Als Georg Büchners politisches Geheimprojekt „Der Hessische Landbote“ im Sommer 1834 verraten wurde, flüchtete er sogleich nach Straßburg. An der Druckfassung der Flugschrift beteiligt war sein Freund Friedrich Ludwig Weidig, der sich der Strafverfolgung aber nicht entzog. Der nach Ober-Gleen bei Alsfeld strafversetzte Pfarrer – vorher Schulrektor in Butzbach – predigte weiterhin gegen „Unrecht und Heuchelei der Mächtigen“.
Er wurde verhaftet und in der Klosterkaserne Friedberg inhaftiert. Büchner schrieb im August 1835 aus Straßburg: „Ich danke dem Himmel, daß ich voraussah, was kommen würde, ich wäre in so einem Loch verrückt geworden.“ Weidig war da bereits ins Arresthaus nach Darmstadt verlegt, wo er schwer misshandelt wurde und am 23. Februar 1837 starb, vermutlich von eigener Hand.

Unter den am 7. Oktober bei Bassenge versteigerten Autographen des bedeutenden Hamburger Sammlers Hermann Kiewy (1858 bis 1924) ist auch ein Manuskript von Weidigs Verteidigungsschrift gegen die Anklage, die zur ersten Inhaftierung 1833, noch vor der Beteiligung am „Hessischen Landboten“, führte (Los 2317, Taxe 12.000 Euro). Das ist eine kleine Sensation, denn Handschriften Weidigs oder Dokumente aus Büchners klandestinem Umfeld sind äußerst selten.
Außerdem deutet Weidigs Schrift auf die aktuelle Debatte um das Weisungsrecht der Politik gegenüber der Gerichtsbarkeit voraus. Denn auf gut drei eng beschriebenen Seiten wendet er sich an die Großherzoglich Hessische Ständeversammlung, um sich zur Anklage des Hofgerichts Gießen zu verhalten. Er argumentiert, dass von einem „geheimen Verfahren unserer Justiz-Behörden“ nicht mehr auszugehen sei, da „eine in Frankfurt versammelte Bundes-Commission“ äußeren Einfluss auf das Verfahren nehme. Er sei zwar durch das „Staats-Ministerium politisch angeklagt“, beanspruche aber den „Schutz einer selbstständigen, vaterländischen Rechtsprechung“.
Im Kern geht es ihm um die „Selbstständigkeit der Justiz“, die der Baron von Montesquieu schon 1748 in „De l’esprit des loix“ gefordert hatte, die heute aber selbst in westlichen Demokratien wieder auf dem Spiel steht.
