Der britische Journalist Jonathan Freedland hat das erste Buch über die größte deutsche Widerstandsgruppe im Zweiten Weltkrieg vorgelegt, den sogenannten Solf-Kreis. Nicht weniger als 76 Mitglieder dieses Kreises wurden von den Nazis auf Himmlers Befehl hingerichtet, manche durch die Guillotine oder indem man sie an Haken aufhängte. Hanna Solf hat in einem nüchternen Bericht die wichtigsten Fakten aufgezählt. Ihr Text erschien im Buch von Erich Boehm, „We Survived“ (1949), doch ist ihr Zeugnis zu knapp, um der Sache gerecht zu werden.

Martha Schad hat die Ereignisse in ihrem Band „Frauen gegen Hitler“ wieder aufgegriffen (2001), aber auch diese Darstellung bleibt zu knapp, um das Schicksal dieses Kreises wirklich zu durchleuchten. Erst Jonathan Freedland, renommierter Reporter beim Londoner „Guardian“, nimmt sich in seinem neuen Buch genügend Platz, die Tatsachen wirklich zu veranschaulichen und die vielen Einzelheiten zu entwirren. Allerdings ist es ein wenig fragwürdig, dass der Autor nicht Deutsch kann und mit dem Hintergrund der Begebenheiten kaum vertraut ist. Längst bekannte Tatsachen über die Schoa, die nichts mit dem Solf-Kreis zu tun haben, werden so aufgetischt, als ob es sich um Neuigkeiten handelte. Dennoch bietet dieses Buch eine faszinierende Darstellung des Solf-Kreises, der vielen Juden das Leben rettete und in Deutschland noch zu wenig bekannt ist.
Im Mittelpunkt dieser Widerstandsgruppe stand Hanna Solf, die junge Witwe des 1936 verstorbenen Wilhelm Solf. Dieser hatte eine glänzende Karriere im Staatsdienst hinter sich gebracht. Im Jahr 1900 war er kaiserlich-deutscher Gouverneur von Samoa, 1911 Staatssekretär im Reichskolonialamt und von 1921 bis zur Pensionierung 1928 deutscher Botschafter in Tokio. Nach dem Aufstieg der Nazis setzte sich Solf für die Juden ein und versuchte sogar 1933 direkt auf Goebbels einzuwirken. Sein Plan, bei Hitler vorzusprechen, schlug aber fehl. Nach 1936 führte seine Witwe Hanna seine Arbeit fort, unterstützt von ihrer Tochter Lagi Gräfin von Ballestrem.
Der Kreis war leicht zu infiltrieren
Der Kreis bestand aus Mitgliedern der höchsten Gesellschaftsschicht: Aristokraten und Diplomaten, hohe Offiziere und Salondamen. Man half Juden bei der Flucht aus Deutschland: über Fußwege in die Schweiz, auch schwimmend über den Bodensee. Der Kreis empfand instinktiven Hass gegen die Nationalsozialisten, verurteilte ihre Politik, verdammte ihre Vorurteile und ihren Antisemitismus. Vor allem wollte man für die Zukunft arbeiten, ein besseres Deutschland vorbereiten. Man versuchte, das Regime zu beeinflussen, nahm Kontakt mit anderen Dissidenten auf, besprach sich mit Oppositionskreisen in der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Das Netz war unüberschaubar.
Ein Spion der Gestapo konnte sich da leicht einschleusen, zumal der Kreis sich beim Tee traf, etwa bei Hanna Solf, und in aller Offenheit über das Dritte Reich herfuhr. Man war zu locker, zu vertrauensvoll, und obwohl Hannas Sohn Hans Heinrich (Hinnerk) Solf zu Vorsicht mahnte, führte das die Gruppe in ihren Untergang. Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Defätismus lauteten die Anklagepunkte, und darauf stand die Todesstrafe.
Die Verhaftungen gegen Ende 1944
Die ersten Kapitel von Freedlands Buch, wie eine Montage zusammengekleistert, sind nicht leicht zu lesen. Doch sobald der Autor auf die Nachmittagstees hinsteuert, erfasst er mustergültig die Begebnisse. Nicht zuletzt ist Freedlands Behandlung der Rolle des Reichssicherheitshauptamts neu, wodurch erst klar wird, wieso die Gruppe auffällig wurde und von einem Spitzel unterwandert wurde. Auf Anweisung des RSHA fand sich am 10. September 1943 Karl Otto Paul Reckzeh bei Elisabeth von Thadden zum Tee in der Carmer Straße in Berlin ein. Freedland rekonstruiert mit erstaunlicher Präzision das dortige Gespräch: Mussolinis Fall, das bevorstehende Ende Hitlers, die Kritik der Wehrmacht, der zu erwartende Verlust des Krieges, die Notwendigkeit eines Staatsstreichs, um Hitler zu stürzen. Man vertraute Reckzeh eine geheime Sendung an. Der Fall war klar.
