Wer an die Raiffeisen Bank International (RBI) denkt, denkt fast zwangsläufig an Russland. Die Wiener RBI ist neben der italienischen Unicredit die größte westliche Bank, die dort noch in größerem Stil tätig ist. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 sucht das zweitgrößte Geldhaus Österreichs nach einem Weg, seinen russischen Ableger loszuwerden. Gefunden hat es ihn bislang nicht. Nun fällt diese Aufgabe Michael Höllerer zu, der im Juli den Vorstandsvorsitz von Johann Strobl übernommen hat.
Für Höllerer ist es der schwierigste Auftrag seiner Karriere. Die russische Raiffeisenbank gilt in Moskau als systemrelevant, der Kreml blockiert die notwendigen Genehmigungen für einen Verkauf. Gleichzeitig müssen westliche Behörden zustimmen, was Transaktionen mit potentiellen Käufern zusätzlich erschwert. Milliarden an Gewinnen und Eigenkapital sitzen in Russland fest. Während des Krieges hat die Tochterbank, begünstigt durch hohe Zinsen, ein Eigenkapital von rund sieben Milliarden Euro aufgebaut. An die Dachgesellschaft in Wien ausschütten lässt sich das Geld wegen russischer Kapitalverkehrsbeschränkungen nicht.
Ein Spezialfall in Russland
Hinzu kommen Rechtsstreitigkeiten, etwa im Zusammenhang mit blockierten Vermögen der Rasperia-Gruppe eines Oligarchen, der ein sanktionsbedingt eingefrorenes Aktienpaket am Baukonzern Strabag gehört. Raiffeisen wiederum ist Mitgesellschafter an Strabag. Gesellschaftsrechtliche Verflechtungen wirken damit mittelbar auf den Finanzdienstleister zurück. Für einen sauberen Schnitt gibt es keine Blaupause. Genau diesen Knoten soll Höllerer nun lösen.
Der 48 Jahre alte Jurist ist ein Raiffeisen-Mann, aber kein Banker alten Zuschnitts. Er war vor seinem Wechsel an die Spitze der RBI Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien und der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien. Innerhalb der österreichischen Raiffeisenwelt hat er schon viele Rollen gespielt, fast wie auf dem Fußballfeld, dem er privat eng verbunden ist. Er ist eingefleischter Fan, Vater einer Tochter, sportlich, kulinarisch interessiert – und im Vergleich zu seinen Vorgängern auffallend jung.

Finanzaufsicht und Politik
Seine berufliche Laufbahn begann Höllerer 2004 in der österreichischen Finanzmarktaufsicht. Dort war er Abteilungsleiter. Im Freundeskreis erzählte er später, er habe in dieser Zeit die nordkoreanische Golden Star Bank mit Sitz in Wien „abgedreht“. Die Bank wurde jedenfalls wegen des Verdachts der Geldwäsche und der Finanzierung nordkoreanischer Waffen geschlossen. Schon früh lernte Höllerer also, dass Bankgeschäfte mit Geopolitik und Sanktionen zu tun haben können. Eine Erfahrung, die ihm heute an der Spitze der RBI kaum schaden dürfte.
Im Jahr 2006 wechselte er zur Raiffeisen Zentralbank, als Leiter des Vorstandssekretariats des damaligen RZB-Chefs Walter Rothensteiner. Danach folgte ein Ausflug in die Politik. Von 2008 bis 2012 arbeitete Höllerer im Kabinett des ÖVP-Finanzministers Josef Pröll. Dort galt er unter Kollegen als äußerst kompetent. Wer mit ihm zu tun hatte, beschreibt ihn als gründlichen Arbeiter mit Sinn für Machtmechanik. „Der Mann hat durchaus seine Hausaufgaben gemacht“, heißt es in der Raiffeisenwelt.
Gespür für Inszenierung
Von der Politik nahm Höllerer offenbar auch das Gespür für Auftritt und Inszenierung mit. Er gilt als öffentlichkeitsfreudiger als mancher Vorgänger im mächtigen, oft verschlossenen Raiffeisen-Verbund. Als er an die Spitze der RLB Niederösterreich-Wien rückte, setzte er auf Modernisierung und Sichtbarkeit. Von Tag eins an habe er, so wird unter „Giebelkreuzlern“ mit leichtem Erstaunen erzählt, sämtlichen Raiffeisenkassen einen Besuch abgestattet. Das war Machtpflege an der Basis.
Doch Höllerers Karriere verlief nicht ohne Knicke. Nach seinem politischen Zwischenspiel kehrte er 2012 in die Raiffeisen Zentralbank zurück, stieg 2015 in den Vorstand auf und war dort unter anderem für die Fusion mit der RBI zuständig. Der Zusammenschluss Anfang 2017 war ein Kraftakt, verbunden mit internen Blessuren. Im Ergebnis schaffte es keiner der RZB-Vorstände in den neuen RBI-Vorstand. Auch Höllerer nicht. Er musste sich mit der Rolle eines Generalbevollmächtigten begnügen.
Gespür für Osteuropa
In dieser Gemengelage übernahm er eine schwierige Aufgabe. Kurz nach der Fusion meldete er sich als „Troubleshooter“ in Polen. Dort hatte RBI mit ihrem Ableger Bank Polska erhebliche Schwierigkeiten. Denn der polnische Bankenmarkt war hart umkämpft, die Aussichten wurden schwieriger. Höllerer wurde Vorstand der polnischen Einheit. Anfang 2018 gelang der Verkauf an BNP Paribas. Danach hatte er wieder „Oberwasser“, wie es in der Raiffeisenwelt heißt.
2020 wurde er Verantwortlicher für Finanzen der RBI, wenn auch in einer ungewöhnlichen Konstruktion: Er verantwortete die Agenden eines Finanzvorstands, ohne Mitglied des Vorstands zu sein. Die Bank hatte sich auf eine kleinere Vorstandsetage festgelegt. Für Höllerer war es dennoch eine weitere Etappe zurück ins Zentrum. Später baute er als Generaldirektor der RLB Niederösterreich-Wien die Stellung Raiffeisens in verschiedenen Sektoren aus, darunter auch in der Medienbranche. Zugleich hatte er als Aufsichtsrat der insolventen Baywa in Deutschland mit einem weiteren schwierigen Fall zu tun.
Sein Stil lässt sich als beharrlich bezeichnen. Im Gespräch mit der Wiener Tageszeitung „Presse“ sagte Höllerer im Jahr 2024, als er Vorsitzender der Bankensparte in der Wirtschaftskammer Österreich – der Branchenvertretung – wurde, er werde „nie jemand sein, der poltert“. Das passt zu einem Manager, dem zwar schon einmal ein „Glaskinn“ nachgesagt wurde, der aber in der Organisation Ausdauer bewiesen hat. Er hat gelernt, dass in Raiffeisen nicht nur Bilanzsummen zählen, sondern Netzwerke, regionale Loyalitäten und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen.
An der Spitze der RBI mit rund 45.000 Beschäftigten muss Höllerer nun zeigen, ob diese Fähigkeiten auch im größten geopolitischen Problemfall der Bank reichen. Zwar will er die starke Position in Osteuropa verstärken, was mit der jüngsten Übernahme der Balkan-Bank Addiko schon seine Handschrift trägt. Doch über allem steht vorerst Russland. Solange die Milliarden in Russland feststecken und der Kreml den Rückzug blockiert, wird Höllerer an einem Thema gemessen werden: ob er für Raiffeisen einen Weg aus Moskau findet – ohne starke Blessuren für das Branchenschwergewicht in Wien.
