
Ein halbes Jahr nachdem die Bundesregierung ihre Nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen hat, legt sie einen Zwischenstand vor. Das Ziel des Bundesdigitalministeriums ist es schließlich, innerhalb eines Jahres die 28 formulierten Maßnahmen zu den Themen Energie, Standorten oder Souveränität abgeschlossen zu haben.
Bis zum Jahr 2030 soll sich in Deutschland die Rechenzentrumskapazität der Strategie folgend verdoppeln, die für Hochrechenleistungszentren und Künstliche Intelligenz gar „mindestens vervierfachen“. Laut dem Zwischenbericht, den das Ministerium von Karsten Wildberger (CDU) am Freitag vorgelegt hat, sind bislang vier der 28 Maßnahmen abgeschlossen. Fünf weitere befänden sich im parlamentarischen Verfahren, insgesamt bearbeitet werden derzeit 21.
Noch nicht begonnen seien drei. Dazu gehört, dass der Bund Forschungseinrichtungen dabei unterstützen will, Quantencomputer anzuschaffen und es einen regelmäßigen Austausch mit Ländern und Kommunen zu Planungs- und Genehmigungsverfahren geben soll. Drittens ist die Rolle von Rechenzentren bei den Netzentgelten noch nicht abschließend bewertet.
Einundzwanzig Projekte „in Bearbeitung“
Die Bundesregierung zeigt sich optimistisch, die noch 24 offenen Punkte im Zeitplan abhaken zu können: „Wir sind auf dem richtigen Weg, Deutschland dauerhaft als einen weltweit führenden Standort zu etablieren“, ließ sich Digitalminister Wildberger in einer Mitteilung am Freitag zitieren. Es gebe einen klaren Fahrplan, der zügig umgesetzt werde und die Investitionsankündigungen von Unternehmen in Deutschland zeigten die Attraktivität des Standorts.
Abrufbar ist demnach für die Bundesverwaltung eine souveräne KI-Cloud, was eines der Ziele war. Investitionen für den Ausbau der Infrastruktur sind inzwischen vom Bund abgesegnet: In sogenannte „europäische Leuchtturmprojekte“ zu Cloud, KI und Dateninfrastruktur fließen drei Milliarden, für KI-Rechenkapazitäten in nationalen Hochleistungsfabriken sollen weitere 30,7 Millionen Euro bereitstehen.
Um die Ansiedlung neuer Standorte attraktiver zu machen, können Kommunen finanziell davon profitieren, weil die Gewerbesteuer künftig am Standort des Rechenzentrums erhoben wird und nicht mehr am Hauptsitz des Unternehmens. Die Investoren wiederum werden entlastet durch die weiterhin gesenkten EEG-Umlagekosten.
Ein Flaschenhals in den Ansiedlungen waren bislang häufig die Stromanschlüsse. Die Regierung verweist in der Rechenzentrumsstrategie selbst auf die knappen Anschlusskapazitäten im Stromnetz. 2025 ist der Energiebedarf deutscher Rechenzentren laut Bitkom von 20 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2024 auf 21,3 Milliarden Kilowattstunden angewachsen. Nach Daten der Internationalen Energieagentur soll der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 etwa drei Prozent des globalen Verbrauchs ausmachen.
Anschlussleistung in den USA deutlich größer
Einem Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge könnte sich der Stromverbrauch der Rechenzentren in Deutschland auf etwa 80 Terawattstunden bis 2045 im Vergleich zu heute nahezu vervierfachen.
Die Leistung aller deutschen Rechenzentren ist im vergangenen Jahr um neun Prozent auf 2980 Megawatt Anschlussleistung gewachsen.
Bis 2030 prognostiziert der Digitalverband Bitkom ein Wachstum der Rechenzentrumskapazitäten auf 5040 Megawatt. Zum Vergleich: Allein Metas Rechenzentrumsprojekt „Hyperion“ in Louisiana soll perspektivisch eine Anschlussleistung von fünf Gigawatt besitzen. Die IT-Anschlussleistung in den Vereinigten Staaten liegt derzeit bei rund 48 Gigawatt, also mehr als dem Sechzehnfachen Deutschlands.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verwies am Freitag auch darauf, dass andere Länder ihre Rechenkapazitäten deutlich schneller ausbauten, aber nun die Weichen gestellt seien, damit Deutschland Schritt halte. „Denn ausreichende eigene Rechenleistung ist eine wesentliche Voraussetzung für Wachstum im digitalen Zeitalter.“
Nicht alle 28 Vorhaben sind wirklich konkret messbar. So lautet eines der Vorhaben, die Ansiedlung mindestens einer KI-Gigafabrik in Deutschland zu unterstützen. Da dürften die Meinungen zwischen Politik und Wirtschaft auseinandergehen, was als „Unterstützung“ gezählt wird. Die europäische Planung für die KI-Gigafabriken hängt dem ursprünglichen Zeitplan auch schon Monate hinterher.
Nicht aufgeführt in der Rechenzentrumsstrategie ist übrigens die Akzeptanz der Bevölkerung angesichts des Strom-, Platz- und Wasserbedarfs vor Ort. Wie bei großen Bauprojekten üblich wird das in den Kommunen bei praktisch jeder Ansiedlung vor Ort zum Diskussionsthema. Gut möglich, dass es zukünftig an Bedeutung gewinnt: In den Vereinigten Staaten, wo zunehmend riesige Rechenzentrum-Areale entstehen, wird über die Rolle der großen Tech-Unternehmen schon intensiv gestritten.
