
Es trifft zu, dass das Pentagon seit Längerem daran arbeitet, die amerikanische Truppenpräsenz in Europa (und im Rest der Welt) neu zu ordnen. Dieser Teil war „absehbar“, da hat Pistorius recht. Nicht absehbar war allerdings, dass der Abzug aus Deutschland zu einer Strafaktion Trumps für die Bundesregierung werden würde.
Es war sogar völlig unnötig, denn niemand hat den Bundeskanzler dazu gezwungen, auf einem Termin mit Schülern (!) Bemerkungen über den Irankrieg zu machen, die das Potential hatten, den US-Präsidenten aufzustacheln.
Die Zeiten haben sich geändert
Eines unterschätzen viele in Berlin: Die Zeiten von Schröder und Fischer, in denen man innenpolitisch Stimmung gegen einen amerikanischen Krieg machen konnte, ohne dabei um den Bestand der NATO fürchten zu müssen, die sind endgültig vorbei. Das liegt nicht nur an Trumps egozentrischer Persönlichkeit. Europa ist für die Vereinigten Staaten nicht mehr so wichtig wie im Kalten Krieg. Russland ist im Vergleich zu China eine viel geringere Herausforderung für Amerika.
In der Trump-Regierung gibt es starke Kräfte, die auf eine strategische Neuausrichtung in Richtung Asien hinarbeiten. Der Wert europäischer Stützpunkte fällt damit nicht auf null, aber unersetzbar sind sie nicht. In dieser Lage haben die Bundesregierung und andere europäische Verbündete Trump im Streit über Iran auch noch Argumente gegen die NATO geliefert. Das war keine kluge Politik.
Die 5000 Soldaten, deren Abzug das Pentagon zunächst angekündigt hat, sehen auf dem Papier nicht nach viel aus. Aber davon abgesehen, dass Trump schon einen größeren Abzug in Aussicht stellt, kommt es darauf an, ob sie nur Deutschland verlassen würden oder auch Europa. Noch kann der Kontinent jede US-Brigade gebrauchen.
Schlecht ist außerdem, dass keine US-Mittelstreckenraketen mehr nach Deutschland verlegt werden sollen. Hier hat Europa eine ernste Fähigkeitslücke. Die Bundesregierung kann sich etwas vormachen, vielleicht auch der deutschen Bevölkerung, aber sicher nicht Putin. Der sieht, wie die NATO erodiert.
