Selbst die von der FIFA angepeilte einfache Mehrheit bei der Abstimmung unter ihren 211 Mitgliedern rückt damit in weite Ferne. Vor allem aus Europa dürfte sich Infantino auf reichlich Gegenwind für sein Vorhaben eingestellt haben. Ob er mit dem Sturm der Entrüstung gerechnet hat, der ihm jetzt entgegenbläst? Schon am Donnerstagabend hatte sich der europäische Kontinentalverband zu einer Dringlichkeitssitzung getroffen und einstimmig beschlossen, alle Turniere der FIFA zu boykottieren. „Europas Haltung ist eindeutig. Wir werden diesem Modell niemals unsere Legitimität verleihen“, hieß es in einer Stellungnahme.
Dass die Europäer so schnell und so geschlossen zu ihrem schärfsten Schwert in der Auseinandersetzung mit dem Weltverband gegriffen haben, ist auffällig, kommt für Professor Jürgen Mittag, Sportpolitologe an der Sporthochschule Köln, aber nicht überraschend: „Die Spannungspotentiale zwischen Weltverband und UEFA haben sich schon bei der WM gezeigt.“ Der Plan des Weltverbands hätte zudem das Geschäftsmodell der UEFA in Verlegenheit gebracht. Eine kommerzielle Ausrichtung der WM hätte wohl mehr Spiele, womöglich auch mehr Turniere bedeutet – all das ginge zulasten der Europäer.
Womöglich hat ihre Reaktion nicht nur auf Infantino und die FIFA eine Wirkung gehabt, sondern auch auf den Rest der Fußballwelt. Kurz darauf schlossen sich die 41 Mitgliedsverbände der CONCACAF aus Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik dem Nein der UEFA an.
Mehr als vier Milliarden Euro hatte die FIFA allein im Laufe dieses Jahres über ein noch zu gründendes Tochterunternehmen einnehmen wollen. Mit genügend Geld schien Infantino bisher noch jeden Zweifler überzeugen zu können. Diesmal wohl nicht. Seine letzte Hoffnung, die restlichen Verbände mit einer Finanzspritze zum Einlenken zu bewegen, erübrigte sich am Freitagmorgen. „Die AFC solidarisiert sich mit der UEFA und der CONCACAF und äußert ernsthafte Bedenken hinsichtlich des Vorschlags der FIFA, private Investitionen in die wichtigsten FIFA-Wettbewerbe einzubeziehen“, hieß es da in einer Mitteilung des asiatischen Kontinentalverbands in einer Mitteilung.
Ohne UEFA und CONCACAF fehle laut AFC der notwendige breite Konsens für weitere Schritte in der Investorenfrage. Jeder Vorschlag, der die Einheit und den universellen Charakter der Weltmeisterschaft zu untergraben drohe, müsse überdacht werden. Dass sich auch die AFC gegen den Vorschlag der FIFA wendet, ist für Mittag bemerkenswert, nicht nur wegen der damit gesicherten Stimmmehrheit der Reformgegner. Die Ausrichtung des Fußballs verlagere sich gerade stark in Richtung Asien. „Dass Infantino da nicht im Vorfeld die Stimmungen und Unterstützungsbereitschaft stärker abgeklärt hat, ist überraschend“, sagt er.
Im Gegensatz zur UEFA haben weder CONCACAF noch AFC ihre Zustimmung zu einem Investorendeal kategorisch ausgeschlossen, geschweige denn mit einem Boykott gedroht. Beide kritisieren vor allem das intransparente und überstürzte Vorgehen der FIFA. Die AFC schreibt von „grundlegenden Schwächen“ in den Entscheidungsprozessen der FIFA. Sie forderte den Weltverband auf, seine „Führungs- und Entscheidungsstrukturen dringend zu überprüfen“.
Mehr Gegenwind als je zuvor
So deutlich wie jetzt hat sich die Fußballwelt noch nicht gegen die FIFA und ihren Präsidenten gestellt. Nicht nach der zweifelhaften Vergabe des WM-Turniers 2034 an Saudi-Arabien, nicht nachdem Infantino US-Präsident Donald Trump den „FIFA Peace Prize“ überreichte, nicht nachdem publik wurde, dass Letzterer nach dem WM-Achtelfinale bei Freund Gianni durchklingelte, kurz bevor die FIFA eine Sperre für den US-Stürmer Balogun aussetzte.
Am Donnerstagabend, nach der Boykottdrohung der UEFA, hatte die FIFA verhältnismäßig kleinlaut geklungen: Man respektiere die geäußerten Rückmeldungen und Bedenken. Der von ihr angestoßene „offene und demokratische Konsultationsprozess“ sei von „fehlerhafter Berichterstattung in den Medien“ gestört worden. Und: „Niemand verkauft den Fußball.“ Dies sei etwas, das die FIFA „niemals in Betracht ziehen würde“.
Hat sich Infantino diesmal verzockt? Der Druck auf den FIFA-Präsidenten scheint gerade täglich, beinahe stündlich zu wachsen – zuletzt auch aus dem Inneren des Weltverbands. Sein leitender Berater Carlos Cordeiro ist am Freitag aus Protest gegen die Investorenpläne zurückgetreten. In einer Stellungnahme schreibt Cordeiro: „Als leitender Berater des FIFA-Präsidenten, ehemaliger Banker und lebenslanger Fußballfan kann ich nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht.“

Das sei ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports. Dann schreibt er noch: „Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich war an diesem Vorschlag in keiner Weise beteiligt und lehne ihn entschieden ab.“ Für Infantino dürften diese Worte noch deutlich schwerer wiegen als die Kritik aus den Mitgliedsverbänden.
Wie geht es nun weiter? Mittag glaubt, dass Infantinos Projekt vorerst gescheitert ist: „Gegen die drei Kontinentalverbände wird man seitens der FIFA nur schwer agieren können.“ Und Infantino? Sammelt sich nun eine breite Opposition gegen ihn? Ist seine Wiederwahl im kommenden Jahr noch so sicher, wie sie vor einer Woche schien? Der FIFA-Präsident ist geschwächt – womöglich aber nur vorläufig. „Seine Rolle ist sicherlich geschwächt, aber nicht strukturell beeinträchtigt“, glaubt Mittag. „Er verfügt nach einer für die FIFA organisatorisch, finanziell und medial erfolgreichen WM über ein derart solides Machtfundament, dass er auch diesen Nackenschlag verkraften kann.“
Aber wie kommt Infantino gesichtswahrend aus dem Konflikt mit der UEFA heraus? Die nächste Eskalationsstufe könnte in fünf Wochen erreicht sein. Am 5. September, und damit zwei Wochen vor der von der FIFA gesetzten Abstimmungsfrist, beginnt in Polen nämlich die U20-Weltmeisterschaft der Frauen. Von den 24 Teams kommen sechs aus Europa. Vorausgesetzt, sie spielen mit.
Womöglich ist der Konflikt aber bis dahin vorerst beigelegt. „Ich vermute, er wird das Projekt beerdigen, künftig aber weiter Alternativkonzepte verfolgen“, sagt Mittag. Infantino gehe es schließlich um seine eigene Zukunft, weit über seine nächste Amtszeit hinaus. Auch bei der Super League sei es so gewesen, dass deren Verfechter die Idee unter veränderten Vorzeichen wieder neu in Angriff genommen hätten. Unter anderen Strukturen, mit veränderter Kommunikation. „Die Tür ist geöffnet“, sagt Mittag. „Man kann sie vorerst wieder schließen.“ Dauerhaft verriegeln ließe sie sich nun aber nur noch schwerlich.
