
Gräser gelten nicht gerade als aufregende Pflanzen. Weder bringen sie bunte Blüten hervor, noch duften sie. Stattdessen nerven sie Allergiker mindestens von April bis August, und in den langen Halmen verstecken sich Zecken. Daher kappt sie der Mähroboter im heimischen Garten lieber rechtzeitig. Und dann sehen die Halme alle gleich aus, auch wenn auf dem Rasen verschiedene Arten wachsen. Wenn man sie groß werden lässt, so fällt es selbst Freunden der Botanik manchmal schwer, die unterschiedlichen Arten zu erkennen.
Abwechslung ist also Fehlanzeige. Das ist sicher einer der Gründe, warum Gräser so unterschätzt sind. Dabei sind diese Pflanzen ein Wunder der Natur – aus vielerlei Gründen. Um das zu erkennen, hilft es, nach dem ersten Regen dieses Dürresommers in den Park zu gehen: Gelb-braune, verloren geglaubte Rasenflächen zeigen nach wenigen Tagen wieder frisches Grün. Graspflanzen sind robust und passen sich ihrer Umwelt an.
Wie anpassungsfähig sie sind, zeigt auch eine neue Studie über die für uns wichtigsten Gräser: Getreide. Weizen, Gerste, Roggen und Hafer zählen zur Familie der Süßgräser, und ihre Vorfahren sind allesamt Wildgräser. Archäologen und Paläobotaniker aus Kiel und Oxford stellen nun die bisherigen Annahmen darüber infrage, wie die modernen Getreidearten entstanden sind. Bisher lautete die Geschichte so: In der Jungsteinzeit vor etwa 11.000 Jahren begannen die Menschen damit, den Boden jedes Jahr zu bearbeiten, Gräser auszusäen, dabei die besten Pflanzen auszusuchen und diese weiter zu vermehren. Und so wurden durch Selektion aus winzigen Samen kräftige Gersten- oder Weizenkörner.
Seit dem Jahr 2016 untersuchen die Wissenschaftler eine prähistorische Ausgrabungsstätte im Wadi el-Hasa in Jordanien, wo sie verkohlte Reste von Gerste, der ältesten Getreideart, und der Weizenart Emmer gefunden hatten. Sie analysierten unter anderem Körnerformen, das Unkraut, das dort vor Urzeiten das Getreide störte, sowie die Zusammensetzung der Kohlenstoffisotope im Getreide.
Nach diesen Untersuchungen sieht es nun so aus, als habe die Auswahl durch Menschen an der Größe der Getreidekörner zunächst wenig geändert. Die frühen Äcker brachten sowohl sehr kleine Körner wie aus einem Wildgras als auch große wie aus heutigem Getreide hervor. Es waren die Wachstumsbedingungen – etwa die Feuchtigkeit im Boden, was die Pflanzen dazu brachte, die Körnergröße anzupassen. Künstliche Bewässerung konnten die Wissenschaftler bei der untersuchten Gerste übrigens ausschließen.
Es gab ein Merkmal von Wildgras, das den frühen Landwirten offenbar mehr Sorgen bereitete als die Korngröße: die Brüchigkeit der Samenstände, also der Ähren. Lässt man es überhaupt so weit kommen, dass Gräser blühen und dann Samen bilden, reicht oft ein Lufthauch oder eine leichte Berührung, und die Samenstände zerbröseln. Die Körner verteilen sich dann in alle möglichen Richtungen. Heute ärgert das den Gartennachbarn, der fürchtet, dass die ungeliebten Gräser in seinen Blumenrabatten keimen. Für die Menschen der Jungsteinzeit bedeutete es Mangel, wenn die Ähren leer waren, bevor sie sie ernten konnten. Folgerichtig waren die ersten Züchtungsbemühungen mehr darauf gerichtet, dies zu verändern – also besser kleine als keine Körner.
