Klappt es, oder klappt es nicht? Filme leben davon, dass niemand weiß, wie sie ausgehen, selbst wenn schon recht früh klar scheint, in welche Richtung es gehen könnte. So war das auch beim Straßenrennen der Frauen bei der Rad-WM in Montreal. Alle Augen waren auf Demi Vollering gerichtet. Und als das Rennen erst mal lief, wurde aus den mehr als zwanzigtausend Pedalumdrehungen ein fesselnder Thriller voller Wendungen, in dem Vollering eine oscarwürdige Hauptrolle spielte und an dessen Ende sie im Ziel sagen konnte: Es hat endlich geklappt mit dem großen Traum. Weltmeisterin!
Das Rennen in Montreal war mit mehr als 180 Kilometern nicht nur das längste in der Geschichte der Frauen bei Weltmeisterschaften. Es war auch die Neuauflage eines Zweikampfs, der Anfang August bei der Tour de France Femmes viele in seinen Bann gezogen hatte. Es war das Duell von Demi Vollering und Katarzyna Niewiadoma.
Und in der Rivalität, die den Frauenradsport derzeit bewegt, setzte sich wieder die Niederländerin vor der Polin durch. Sie krönte ihr beeindruckendes Jahr, in dem sie neben Frühjahrsklassikern wie der Flandern-Rundfahrt und Lüttich–Bastogne–Lüttich auch schon den Giro d’Italia und die Tour gewonnen hatte. Die derzeit beste Fahrerin der Welt hat den großen Titel errungen, der ihr noch gefehlt hat. „Ich glaube, ich kann es immer noch nicht fassen“, sagte Vollering: „Ich bin fest davon überzeugt, dass ich diesen Traum aus einem bestimmten Grund hatte.“
Ausbildung zur Floristin statt Profivertrag
Wenn man die Geschichte erzählen will, wie sie das geschafft hat, kann man bei rund 39 Kilometern vor dem Ziel beginnen, als Vollering attackiert und keine Konkurrentin folgen kann. Schon hier zeigt sich erstmals, dass an diesem Tag wohl niemand besser sein wird. Man kann diese Geschichte bei 16 Kilometern vor dem Ziel beginnen, als sie die Gegnerinnen wieder einholen, oder bei elf Kilometern vor dem Ziel, als sie nur noch mit Niewiadoma unterwegs ist, die einen Großteil der Führungsarbeit verweigert und später trotzdem im Sprint geschlagen wird. Doch es lohnt sich, bei Vollering weiter vorn anzufangen, weil die Neunundzwanzigjährige einen bemerkenswerten Weg hinter sich hat.
Schon als kleines Kind schreibt sie in ihr Tagebuch, dass sie gerne Radprofi werden würde. Und trotzdem tritt sie mit zehn Jahren in einen Eisschnelllaufklub ein. Das Radfahren ist für Vollering wie bei vielen Athletinnen und Athleten aus dieser Sportart Teil des Trainings, aber es ist zu dieser Zeit nicht ihre Priorität Nummer eins. Im Alter, in dem viele ihrer heutigen Konkurrentinnen ihren ersten Profivertrag unterschreiben, macht Vollering gerade eine Ausbildung zur Floristin, arbeitet in Blumenläden und Gewächshäusern.
Ihr Leben ändert sich erst 2017, als sie mit ihrem damaligen Freund, der heute ihr Manager ist, in den Ardennen trainiert und sich von einer harten und langen Fahrt so schnell erholt, dass dieser ihr nahelegt, ihren Job zu kündigen, das Eisschnelllaufen sein zu lassen und alles auf die Karte Radsport zu setzen. Der Traum lebt wieder. Zwei Jahre später unterschreibt Vollering im Alter von 22 Jahren ihren ersten Profivertrag.
Platz für alle möglichen Volten, für Drama und große Gefühle
In den ersten beiden Saisons fährt sie gute Ergebnisse ein. 2021 gewinnt Vollering erstmals Lüttich–Bastogne–Lüttich und ist von da an das, was viele werden wollen, aber so wenige schaffen: eine echte Siegfahrerin. Etliche große Rennen hat sie seitdem gewonnen. Doch mit den Weltmeisterschaften blieb es immer kompliziert. Es schien auch am Samstag zwischenzeitlich so weiterzugehen: „Es gab so viele Momente, in denen ich dachte, ich wäre zu früh losgefahren“, sagte Vollering, deren Teamkolleginnen ihr die erste Attacke mustergültig vorbereitet hatten, bei der auch die beste Deutsche Franziska Koch (Platz zehn) nicht folgen konnte.
Wenn ein Solo misslingt, sind die herannahenden Verfolgerinnen in der Regel nicht nur mental im Vorteil. Und wenn die ärgste Konkurrentin dann auch noch mehrere Führungen auslässt (was angesichts ihres schwächeren Sprints aus ihrer Sicht sinnvoll ist), kann man schon mal die Nerven verlieren. Doch Vollering gewann, weil sie sich selbst nicht verlor, und zeigte mal wieder, wie überlegen sie im Moment allen ist.
Das mag bekannt vorkommen: So jemanden gibt es ja auch im Männerradsport mit Tadej Pogačar. Doch die beiden sind verschieden. Der Slowene, der die WM wegen seines Sturzes bei der Vuelta a España verpasste, fährt wie eine Actionfigur, die von Beginn an alles kurz und klein macht, was ihr in die Quere kommt. Bei Vollering ist Platz für alle möglichen Volten, für Dramen und für große Gefühle. Was im Grunde nur sinnig erscheint bei ihrer Geschichte, die von Wendungen geprägt ist – und einem Traum, den sie zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatte. Jetzt sind es die Gegnerinnen, die sie häufig nicht mehr sehen, wenn es ernst wird.
