Die jungen Autogrammjäger und die älteren Hobbyfotografen haben leichtes Spiel am Kurpark. Ohne jeglichen Einsatz von Ellbogen stehen sie in der ersten Reihe vor den Teambussen. So nah wie am Mittwochnachmittag im osthessischen Bad Orb, beim Prolog der diesjährigen Deutschland-Tour, kommt man den Radprofis, ihren Betreuern und Mechanikern selten. Aber Michel Heßmann rollt nach der 2,6 Kilometer kurzen Strecke unerkannt von den Fans zum Bus seiner Mannschaft Movistar.
Der 25-Jährige hat unlängst seine erste Tour de France bewältigt – ein Erlebnis, das für ihn enorm bedeutungsvoll gewesen ist vor dem Hintergrund des Erlebnisses drei Jahre zuvor. Ihn, der im Sattel hochbegabt und abseits davon ebenso grüblerisch wie reflektiert ist, peinigt dieses Ereignis in vielerlei Hinsicht noch heute.
Denn in Heßmanns Vita klafft eine Lücke. In dieser Lücke stehen keine Rennen und keine Ergebnisse, ganz so, als ob er aus der Radsportwelt getilgt worden wäre. Er war gesperrt, mehr als anderthalb Jahre lang. Sein Name stand für den ersten Dopingfall eines deutschen Profis aus der ersten Reihe dieses Sports seit der großen Skandalwelle um Jan Ullrich und Co. Mit all den Folgen, die das mit sich brachte – und noch immer bringt.
Als Radprofi sei man „nah an der Hypochondrie“
Bei Heßmann, der damals wie heute seine Unschuld beteuert, hat der Fall auch anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr ins Renngeschäft schlecht verheilte Wunden hinterlassen. Und wiederkehrende Zweifel gesät, ob er in dieser Hochleistungssportblase wirklich richtig ist. Trotz tief sitzender Faszination für Radsport auf höchstem Niveau. Dafür, ein Teil dieser weltweit rollenden Karawane zu sein, hat der in Freiburg heimisch gewordene Münsteraner mehr als sein halbes Leben lang viel Schweiß und Hautschichten auf der Straße gelassen.
Am Abend nach seiner 3:28 Minuten langen Fahrt durch Bad Orb (Platz 70) sitzt Heßmann 45 Kilometer entfernt in einer Hotellobby an der Peripherie in Maintal. Hier zeigt sich der Profiradsport von seiner unglamourösen Seite. Um ihn herum wuseln Mitarbeiter von gleich drei Teams, die hier ihr Nachtlager aufschlagen mit all dem in Bussen und (Last-)Wagen verstauten Material. Und dazwischen Heßmann, der so offen und reflektiert spricht, wie Athleten das selten tun.
Er frage sich, ob „ich mich manchmal selbst sabotiere mit meiner Art, die Dinge zu zerdenken“, sagt er. Heßmann verwendet beispielsweise viel Energie darauf, gerade nicht das klassische, um Leistung, Leistung, Leistung kreisende Leben eines Radprofis zu führen. „Weil dies meiner Meinung nach kein gesundes Leben wäre. Wenn sich alles nur um mein Training, mein Gefühl und meinen Körper drehte, empfände ich das als ungemein egozentrisch“, so Heßmann. Man sei als Radprofi berufsbedingt „eh schon nahe an der Hypochondrie“.
Ein „absurd gefährlicher Beruf“
Der Philosophiestudent und erklärte Hannah-Arendt-Fan wohnt in Freiburg nach wie vor in einer WG. Um die Verbindung zu der Welt außerhalb des Pelotons nicht nur irgendwie zu halten, sondern auch einen Platz darin zu haben. Heßmann spürt, wie fremd und auch unverständlich manchen Kommilitonen seine Radwelt ist. Warum sollte man solch ein Leben wollen, werde er manchmal gefragt: ein „absurd gefährlicher Beruf“, für den man sich unzählige Tage im Jahr fern von zu Hause schindet, so Heßmann.

