Von Jan-Lennard Struff lässt sich niemand täuschen. So sympathisch, sachlich und sauerländisch der Warsteiner daherkommt: Sobald er den Tennisplatz betritt, wandelt er sich zum aggressiven Typen. Nicht im Auftreten, da bleibt „Struffi“, wie ihn alle Welt ruft, zurückgenommen. Aber mit dem Schläger stellt er Sachen an, die jeden Gegner das Fürchten lehren können. Sogar Top-Ten-Spieler wie den Russen Daniil Medwedew, der in seiner gelegentlich aufbrausenden Art eher das Gegenteil des emotionalen Ruhepols verkörpert – und in dem Deutschen nun seinen Meister fand.
Mit Coolness, Courage und einem schnellen Arm hat Struff es geschafft, sich zum ersten Mal beim Rasenklassiker ins Achtelfinale durchzuschlagen. Dreimal hatte er schon in der dritten Runde von Wimbledon gestanden, aber der nächste Schritt war ihm nie gelungen. Nun bietet sich dem Sechsunddreißigjährigen an diesem Sonntag gegen den Polen Hubert Hurkacz sogar die Gelegenheit, zum ersten Mal ins Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers einzuziehen – und in den elitären Wimbledon-Klub der letzten Acht. „Ich werde alles auf dem Platz lassen und mir den Arsch aufreißen“, sagte Struff nach seinem mächtig beeindruckenden 7:6, 7:6, 7:5-Sieg gegen Medwedew.
Hurkacz, der vor zwei Jahren auch schon mal zu den besten Zehn der Welt gehörte, aber durch Verletzungen zurückgeworfen wurde, ist nach bisher vier Begegnungen mit Struff gewarnt. „Er ist sehr aggressiv, hat eine kraftvolle Spielweise. Es wird eine Herausforderung.“ Der 29 Jahre alte Pole stand 2021 im Halbfinale von Wimbledon.
Struff, der zweitälteste Einzelspieler des Turniers nach Novak Djokovic (39), hat wenig von seiner Energie verloren. In Wimbledon hat er sich bisher mit einer Wucht und Kaltschnäuzigkeit durchs Turnier geschlagen, die außergewöhnlich ist. Im ersten Match gegen den Argentinier Sebastian Baez tat er sich schwer, fand aber einen Weg zu einem „dreckigen Sieg“.
In der zweiten Runde gegen den Amerikaner Brandon Nakashima sowie danach gegen Medwedew bewies der Deutsche größte Gelassenheit in heiklen Situationen. Gegen Nakashima drehte er Rückstände im fünften Satz sowie im entscheidenden Tiebreak. Gegen Medwedew gelang ihm in jedem Satz eine Wende: nach 1:3 im ersten, 3:5 im zweiten und sogar 2:5 im dritten Satz. „Was er heute gezeigt hat, war absolute Weltklasse“, sagte der frühere Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen bei Prime Video.
Struff mit einer Bilanz, wie sie nur die Größten vorweisen können
Besonders bemerkenswert: Von den sieben Tiebreaks, die Struff in den ersten drei Runden spielen musste, gewann er sechs. Eine Bilanz, wie sie gewöhnlich nur die Größten vorweisen können und die für außergewöhnliche Nervenstärke spricht. Auch in anderen Belangen der Turnierstatistik liegt der Deutsche vorn: Er hat 76 Asse geschlagen und damit so viele wie sonst niemand. Auch mit dem wichtigen ersten Schlag nach eigenem Service („Aufschlag plus eins“) gelangen ihm die meisten Punkte.
„Ich versuche nie aufzugeben, vielleicht hilft mir das“, erklärte der deutsche Davis-Cup-Profi seine Fähigkeit, bei sogenannten „Big Points“ höchste Konzentration zu haben. Dass eine solche Einstellung nicht zwingend zum Erfolg führt, weiß Struff aus zum Teil bitterer Erfahrung. „Bei solchen Matches ist es sau eng. Es kann viel passieren und häufig in jede Richtung gehen, dafür ist der Sport zu spannend und alles zu nahe beieinander.“
Die Ruhe, mit der Struff in Wimbledon zu Werke geht, ist umso erstaunlicher beim Blick zurück auf die vielen ziemlich erfolglosen Monate. Seit vergangenem Oktober hatte er keine zwei Matches nacheinander gewinnen können, aber meistens gar nicht so schlecht gespielt, wie es die Ergebnisse nahelegten. Zweifel begleiteten ihn auch in guten Matches wie gegen Medwedew, sagte Struff: „Vielleicht gehe ich gerade einfach ein bisschen besser damit um und habe den Rhythmus mehr gefunden, viele mutige Entscheidungen getroffen.“
Der Mut hat ihn nicht nur im Turnier vorangebracht. Als Nummer 74 der Weltrangliste war Struff in Wimbledon gestartet. Nach den drei Siegen wird er einen Sprung mindestens auf Platz 61 machen, wenn das Ranking nach dem Turnier aktualisiert wird. Unter der Erfolgswelle des Warsteiners leidet nur einer: sein Kumpel Yannick Hanfmann. Eigentlich hatten die beiden gemeinsam im Doppel antreten wollen. Wie kürzlich in Stuttgart, wo sie den Wettbewerb auf Rasen gewannen. Doch Struff muss sich erholen und zog zurück. Hanfmann muss mit den Schattenseiten des Erfolgs klarkommen.