Himmler autorisierte zu Jahresende die Verhaftung der Widerstandskämpfer. In einer gut orchestrierten Aktion nahm man die Mitglieder des Kreises in Haft. Sie wurden in Ravensbrück und Moabit eingekerkert, verhört, gefoltert, verurteilt und schließlich hingerichtet. Elisabeth von Thadden wurde bereits am 8. September 1944 guillotiniert und ihr Tod in Plötzensee bürokratisch genau registriert: T 498 Geschäftsnummer IV g 27/44 g Rs.
Hinrichtungen und verschobene Prozesse
Die Gestapo weitete den Kreis der Verhafteten immer weiter aus. Nach dem gescheiterten Attentatsversuch vom 20. Juli verschärfte man die Maßnahmen gegen die Inhaftierten. Lagi erhielt kaum noch Essen und wurde zwei Wochen lang in völliger Abgeschlossenheit eingekerkert. Man fand eine mutmaßliche Verbindung von ihr zum Kreis vom 20. Juli. Man beschuldigte die Solfs und ihre Freunde, eine Verschwörung zum Sturz des Dritten Reichs vorbereitet zu haben.
Ihr Prozess wurde für den 13. Dezember 1944 angesetzt, dann auf den 8. Februar 1945 vertagt. Das Schicksal nahm eine unerwartete Wendung, als der Volksrichter Roland Freisler am 3. Februar bei einem Bombenangriff auf Berlin getötet wurde. Schließlich wurde der 23. April angesetzt. In der Zwischenzeit wurden mehrere Mitglieder hingerichtet, doch die Solfs waren noch vor Ende des Krieges am 23. April 1945 plötzlich frei, worüber sich kein anderer als Goebbels maßlos ärgerte.
Lagi war von Hungerödemen gezeichnet. Hanna glich einem wandelnden Skelett, dennoch konnte sie in den Nürnberger Prozessen als Zeugin aussagen. Zu ihren bedeutendsten Begegnungen gehörte die Freundschaft mit Eugen Kogon, die Freedman jedoch unerwähnt lässt. Diese Verbindung schlug eine Brücke vom Widerstand zur Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrors und damit auch zur politischen und gesellschaftlichen Aufklärung im Nachkriegsdeutschland.
Eine Begegnung in Moabit
Freedland porträtiert etwa dreißig Mitglieder des Kreises, unter ihnen Gräfin Maria von Malzan, den ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth sowie Adam von Trott und Helmut von Moltke. Der christliche Glaube, der so viele dieser Figuren verband, bildet im Buch ein Leitmotiv. Dem Spitzel wird mit der ausgiebigen Einflechtung seines Lebens zu viel Platz eingeräumt. Auch den kitschigen Schluss, in dem der Autor über die Moral der Deutschen urteilt, hätte er sich sparen können. Den Kreis im Titel als „Traitors Circle“ zu bezeichnen, ist ein Fehlgriff.
Ein paar Aspekte fehlen bei Freedland wie in allen früheren Darstellungen des Solf-Kreises. So nahm Hinnerk Solf auch an den Rettungen teil, indem er jüdischen Studenten half, über die Schweiz nach Amerika zu flüchten, und diente dem Kreis als Bote. Freedland berichtet, wie man Hanna damit drohte, ihre Söhne, beide Offiziere, zu gemeinen Soldaten zu degradieren, aber es verlief anders. Hinnerk Solf war Rittmeister im Kuban-Kosaken-Regiment Nr. 4. Als der Solf-Kreis aufflog, brachte man ihn nach Moabit. Dort traf er zufällig seinen Vorgesetzten, der ihn fragte, was er denn hier mache. Nachdem Solf ihm den Fall erklärt hatte, hatte er einen knappen Rat: „Schau, dass du wegkommst!“ Hinnerk Solf konnte der Gestapo entkommen.
Jonathan Freedland: „The Traitors Circle“. The Rebels Against the Nazis and the Spy Who Betrayed Them. John Murray Press, London 2025. 480 S., br., 12,– €.
