Mehr als fünfzig Jahre hat es gedauert, bis der letzte große Roman von Margaret Laurence (in Kanada erschienen 1974) ins Deutsche übersetzt wurde, wohl nicht zufällig im Jahr ihres hundertsten Geburtstags der Schriftstellerin. 1987 erhielt sie eine Krebsdiagnose und nahm sich das Leben. Ihr Werk blieb für Europa im Dunken.
Der seit zehn Jahren bestehende kleine Eisele Verlag in München hat es sich zur Aufgabe gemacht, besondere, aber vergessene Literatur wieder ans Tageslicht zu heben. Monika Baark hat nun mit „Glücklichere Tage“ den fünften und letzten Band der sogenannten Manawaka-Romane von Laurence vorzüglich und mit großer Kennerschaft zu übertragen. Alle diese Romane spielen in dem fiktiven Präriestädtchen Manawaka, das zum Vorbild die Geburtsstadt der Autorin, Neepawa in der Provinz Manitoba, hat. Eine unwirtliche Gegend, im Winter bis zu vierzig Grad Kälte, im Sommer herrscht Gluthitze.

Hier wächst Morag Gunn auf, ein Mädchen, eine Frau, die auch sonst viel mit der Autorin gemein hat. In Rückblicken, die sie „Momentaufnahmen“ nennt, Schnappschüsse aus ihrer Kindheit, und in „Gedächtnisfilmen“ entfaltet sich ein harter Lebensweg, auf dem Morag um ihre Anerkennung als Kind, Frau, Mutter und vor allem als Schriftstellerin kämpft. Ihre Zimmerwirtin seufzt mitleidsvoll, als sie hört, ihre Untermieterin schreibe, „das muss ja toll sein, den ganzen Tag auf seinem Hintern zu sitzen und dafür auch noch bezahlt zu werden“. Morag antwortet ihr lakonisch: „Genau“.
Doch wie sieht es wirklich aus? „Sie startet fieberhafte Versuche, Artikel zu schreiben und an die Lokalpresse zu verkaufen. Artikel über alles mögliche. Vielleicht hat der Kulturredakteur irgendwann genug von Morags Bombardement, denn irgendwann beginnt er diese kleinen Juwelen ins Blatt zu nehmen, die nichts für die Ewigkeit sind und trotzdem nicht vom Himmel fallen. In den Monaten des Ringens mit diesen Beiträgen schreibt sie keine Prosa, nichts, was ihr am Herzen liegt, Nichts.“ Doch Morag bleibt dran, sie verzagt nicht und schreibt schließlich Romane wie Margaret Laurence. Ein Zimmer für sich alleine, wie es Virginia Woolf gefordert hat, reicht nicht aus, zum Schriftstellerinnenberuf gehört die ganze Lebensenergie. Laurence erhielt für „Glücklichere Tage“ die höchste kanadische Literaturauszeichnung, den Governor General’s Award.
Wo das Leben der Autorin unverhohlen durchschimmert
Mit fünf Jahren wird Morag Waise und von einem kinderlosen Ehepaar, Christie und Prin, aufgenommen und erzogen. Diese leben in bitterer Armut, Christie ist Müllsammler, steht auf der untersten Stufe der sozialen Leiter; seine Frau ist schwerkrank und körperlich so unförmig, dass sie sich fast nur im Bett aufhalten kann. Das Verhältnis zu ihrer Ziehtochter bleibt bis zum Tod liebevoll und anhänglich. Christie, der große Geschichtenerzähler, führt die Protagonistin in das geliebte Herkunftsland, die schottischen Highlands – ein bewegender Ausflug in die Vorgeschichte und Identität des modernen Kanadas.

Später, als verheiratete Frau, wird Morag von ihrem Gatten wie ein kleines Kind behandelt. Arbeiten darf sie nicht, das erlaubt der Universitätsdozent nicht, ihre literarischen Anstrengungen sind ihr zwar gestattet, aber eher mit Verachtung schaut der akademische Gatte auf die Schreibversuche herab. Ihre Romane korrigiert er oberlehrerhaft, bis Morag ihm ihre Arbeiten gar nicht mehr zeigt und sie sich schließlich von ihm trennt. Denn ein Kind, das sich Morag so sehr wünscht, lehnt der Gatte strikt ab. Da schimmert das Leben der Autorin unverhohlen durch.
