Herr Bujard, die Reformvorschläge der Rentenkommission liegen auf dem Tisch und bekommen viel Zuspruch. Nicht zur Sprache kommt allerdings die sehr niedrige Geburtenrate, die das Umlagesystem langfristig belastet. Wie schwerwiegend ist das Problem aus Ihrer Sicht?
Eine Geburtenrate von 1,35 Kinder je Frau, wie wir sie aktuell in Deutschland beobachten, bedeutet massive Rentenprobleme für die nächste Generation. Die jetzige Elterngeneration wird nur zu zwei Dritteln ersetzt, ein Drittel fehlt. Das wird sich auf das Arbeitsmarkt- und Sozialsystem sehr stark auswirken. Diese Zahlen sind sehr, sehr gravierend – auch für das künftige Wirtschaftswachstum und die Staatsfinanzen.
Lässt sich der Schrumpfungsprozess durch Zuwanderung kompensieren?
Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel Fachkräftezuwanderung aus den süd- und osteuropäischen Ländern gehabt. Das wird in zwanzig Jahren kaum noch möglich sein. Die Länder haben alle ähnliche Probleme, teils Geburtenraten von 1,2 wie in Polen. Wir reden hier über eine ähnliche Entwicklung in ganz Europa – das kann man nicht einfach im Nachbarland durch Zuwanderung ausgleichen.
Wann hat dieser Negativtrend in Deutschland eigentlich eingesetzt?

Der Rückgang hat im Prinzip Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre angefangen. 1975 haben wir in der Bundesrepublik zum ersten Mal eine Geburtenrate von unter 1,5 gehabt, was als sehr niedrig gilt. Seitdem war die Rate sehr kontinuierlich zwischen 1,2 und 1,4 – über vier Jahrzehnte lang. Deutschland war damit lange weltweit und in Europa eines der Schlusslichter.
Dann gab es einen Lichtblick?
In den 2010er-Jahren ist die Rate wieder gestiegen und lag einige Jahre bei 1,6. Das lag vor allem am Ausbau der Kinderbetreuung und am Elterngeld. Durch diesen Anstieg sind wir ins europäische Mittelfeld gerückt. Man darf das nicht unterschätzen – es gab etwa 100.000 Geburten pro Jahr mehr. Das bedeutet zwanzig Jahre später pro Jahr potentiell 100.000 gut ausgebildete junge Menschen mehr, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Doch ist die Zahl der Geburten seit 2022 wieder stark zurückgegangen. Wir haben also wieder einen rückläufigen Trend.
Was ist seit 2022 passiert?
Die Geburtenrate ist in ganz Europa eingebrochen. Das führe ich auf die multiplen Krisen zurück. Die Leute waren erschöpft von der Pandemie, dann kam der Ukrainekrieg dazu, ein Angriffskrieg in Europa, der wirtschaftliche Konsequenzen hatte – dieses Zusammenspiel verunsichert. In Europa liegen wir inzwischen bei einer Geburtenrate von 1,34. Das ist ein historischer Tiefstwert, sogar noch minimal unter dem deutschen Wert.
Das Phänomen geht inzwischen weit über Europa hinaus. Welche großen Kräfte sind da am Werk?
Man muss verschiedene Entwicklungen unterscheiden. Die eine läuft seit den 1970er-Jahren in Westeuropa und hat sich immer weiter ausgebreitet – das nennt man den zweiten demographischen Übergang. Das hat damit zu tun, dass es eine Bildungsexpansion gab, eine starke Frauenemanzipation und auch eine Veränderung der Werte. Die Trennung zwischen Zusammenleben, Heirat und Sexualität wurde kulturell immer mehr aufgehoben, es wurde liberaler. Und natürlich wurde die hormonelle Verhütung viel sicherer. Diese Entwicklungsstränge hatten mehr oder weniger alle Länder in Europa – und sie zeigen sich inzwischen auch sehr stark in den asiatischen Ländern und in Südamerika.
Wo sind die Raten am niedrigsten?
Korea schießt mit einer Rate von 0,7 den Vogel ab. China liegt bei knapp über 1,0, die Türkei bei 1,48, Brasilien bei 1,6. Bei den asiatischen Ländern, die wirtschaftlich aufgestiegen sind, sehen wir sehr niedrige Raten. Das ist diese Kombination: Frauen möchten nicht mehr die klassische Hausfrauenrolle, sondern auch beruflich tätig sein – und sie müssen es oft auch, um genug Geld zu verdienen. Und zugleich nehmen der Arbeitsmarkt und die Gesellschaft darauf kaum Rücksicht.
Skandinavien galt lange als Vorbild.
Die Länder mit ausgebauter Familienpolitik – flächendeckende Kinderbetreuung, Ganztagsschulen, wo auch die Väter durch die Vätermonate stärker aktiviert werden –, dort ist die Rate nicht so stark gefallen. Das skandinavische Modell hatte lange deutlich höhere Geburtenraten, daran hat sich Deutschland orientiert. Die Idee war: Wenn Frauen erwerbstätig sein wollen, es eine gute Kinderbetreuung gibt und die Väter mehr Sorgearbeit übernehmen, dann kommt es zu einer Balance, und die Raten steigen wieder in der Nähe von zwei.
Hat sich diese Hoffnung in Skandinavien erfüllt?
Inzwischen reicht es auch dort nicht mehr. Seit zehn, fünfzehn Jahren sieht man, dass die Werte nur noch bei 1,4 bis 1,5 liegen. Es gibt eigentlich kaum noch Vorbilder in der Gegenwart. Man führt das stark auf die ökonomischen Unsicherheiten zurück, die auch in Skandinavien sehr stark zugenommen haben.
