Was ist ein Nest? Dem „Brockhaus“ zufolge handelt es sich dabei um eine „von Tieren gebaute Behausung, meist zur Aufnahme der Eier oder der frisch geborenen Jungen sowie zum Bebrüten und/oder der Aufzucht der Nachkommen“. Davon abgesehen sei es ein Aufenthaltsort, „der gegen Feinde, Kälte oder Nässe schützt“.
So kann man das sagen. Man kann es aber auch anders sagen, nämlich wie der britische Autor Robert Macfarlane: „Nest ist Heimlichkeit, Nest ist Ruhe. Nest ist Zuflucht, Feste, ohne Furcht. Nest ist Schale, Kugel, Bau, Höhle oder Hort. Nest ist Weißstorchs Borstenkessel aus Bodenkrume und Stöcken auf einem Kirchturm. Nest ist Lerches Mulde in einer Wildblumenwiese oder Kiebitz’ Kratzkuhle im Strommastschatten. Nest geschieht fernab vom Menschenblick, und Nest lebt Menschen nah. Nest ist Segen.“
Ein DJ-Gedächtnis für Melodien
In seinem von Jackie Morris illustrierten und Daniela Seel übersetzten „Buch der Vögel“ zerrt Macfarlane mit selbstparodistisch anmutender Konsequenz an den Nerven der Leser. Der „bedeutendste Naturschriftsteller der Gegenwart“ (Verlagsüberzeugung) schreibt vollkommen zügellos, ohne zu realisieren, dass er nicht in der Ted-Hughes-Liga spielt. Er torkelt auf dem schmalen Grat zwischen rhetorischem Ehrgeiz und Bizarrerie und bringt uns die Natur dabei nicht nur nicht näher, sondern lenkt die Aufmerksamkeit so beharrlich auf Formulierungsunfälle, dass die Vögel, um die es ja eigentlich gehen soll, zweitrangig werden.

„Alpenschneehuhn, du bist reiner Berg.“ Was heißt das? Die „Singdrossel hat ein DJ-Gedächtnis für Melodien“. Ist das so? Der Kuckuck sei ein „Schauermärchenalbtraum“, der Fischadler „der beste Silberdieb der Erde“. Warum? „Er knackt den Safe des Flusses, bricht die Schlösser des Sees auf … und macht sich mit einem glitzernden Riegel lebenden Erzes … davon.“ Der Fischadler fängt also erfolgreich Fische. Das macht der Seeadler auch. Eisvögel, Kormorane und Graureiher können das ebenso. Und Papageitaucher, Basstölpel oder Trottellummen ohnehin. Wieso soll der Fischadler der größte Profi unter ihnen sein? Egal, Macfarlane interessiert sich nicht wirklich für den Vogel, der ist nur Mittel zum Zweck. Der Autor interessiert sich vor allem für sich selbst.
Das Buch frage nicht „Was ist das für ein Vogel?“, sondern „Wer ist dieser Vogel?“. Es wolle dem Leser helfen, die Tiere zu bestimmen und sich „mit ihnen zu identifizieren“. Ob Letzteres klappt, sei dahingestellt, wer Ersteres im Sinn hat, wird scheitern: Morrisʼ Bilder sind nett, zur Bestimmung aber ungeeignet. Berufs- wie Hobbyornithologen greifen besser zu Lars Svenssons „Kosmos-Vogelführer“, dessen Illustrationen von Killian Mullarney und Dan Zetterström den Maßstab setzen. Macfarlane und Morris legen den Schwerpunkt so oder so auf andere Dinge. Ihre Lieblingszutaten sind „Metapher“, „Gedicht“, „Relation“ und „Liebe“. Im Vorwort heißt es, die Porträts sollen zum Handeln animieren, denn alle vorgestellten Arten schwebten in der Gefahr, zu verschwinden. Welche Funktion Gedichte und Liebe im Rahmen dieses Programms haben, bleibt offen.
Und dann die zahlreichen Nachlässigkeiten. Die Flussseeschwalbe heißt in der Originalausgabe „Tern“. Das ist kein Artname, gemeint ist „Common tern“. Den Haussperling bezeichnet Macfarlane als „Sparrow“; dabei gibt es in Europa unter anderen den „House sparrow“ und den „Eurasian tree sparrow“. In der Übersetzung heißt der Vogel „Spatz“, was sein Kosename ist. Die Feldlerche nennt der Autor korrekterweise „Skylark“. Daniela Seel ist offenbar nicht gut genug informiert und macht daraus „Lerche“. Die Lerchen sind allerdings eine Familie in der Ordnung der Sperlingsvögel. Erst der wissenschaftliche Name schafft in der deutschen Fassung Klarheit: Alauda arvensis. Auf dem Klappentext ist zu lesen, Macfarlane gehe mit „poetischer Präzision“ ans Werk, und wir dürfen ergänzen: Betonung auf „poetisch“. Von „Präzision“ kann keine Rede sein.
Robert Macfarlane und Jackie Morris: „Das Buch der Vögel“. Aus dem Englischen von Daniela Seel. Ullstein Verlag, Berlin 2026. 384 S., Abb., geb., 34,– €.
