
Am Freitagmorgen ist der Pegel des Rheins in Maxau 3,18 Meter. An der Messstelle nordwestlich von Karlsruhe ist ein neuer Tiefststand erreicht. Auf dem Fluss sind nur noch wenige Schiffe zu sehen. Die MS Karlsruhe verkehrt schon seit Beginn der Woche nicht mehr. Eine Schiffsparty fiel aus. Auch die Fahrten zu den Staustufen wurden eingestellt. Andere Schiffsbetriebe lassen ihre Rheinschiffe nur noch von Köln in die Niederlande fahren.
Bleiben die Pegel so niedrig, könne es zu Engpässen in der Kohleversorgung für die flussnahen Stromkraftwerke kommen. Die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) in Karlsruhe spricht von einem „außergewöhnlichen Niedrigwasser“. Normalerweise werden derart niedrige Pegel erst im Herbst gemessen. Der bisher niedrigste Pegel wurde in Maxau im November 2018 gemessen – er betrug 3,11 Meter. Die klimatische Wasserbilanz für das Jahr 2026 – das hydrologische Jahr beginnt stets im November des Vorjahrs – ist nach den Messungen der Behörden schon jetzt negativ. Der Grund sind die hohe Verdunstung und die geringe Niederschlagsmenge.
Fast alle Pegelmessstationen weisen zu niedrige Wasserstände aus
Nach der Statistik des Niedrigwasser-Informationszentrums (NIZ) wiesen in Baden-Württemberg am Freitag 66 Prozent aller Pegelmessstationen „extrem niedrige Wasserstände“, 28 Prozent „sehr niedrige Wasserstände“ und drei Prozent „niedrige Wasserstände“ auf. Am Bodensee wurde am 28. Juli der niedrigste Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850 gemessen. In 38 Stadt- und Landkreisen zwischen Mannheim und Konstanz ist die Nutzung von Oberflächenwasser derzeit untersagt.
Auch am Messpunkt Lobith in der Nähe von Emmerich in Nordrhein-Westfalen registrierten die Behörden den niedrigsten Rhein-Wasserpegel seit Beginn der offiziellen Messungen. In Düsseldorf wird für diesen Samstag ein Pegel von lediglich 21 Zentimetern erwartet – das wären nach Aussage der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes zwei Zentimeter weniger als beim bisherigen Tiefststand im Oktober 2018.
Die nordrhein-westfälische Klima- und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sagte, Flüsse seien „Lebensadern und Handelswege“. „Wir müssen als Gesellschaft alles daransetzen, den Klimawandel zu bremsen.“ Zugleich müsse sich jede und jeder auf die Folgen des Klimawandels einstellen. Eine Vertiefung der Flüsse lehnt Neubaur ab, ihr Ministerium unterstütze stattdessen Forschungsvorhaben für moderne Schiffe, die mit der Niedrigwassersituation besser klarkommen könnten.
Für die Binnenschifffahrt auf dem Rhein ist der Pegel in Kaub – etwas nördlich von Rüdesheim gelegen – ausschlaggebend. Derzeit liegt er dort knapp unter 30 Zentimetern. Dadurch ist die Binnenschifffahrt stark eingeschränkt. Bei einem Wasserstand von etwa 78 Zentimetern beträgt die Fahrrinnentiefe 1,90 Meter, was als Mindesttiefe für die Schifffahrt gilt. Für Binnenschiffer endet die Transportverpflichtung, sobald der Pegel niedriger als 80 Zentimeter ist.
Güter müssen auf die Straße oder die Schiene verlagert werden
Je nach Strecke, Transportgut sowie verwendetem Schiff muss bei Niedrigwasser entweder die Transportkapazität reduziert werden, oder die Güter müssen auf die Straße oder die Schiene verlagert werden. „Die Einschränkung ist damit individuell und kann nicht pauschal eingeordnet werden“, sagte ein Sprecher des baden-württembergischen Verkehrsministeriums. Mit Sicherheit gebe es finanzielle Schäden, sie seien aber nicht bezifferbar.
Die Prognose für die nächste Woche lässt eine weiterhin angespannte Lage im Südwesten erwarten: Die Wasserstände könnten weiter zurückgehen, die Bodentrockenheit noch einmal zunehmen. „Die Prognose der Wasserschifffahrtsverwaltung geht für die nächsten Tage von weiter fallenden Pegelständen aus. Der historische Tiefstwert von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018 könnte im Tagesverlauf des 3. August erreicht sein“, sagte ein Sprecher des baden-württembergischen Verkehrsministeriums der F.A.Z.
Sollte die Wassertemperatur im Neckar weiter steigen, könnte das zum Beispiel den Betrieb eines Müllheizkraftwerks in Stuttgart einschränken. Erst wenn die Gewässertemperaturen auf 27 Grad und mehr ansteigen, hat dies Auswirkungen für Kraftwerke, die Flusswasser zur Kühlung nutzen. Beim Neckar kontrollieren die Behörden den Sauerstoffgehalt intensiver, weil er sich durch zahlreiche Kraftwerke, Staustufen und eine geringere Fließgeschwindigkeit stärker als der Rhein aufheizt.
Vom Deutschen Wetterdienst (DWD) werden für das Wochenende Gewitter und Starkregen vorhergesagt, die Niederschlagsmenge werde aber nicht so ergiebig sein, dass sich an der Niedrigwasserlage im Rhein oder im Neckar in der kommenden Woche etwas zum Besseren ändere. „Kurzfristige, starke Niederschläge, wie sie bei Gewittern auftreten, fließen überwiegend oberflächlich ab und führen zu einem kurzfristigen Anstieg der Wasserstände. Der Boden kann nur einen kleinen Teil des Niederschlags aufnehmen, da die Intensität des Niederschlags die Aufnahmefähigkeit des Bodens übersteigt“, sagte ein Sprecher der LUBW in Karlsruhe der F.A.Z. Daher werde erwartet, dass die Flusswasserstände nach den Gewittern am Wochenende weiter zurückgehen könnten.