Ein Anderer kommt daher, Skinner Tonnerre, den Morag schon aus der Schulzeit kennt. Skinner stammt aus noch ärmlicheren Verhältnissen als sie und ist indigener Abstammung, ein großer Makel in der weißen kanadischen Gesellschaft. Morag liebt ihn immer noch, obwohl Jahre vergangen sind, sie steigt mit ihm umstandslos fröhlich ins Bett, und gleich wird sie schwanger. Auch Skinner will kein Kind, er ist Country-Sänger und zieht weiter, aber die Verbindung zu Morag und der später geborenen Tochter hält er selbstverständlich aufrecht. Irgendwie gehören sie in ihrem Elend zusammen.
Aufregender Rhythmus im Erzählton
Margaret Laurence beschreibt mit höchster Aufmerksamkeit ihre Figuren, sie schaut genau hin, mal zärtlich, mal abgestoßen. Sie variiert die Stilmittel in alle Richtungen: Dialoge, innere Monologe, mal schreibt sie aus der Ich-Perspektive, mal tritt sie als auktoriale Erzählerin auf. Präsens und Imperfekt sind nicht an die Zeit gebunden, sondern verleihen der jeweiligen Geschichte eine eigene mittelbare oder unmittelbare Färbung. Dadurch entsteht ein aufregender Rhythmus im Erzählton. Laurence hält lange Spannungsbögen, auch wenn sie zeitlich und geographisch viel umherspringt.
Morag zieht wie eine Nomadin immer weiter nach Westen, Richtung Küste, sie lebt aber mit ihrer Tochter zwischendurch auch in England, wo sie als Schriftstellerin zu reüssieren hofft, wie viele ihrer Autorengeneration. Zurück nach Kanada, sucht sie das trostlose Städtchen Manawaka auf, um ihre alten Zieheltern wiederzusehen. Sprachlich wie inhaltlich baut die Autorin immer neue Spannungen auf, es entsteht ein großes Epos kanadischen Lebens in der Unterschicht.
Der Roman setzt ein mit dem ruhigen Blick: „Der Fluss floss in beide Richtungen. Die Strömung verlief von Nord nach Süd. Doch der Wind kam meist von Süd und schob die kräuselnde Oberfläche des grün-bronzenen Wassers in die entgegengesetzte Richtung. Dieser scheinbar unmögliche Widerspruch faszinierte Morag noch immer, auch nach all den Jahren des Flussbeobachtens . . . Morag schaute, versuchte das Denken abzustellen, aber dieser Blick blieb ohne Erfolg.“ Am Ende des Romans, der durch viele Erzählungen und Widersprüche fließt, einen langen Weg der Erinnerungen durchläuft, wird es Abend: „Morag ging hinaus über das Gras und schaute auf den Fluss. Die tief stehende Sonne spiegelte sich auf den Wellen, sandte abermals die Flotille der kleinen Streiflichter über die grün-bronzene Wasseroberfläche. Das Wasser floss von Norden nach Süden, und die Strömung war zu sehen, aber jetzt kam der Wind aus Süden, warf das Wasser in die entgegengesetzte Richtung auf, sodass der Fluss, wie so oft hier, in beide Richtungen zu fließen schien. Schau voraus in die Vergangenheit – und zurück in die Zukunft, bis zum Schweigen.“
Die Grande Dame der kanadischen Literatur, Margaret Atwood, hat sich intensiv mit dem Werk von Margaret Laurence beschäftigt und urteilt über die Kollegin: „Sie galt als eine Art über allen schwebende Mutterfigur, eine Säulenheilige.“ Das strahlende Dreigestirn der kanadischen Gegenwartsliteratur, Margaret Laurence (1926 bis 1987), Alice Munro (1931 bis 2024) und Margaret Atwood (geboren 1939), ist nun endlich auch für die deutsche Leserschaft erschlossen.
Margaret Laurence: „Glücklichere Tage“. Roman.
Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark. Nachwort von Helene Bukowski. Eisele Verlag, München 2026. 543 S. geb., 28,– €.
