Als Spanien 2010 das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft erreichte, hatte Rodrigo Hernández Cascante ein Problem. Der 14 Jahre alte Jugendliche war nicht daheim in Madrid. Er war weit entfernt, in den Wäldern Connecticuts, in einem Sommercamp. Das ist in diesem Alter ein Abenteuer. Doch der junge Rodrigo wollte vor allem Fußball spielen. Und Fußball schauen.
Irgendwann spielten sie in Connecticut wirklich: Football, nicht Soccer. Und die spanischen WM-Spiele im amerikanischen Wald zu sehen, das stellte sich vor 14 Jahren als noch größere Herausforderung dar; keine Handys, kein Internet. Er fragte in gebrochenem Englisch, ob der Betreuer ihm zumindest die Ergebnisse sagen könne.
Der junge Rodri im Wald: „Vaaaamoooooosssss!!!!!!!!!!“
Der Betreuer konnte. Als Spanien das Finale erreichte, flehte Rodrigo den Mann an, er müsse das Spiel sehen. Der hatte ein Einsehen – und holte einen winzigen Bildschirm hervor. Im Wald schaute der Junge aus Spanien dieses Fußballspiel und schrie, als Andrés Iniesta zum 1:0 traf.
„Vaaaamoooooosssss!!!!!!!!!! Aaaahahhhhhhhhh ¡¡¡¡¡jajajajajajajaja!!!! ¡Viva España!“. So war es, erinnerte sich Rodrigo in einem Beitrag für „The Players’ Tribune“. Die amerikanischen Kinder schauten ihn an: „Moment mal, weint dieser Spanier etwa? Wegen Soccer?“ Ja, es flossen Tränen. „Sie konnten nicht verstehen, was es mir bedeutete. Sie hielten mich für verrückt.“
Wenn die Spaniens Nationalmannschaft an diesem Sonntag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei Magenta TV) gegen Argentinien zum zweiten Mal nach 2010 in einem WM-Finale spielt, könnten bei Rodrigo Hernández Cascante wieder Tränen fließen. Für verrückt hielten ihn die meisten Amerikaner wohl nicht mehr.
Aus dem 14 Jahre alten Jungen aus dem Wald ist der 30 Jahre alte Kapitän der spanischen Nationalmannschaft geworden. Die Fußballwelt kennt ihn unter dem Spitznamen Rodri, sein Trikot ziert der Vorname Rodrigo. Falls Spanien Weltmeister wird, bekommt Rodri den Pokal überreicht. Ob ein paar einstige Sommercamp-Kinder aus dem nicht weit entfernten Connecticut zusehen?
Spaniens WM-Bilanz ist gar nicht so gut wie gedacht
Rodri könnte ihnen heute besser erklären, was es ihm bedeutet. Seit sieben Jahren spielt er bei Manchester City, sein Englisch ist besser als damals, aber immer noch eher ein amerikanisches als ein britisches Englisch. Im Wald verbesserte er zwar nicht sein Fußballspiel, aber seine Sprachkenntnisse.
Eines jedoch hat sich nicht geändert. Eine Fußball-WM zu gewinnen, ist sehr schwer. Und sehr selten. Und sehr emotional. Denn wer dieser Tage nur auf die starken Spanier des Jahrgangs 2026 schaut, die den Favoriten Frankreich im Halbfinale düpierten, darf nicht vergessen: Oft scheiterten die Vorgänger früh, seit dem Titel 2010 einmal in der Vorrunde, zweimal im Achtelfinale.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun ist das Ziel nah wie seit 2010 nicht, auch weil Rodri nicht mehr 13.000 Kilometer vom Finalstadion entfernt ist, sondern auf dem Rasen. „Rodri ist unser Rückgrat“, sagte Trainer Luis de la Fuente nach dem Halbfinale. „Ich habe vor langer Zeit gesagt, dass es eine Beleidigung wäre, ihn infrage zu stellen.“ Rodri infrage stellen? Wer ihn bei der WM beobachtet, wie er fast alles im spanischen Spiel bestimmt, mag das kaum glauben.
Kreuzbandriss im September 2024
Mehr noch als die Spanier vermisste Manchester City ihn. 2025 wurde Liverpool Meister, 2026 Arsenal. Nicht wenige behaupten: weil Rodri fehlte und nach seiner Rückkehr nicht mehr so gut war. Er beschwerte sich nicht nur einmal über die große Belastung der Profis, brachte gar einen Streik ins Spiel.
Davon ist derzeit keine Rede. Rodri im Sommer 2026 wirkt wie Rodri des Sommers 2024: 83,8 Kilometer lief er bei der WM – fünf Kilometer mehr als der zweitplatzierte Harry Kane. 694 Pässe spielte Rodri – auch ein Rekord, 171 mehr als beim ersten Nichtspanier, dem Argentinier Leandro Paredes. Gegen ihn soll Rodri am Sonntag seine Qualitäten zeigen, die de la Fuente so schätzt: „Tolle Ballbehandlung, hervorragendes Stellungsspiel, er erobert Bälle – ein sehr wichtiger Spieler für unsere Spielweise.“
Lionel Messi und Lamine Yamal werden vor dem Finale strahlen. Doch es wäre kein Wunder, wenn danach einer mit seinem 360-Grad-Blick das Spiel bestimmt, der beim bisher letzten spanischen WM-Titel gebannt im Wald auf einen kleinen Bildschirm starrte – und danach vor Glück weinte.
