman, der im Kern vom Erwachsenwerden, von der Bewusstwerdung eines jungen Mannes handelt, ist zwar scheinbar nur am Rand politisch, doch bei einem Autor wie Ingo Schulze, der durch seine genauen Betrachtungen des Alltags in der DDR und in der Nachwendezeit in Romanen wie „Simple Stories“ oder „Neue Leben“ bekannt wurde, geht es immer auch um den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang.
So endete der Abend, bei dem angesichts der durchaus auch komischen von Schulze vorgelesenen Passagen in der ausverkauften Ausstellungshalle 1A auch viel gelacht wurde, wenig überraschend mit sehr ernsten Worten über die gegenwärtige Situation in den ostdeutschen Bundesländern vor den Wahlen. Er sehe in der Gefühlslage, die aktuell so viele Wähler zur AfD treibt, eine „verzögerte Wut“. „Ich hatte diese Wut schon im Sommer 1990 wegen der vielen verpassten Gelegenheiten“, sagte Schulze, doch gehe es ohnehin weniger um Ost-West, sondern sehr viel eher um Oben und Unten, denn die Arbeiter seien in den letzten Jahrzehnten immer weiter entwertet worden: „Wo kommen sie denn noch vor, nur noch als Kostenfaktoren.“ Und nun biete sich endlich ein Ventil für die aufgestauten Gefühle: „Jetzt wollen wir denen mal zeigen, was wir unter Kultur verstehen!“
Ingo Schulze: „Das Wasser im August“, erschienen bei S. Fischer, 26 Euro, ausgezeichnet mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026.
