Kaum hatte sich Yan Diomande im Trainingslager von seinen Mannschaftskollegen verabschiedet, da wurde er per Golfwagen vom Gelände Richtung Privatflieger gebracht. So als wollte RB Leipzig um jeden Preis sicherstellen, dass den teuersten Beinen der Klubgeschichte auf den letzten Metern auch ja nichts passiert.
Einen Tag später zierte sein Gesicht dann die großen Sportzeitungen der spanischen Hauptstadt Madrid. Die auflagenstärkste unter ihnen, die „Marca“, titelte: „Die teuerste Verpflichtung in der Geschichte von Real Madrid“, darunter stand in großen Zahlen die 140 gedruckt.
So viele Millionen Euro könnten am Ende von Madrid nach Leipzig überwiesen werden, sollte Diomande alle vertraglich vereinbarten Ziele erreichen. Realistischer ist allerdings eine finale Summe von 130 bis 135 Millionen, ein Rekordtransfer bleibt der 19 Jahre alte Ivorer, der jüngst sein Heimatland bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika vertrat, aber trotzdem.
Dribbelstark, schnell und kreativ
Dass Real Madrid trotz früherer Verpflichtungen von Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Kaká nie mehr Geld für einen Fußballspieler bezahlte, darf Diomande schmeicheln, muss in Zeiten hyperinflationärer Ablösesummen aber nicht überbewertet werden. Deutlich begeisterter wird die Summe aus Leipziger Sicht gewertet werden.
Die Verantwortlichen hatten Diomande vor einem Jahr für die aus heutiger Sicht als Spottpreis anmutende Summe von 20 Millionen Euro von CD Leganés ausgelöst, einem damals gerade in die zweite spanische Liga abgestiegenen Klub vor den Toren Madrids. Eine derart hohe Gewinnmarge hat in so kurzer Zeit noch kein Bundesligaklub erwirtschaftet. „Es macht uns stolz, dass Yan durch seine starken Leistungen bei RB Leipzig international für große Aufmerksamkeit gesorgt hat“, ließ sich Geschäftsführer Marcel Schäfer in der Mitteilung zitieren.
Tatsächlich dürfte die Freude im Hause RB auf vielen Ebenen groß sein, trotz des Verlusts. Bereits im Winter war klar, dass Diomande kaum über den Sommer hinaus zu halten sein würde. Zu stark waren seine gezeigten Leistungen in der Bundesliga, zu groß war der Unterhaltungsfaktor bei seinen Auftritten, auch abseits seiner zwölf Tore und neun Vorlagen.
Auf den Außenbahnen der Liga machte er sich schnell einen Namen als Turbodribbler und zeigte Fähigkeiten, die im heutigen Spitzenfußball gefragter denn je sind. Diomande kann Gegenspieler im Eins-gegen-eins wie Sparringspartner aussehen lassen und auf viele verschiedene Möglichkeiten zurückgreifen, wenn es darum geht, sie zu überwinden. Er kann sie einfach austricksen. Seine enge Ballführung erlaubt ihm auch auf kleinem Raum, jedes Hindernis zu passieren. Oder er überrennt sie einfach. Bei einem gemessenen Spitzenwert von 36,3 Kilometern pro Stunde waren nur vier Spieler in der Bundesliga 2025/26 schneller, aber keiner von ihnen war auch nur annähernd technisch so versichert.
Nie ein Nachwuchsleistungszentrum besucht
Dazu ist er mit einer Kreativität gesegnet, die viele Stadiongänger vermissen und die eine längst vergangene Bolzplatzromantik wieder aufleben lässt. Diomande spielt auch vor 70.000 Zuschauern wie einer, der auf der Straße in seinem Heimatland Elfenbeinküste kickt. Ein Nachwuchsleistungszentrum hat er nie besucht.
Stattdessen wurde er von seinen Beratern um die halbe Welt geschickt, immer mit dem Ziel, irgendwann das ganz große Geld einzubringen. In den USA spielte er an einer Highschool unter dem Vorwand, dort die Sprache zu lernen, was nur mäßig gelang. Später absolvierte er Probetrainings in Europa und Asien. England, Schottland, Frankreich, Türkei, Griechenland oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Überall zeigte Diomande sein Können, aber nirgends klappte es mit einer Anstellung.

Leipzigs Verantwortliche dürfen sich rühmen, ein besonderes Juwel entdeckt zu haben. Der Verein schärft damit noch mal sein Profil als Ausbildungsklub auf höchstem Niveau. Bereits in der Vergangenheit war Leipzig Karrierebooster für hoch veranlagte Profis auf ihrem Weg in die Weltspitze. Dayot Upamecano, Christopher Nkunku, Josko Gvardiol, Dani Olmo oder Dominik Szoboszlai spielten alle bei RB, bevor sie zum FC Bayern, nach Barcelona oder in die Premier League wechselten.
Diomande nimmt unter den Genannten aber noch mal eine Sonderstellung ein, weil er es schneller als jeder andere vor ihm schaffte, sich über Leipzig für einen der ganz großen Klubs zu empfehlen. Auch dass sich RB als fairer Verhandlungspartner zeigte, dürfte zusätzlich ankommen. Leipzig hatte einen Verkauf Diomandes zunächst lange ausgeschlossen, was sich aber nur als taktisches Manöver erwies. In Wahrheit ging es den Verantwortlichen lediglich darum, den Preis nach oben zu treiben. Was durch Real Madrid gelang.
Diomandes Beispiel wird Leipzig bei der Verpflichtung zukünftiger Toptalente hilfreich sein. Es zeige, welche enorme „Entwicklung junge, hungrige und entwicklungsfähige Spieler bei uns nehmen können“, sagt Schäfer. Als Ersatz plant RB die Verpflichtung des Hoffenheimers Fisnik Asllani, der bei der TSG ebenfalls einen schnellen Aufstieg hinlegte.
Die positiven Nachrichten des Rekordtransfers kann RB gut gebrauchen, war doch die Sommerpause in Sachen Außendarstellung alles andere als förderlich. Die fragwürdige Trennung von Trainer Ole Werner samt allen Begleitumständen sorgte auch intern für Spannungen. Geschäftsführer Marcel Schäfer wurde zuerst unnötig geschwächt, dann verließ in Person von Jürgen Klopp einer der Hauptverantwortlichen der Trainerposse RB in Richtung deutsche Nationalmannschaft.
Martín Demichelis, Werners Nachfolger, wird in Zukunft auch daran gemessen werden, ob es ihm gelingt, neben erfolgreichen Ergebnissen auch einen neuen Ausnahmekönner zu formen. Norwegens WM-Teilnehmer Antonio Nusa ist der nächste logische Kandidat, aber auch auf dem Transfermarkt dürfte RB noch aktiv werden. Geld ist durch den Verkauf von Diomande zur Genüge vorhanden.