Natürlich spüre er von Freunden und Sportinteressierten auch großes Interesse. Aber da sei „dieser Graben zwischen diesen zwei so komplett unterschiedlichen Welten, der so schwer zu überbrücken ist“.
Die Sportwelt spendet ihm an den guten Tagen aber auch so viele Emotionen und hält so viel Glücksgefühl bereit, dass die Schattenseiten wieder in den Hintergrund rücken. Die Tour de France im Juli mutete für ihn an wie ein Theater der Träume. Der Blick auf den Tacho hätte ihn mal amüsiert und mal bestürzt, so hart wird dort am Saisonhöhepunkt gefahren. Für ihn war das Neuland.
Zu sehen, wie viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen und aus unterschiedlichen Einkommensklassen die Tour am Straßenrand zusammenbringt, habe ihn berührt, habe immer wieder aufploppende Zweifel an seinem Tun weggewischt. „Wie nicht nur die Sieger oder bestimmte Teams, sondern alle gefeiert worden sind, das ist einzigartig“, sagt Heßmann. Da liegt Begeisterung in seiner Stimme.
Heßmann wollte nicht mit einem Stempel durch die Gegend fahren
Die Zugehörigkeit zum erlesenen Kreis der Tour-Fahrer hat dem einstigen deutschen Juniorenmeister das Gefühl beschert: „Wow, wo stand ich noch vor anderthalb Jahren – und jetzt stehe ich hier und kann den Emotionen wirklich mal freien Lauf geben.“ Nach der Sperre war dafür kein Platz, weil es gleich wieder losgegangen sei mit all den alten Routinen.
Im August 2023 hätte er nicht weiter entfernt sein können von den Champs Élysées, von den letzten Metern auf dem Weg zum Zielstrich der Tour de France. Der Tag, an dem seine bisherige Welt schlagartig zusammenbrach, begann damit, dass es früh am Morgen an seiner Tür klingelte. Drei Kriminalpolizeibeamte mit Durchsuchungsbeschluss traten ein. In einer Dopingprobe von Heßmann war eine sehr geringe Dosis des Diuretikums Chlortalidon nachgewiesen worden. Ein Entwässerungsmittel, das zur Verschleierung anderer Dopingsubstanzen dienen kann.
Heßmann beteuert seine Unschuld, damals wie heute. Seinem Anwalt habe er damals gesagt: „Wenn wir den Fall nicht komplett gewinnen, möchte ich mit diesem Sport nichts mehr zu tun haben. Ich möchte nicht mit dem Stempel ‚Verurteilter‘ durch die Gegend fahren.“ Schon als talentierter Rennfahrer im Teenageralter habe er es verabscheut, wenn Leute ihn scherzhaft fragten, welches Dopingmittel er denn heute genommen hätte, erzählt er. Aber er blieb nicht so dogmatisch. Heute fährt er doch wieder Rennen, trotz der Sperre wegen Dopings. „Ich bin zwar ein Prinzipienreiter – aber da bin ich dann doch von abgerückt.“
„Elitäre, privilegierte Welt der Vielflieger“
Denn der Fall wurde kompliziert. Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) bestätigte, dass der positive Test wahrscheinlich auf ein verunreinigtes Medikament zurückzuführen sei, so gering war die bei Heßmann nachgewiesene Menge des Diuretikums. Sie sperrte Heßmann außergewöhnlich kurz, für nur vier Monate. Weil sie einen Teil der Sperre rückwirkend anwendete, hätte das gerade mal ein paar weitere Wochen ohne Radrennen bedeutet. Heßmann hatte zwar zuvor schon monatelang ausgesessen, weil sein Team ihn suspendiert hatte, doch ihm winkte ein schneller Wiedereinstieg.
Die weltweite Behörde (WADA) aber erhob Einspruch. Wie ein „Schlag ins Gesicht“ sei das gewesen, sagt Heßmann. Am Ende ließ er sich auf eine Sperre von 21 Monaten rückwirkend ab dem Tag der entnommenen Probe ein.