Welche Rolle spielt die Wohnungsknappheit in den Großstädten?
Die Verfügbarkeit von Wohnraum ist regional sehr unterschiedlich. In den Metropolen ist aber in Deutschland in den letzten Jahren ein ganz spezielles Problem entstanden – es mangelt dort an bezahlbarem Wohnraum für Familien. Zusammen mit der Einkommenssituation und den globalen Krisen, die Inflation erzeugen, führt das zur ökonomischen Unsicherheit.
Immer wieder wird jetzt auch Social Media als Ursache für den Geburtenrückgang genannt. Überzeugt Sie das?
Das ist eine neue These, die sehr kontrovers diskutiert wird. Korrelationen mit irgendeinem Breitbandausbau überzeugen mich nicht so – zumal genau in dieser Phase die Geburtenrate in Deutschland stark angestiegen ist, in den 2010er-Jahren. Was ich eher sehe: Heutzutage ist die Mediennutzung so, dass sich viele Menschen wie das Kaninchen vor der Schlange ständig mit negativen Nachrichten beschäftigen. Das ist eine völlig neue Dimension, die die multiplen Krisen so stark wirken lässt und junge Menschen so verunsichert.
Dabei lebt es sich in Deutschland objektiv gut.
Faktisch lebt man in Deutschland immer noch sehr gut, es ist ein sehr wohlhabendes Land. Man muss sich historisch fragen: Wann war es denn leichter, Kinder zu bekommen? Wann hatte man bessere Rahmenbedingungen – Gesundheitssystem, Sozialsystem, Bildung für Kinder? Eigentlich ist das eine relativ gute Zeit, wenn man es regional und historisch vergleicht.
Die Geburtenrate ist das eine, wie sieht es mit dem Kinderwunsch aus?
Der ist sehr hoch. Mit unserem Familiendemographischen Panel, genannt FReDA, haben wir gezeigt, dass der Kinderwunsch bei etwa 1,8 Kindern je Frau liegt, als Ideal gelten sogar 2,1. Wir stehen aber tatsächlich bei 1,35. Junge Menschen wünschen sich eigentlich Kinder – und schieben sie permanent auf.
Liegt das auch daran, dass es weniger Paare gibt?
Das wird gerade erforscht. Die meisten jungen Menschen haben durchaus eine Beziehung, und von den Singles suchen die meisten auch eine. Beziehungen werden heute häufig online angebahnt – das muss also nicht nur ein Fluch sein, weil über Dating-Plattformen auch viele ihre Partner finden. In einigen asiatischen Ländern ist es allerdings ein Problem, dass junge Menschen nicht real zusammenkommen. Aber das sind auch Länder, in denen die Arbeitsbelastung viel höher ist.
Das Elterngeld hat in Studien oft keinen großen Effekt auf die Geburtenrate gezeigt, wie sehen Sie das?
Da würde ich gern wissen, wer diese Studien macht – ich höre Stimmen zum Elterngeld von Kollegen, die gar nicht zu dem Thema geforscht haben. Ich habe selbst dazu geforscht: Es gab einen Effekt bei Akademikerinnen, gerade ältere Akademikerinnen haben wieder mehr Kinder bekommen. Vor allem ist die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen zurückgegangen – sie lag vor den Reformen bei 29 Prozent dauerhaft Kinderloser und liegt jetzt bei 25 Prozent. Das sind Welten in der Demographie. Man muss Elterngeld und Kinderbetreuung gemeinsam sehen, das gehört zusammen, und beides zusammen war sehr erfolgreich.
Vier Punkte. Erstens: bezahlbarer Wohnraum für Familien, das ist im Moment ein ganz großes Problem. Zweitens: Die Kinderbetreuung muss verlässlich sein – sie war einige Jahre lang nicht verlässlich, und jeder Ausfall wirft bei Eltern, die beide berufstätig sind, den Alltag durcheinander. Drittens brauchen Familien in der Phase mit kleinen Kindern mehr Zeit: Die Sorgearbeit ist sehr aufwendig, da wollen die meisten Paare nicht beide voll arbeiten, aber beide beruflich drinbleiben. Das heißt Teilzeit mit Aufstockung, auch für Väter – und Betriebe, die verstehen, dass diese Phase vorübergeht und es danach schnell wieder Richtung Vollzeit geht. Und viertens: Wir müssen mehr für die Familien tun, die ein drittes oder viertes Kind wollen. Der große Hebel liegt nicht darin, die Kinderlosigkeit zu senken, sondern darin, dass aus zwei Kindern öfter drei werden.
Sollte sich die Politik überhaupt einmischen? Wie viele Kinder jemand bekommt, ist Privatsache.
Auf jeden Fall sollte sie das, weil eine so niedrige Geburtenrate massive Rentenprobleme verursacht. Auch die, die keine Kinder haben oder haben wollen, profitieren sehr davon, wenn man Familien mehr unterstützt. Die Politik soll keine Kinderwünsche machen – aber die Kinderwünsche sind ja da. Sie soll helfen, dass junge Menschen es leichter haben, sich diese Wünsche zu erfüllen. Die Rahmenbedingungen werden ohnehin gesetzt; man sollte sie aktiv gestalten. Das Geld gezielt in die Familienpolitik zu investieren, nicht mit der Gießkanne, ist die beste Rentenpolitik.