Für Heßmann war es eine schwere Zeit. Mitunter wusste er nicht, ob er noch Radprofi war, ob er es noch sein wollte und könnte. Er habe daheim sogar den Supermarkt gewechselt, weil er das Gefühl hatte, dass auf seiner Stirn das Wort „Dopingsünder“ stünde. Sein Studium half ihm sehr dabei, die Gedanken umzulenken.
Seit März 2025 fährt Heßmann wieder Radrennen, ist wieder eingetaucht in diese „ja auch elitäre, privilegierte Welt der Vielflieger“, wie er sagt. Und versucht gleichzeitig, seine in jener Zeit an der Uni geknüpften Freundschaften trotz ständiger Abwesenheit „zu retten“. Er fährt nicht mehr in den Farben der Equipe Visma-Lease a bike um den dänischen Star Jonas Vingegaard, das den erfolgreichen Juniorenfahrer Heßmann mit 19 Jahren unter Vertrag genommen hatte.
Seine Rückkehr ins Peloton erfolgte im Trikot der spanischen Mannschaft Movistar. Das ist zwar auch Teil der World Tour, aber dort ist alles einige Nummern kleiner, das Team deutlich seltener siegreich als das Team Visma, in dem Heßmann etwa 2023 als Helfer für den Slowenen Primož Roglič fuhr, auf dem Weg zum Sieg beim Giro d’Italia. Auf eigene Rechnung fährt er auch bei Movistar in der Regel nicht.
Die Lücke zwischen Erwartung und Realität
Heßmann ist eloquent, wenn er redet, sprudeln die Gedanken mitunter nur so heraus. Der 25-Jährige kann eingängig beschreiben, wie es in den Rennen zugeht. Und wie in seinem Kopf. „Man trainiert sauhart und träumt dabei natürlich davon, wie es sich eines Tages auszahlt mit Topergebnissen. Doch als Helfer erfüllst du schlicht Anforderungen.“ Die zwar immer noch reichlich Adrenalin freisetzten, aber nicht vergleichbar seien „mit dem puren Rausch, in einem Rennfinale um die Topplätze mitzufahren“.
Er hat zwar immer wieder seine Momente, auf Windkantenetappen bei Paris–Nizza oder der Katalonien-Rundfahrt zum Beispiel, als seine Zähigkeit und Tempohärte auffällig waren. Starke Resultate in eigener Sache springen aber selten heraus, weil er nach getanem Helferdienst meist sein Soll erfüllt hat. „Wenn du deinen Job machst und mit 500 Watt in einen Berg hineinfährst, bleibt danach nur die Frage, ob du schon am nächsten oder erst am übernächsten Berg abgehängt wirst.“ Er will darüber nicht klagen, aber manchmal ist da eine Lücke, die ihm zu schaffen macht: zwischen hoffnungsfroher Erwartung und der Realität.
Die fast zweijährige Zwangsrennpause hat bewirkt, dass gleichaltrige Rennfahrer, mit denen er vor der Sperre auf Augenhöhe gewesen sei, ihm nun voraus seien. Bei der Deutschland-Tour, die nach vier Etappen durch den Südwesten der Republik an diesem Sonntag in Heilbronn endet, kann Heßmann nun freier fahren. Er will sich den deutschen Radfans zeigen in diesen Tagen, in welcher Form auch immer.
„Ich habe in den 21 Monaten Sperre viel Momentum verloren“, sagt Heßmann. Ständig sei es bergauf gegangen, er war im Hoch – bis zum erzwungenen Stillstand. Es ist eine Leistung für sich, dass er Fleiß und Arbeitsethos auf dem Rad zumindest teilweise aufrechterhielt während der Sperre. „Meine größte Motivation war und ist: herauszufinden, was ich wirklich zu leisten imstande bin“, sagt Heßmann. „Es bleiben diese Zweifel, weil ich noch immer nicht das Gefühl habe, so richtig wieder meinen Platz gefunden zu haben. Ich glaube aber fest daran, dass ich auch in den tiefen Haifischbecken meines Sports mitschwimmen kann.“
