In der Zukunftstechnologie der Kernfusion setzt das Münchner Start-up Proxima Fusion nun auf Unterstützung aus der Industrie. Zu diesem Zweck hat das inzwischen 150 Mitarbeiter zählende Unternehmen einen Industrial Development Board (IDB) gegründet. Dem Gremium werden nach Angaben von Proxima Fusion einige der erfahrensten Industrie- und Energieexperten Europas angehören. Ziel sei es, den Übergang von der Fusionsforschung hin zum kommerziellen Einsatz zu beschleunigen.
Die Kernfusion zielt darauf, Wasserstoffkerne kontrolliert zu verschmelzen, um Energie zu gewinnen, ohne dass viel strahlender Abfall anfällt und klimaschädliches CO2 freigesetzt wird. Mitglieder des IDB sind unter anderem Luc Rémont, ehemaliger Vorstandschef des französischen Energiekonzerns EDF, Michael Bolle, ehemaliger Technologiechef der Robert Bosch GmbH sowie Vorsitzender des Kuratoriums der Carl-Zeiss-Stiftung, Ann Mettler, ehemalige Generaldirektorin in der Europäischen Kommission und frühere Europa-Vizepräsidentin bei Breakthrough Energy, sowie Erich Clementi, Aufsichtsratsvorsitzender des Energiekonzerns Eon.
Europas größtes Industrieprojekt
„Dieses Board bringt genau die Erfahrung und Netzwerke mit, die nötig sind, um Fusionsenergie zu Europas größtem Industrieprojekt zu machen“, sagte Proxima-Vorstandschef Francesco Sciortino. Auf der Kernfusion ruhen große Hoffnungen, um in der Zukunft eine sehr günstige, fast nie versiegende Energiequelle zu erhalten. Es gibt ein internationales Wettrennen, wo das erste kommerzielle Fusionskraftwerk entstehen soll. Amerikaner und Chinesen investieren Milliardenbeträge in die Technologie.
Es gibt aber auch Zweifel, weil die Technologie als sehr anspruchsvoll gilt und es deshalb noch einige Jahrzehnte dauern könnte, bis sie eingesetzt werden kann. Für Proxima-Chef Sciortino geht es in der Fusionstechnologie um Geschwindigkeit und Skalierung. Sein Unternehmen sieht er hier weit vorne, weil es gezeigt habe, dass es schneller vorankommen könne, als viele für möglich gehalten hätten.
„Baustein des zukünftigen Energiesystems“
„Jetzt geht es darum, unsere Fertigungskapazitäten massiv auszubauen, ein tragfähiges industrielles Ökosystem zu stärken und die Expertise neuer Partner zu nutzen, die in das Feld einsteigen“, sagte er. „Fusionsenergie hat das Potential, ein wesentlicher Baustein des zukünftigen europäischen Energiesystems zu werden“, ist IDB-Mitglied Rémont überzeugt. Dies könne aber nur gelingen, wenn sie von Beginn an als Industrieprojekt verstanden und behandelt werde. Proxima verbindet seiner Ansicht nach erstklassiges Engineering mit einem glaubwürdigen Weg zur Skalierung.

„Die industrielle Stärke Europas ist außergewöhnlich“, sagte Bolle. Die Fusionsenergie sei genau die Art von Herausforderung, bei der dies entscheidend sei und sich eine reale Chance biete, global eine Führungsrolle zu übernehmen. „Wir verfügen über eine starke Basis in der Entwicklung und Skalierung komplexer Systeme vom Automobilbau über den Maschinenbau bis hin zur Präzisionsoptik. Das ist eine einmalige Gelegenheit für eine ganze Generation, die zukünftigen Energiesysteme mitzugestalten“, sagte Bolle, der mittlerweile bei dem Stuttgarter Wagniskapitalgeber Mätch VC tätig ist.
Zwei Milliarden Euro für Testanlage
Derzeit errichtet Proxima Fusion am Standort Gundremmingen eine Fabrik zur Herstellung großer Magneten mit einem Durchmesser von fünf Metern. Das ist der nächste Schritt, für den das mit 200 Millionen Euro finanzierte Start-up ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung hat. Ein wichtiger Meilenstein wird für Proxima die Entwicklung des Demonstrationsreaktors Alpha in München-Garching. Dieser soll in den frühen Dreißigerjahren fertig sein. Wenn der Reaktor funktionstüchtig ist, also Energie produziert, sollen die Arbeiten für den ersten kommerziellen Fusionsreaktor beginnen. Sciortino erwartet, dass dieser in der zweiten Hälfte der kommenden Dekade errichtet werden kann.
Für den Demonstrationsreaktor in Garching werden zwei Milliarden Euro benötigt. Proxima und der Freistaat Bayern wollen jeweils 400 Millionen Euro dafür übernehmen. Die restlichen 1,2 Milliarden Euro sollen vom Bund kommen. „Der Bund muss sich in seiner Förderung der Fusionsenergie auf die aussichtsreichsten Ansätze konzentrieren“, sagte Sciortino im Gespräch mit der F.A.Z. Seine Mittel reichten nicht aus, um vier solcher Projekte zu fördern. Anstelle des Gießkannenprinzips wäre es besser, die Unternehmen zu fördern, die am weitesten seien. „In der auf Magneten basierenden Fusionsenergie ist das Proxima Fusion“, betonte der Italiener. Daneben ließe sich dann noch das aussichtsreichste Projekt in der Lasertechnologie unterstützen. Auf die Lasertechnologie setzen Marvel Fusion und Focused Energy.
Um die Fusionstechnologie in Deutschland voranzutreiben, sei das hier vorhandene industrielle Wissen unerlässlich, sagte Bolle im Gespräch mit der F.A.Z. Deshalb engagiere er sich in dem Industrial Development Board. Proxima brauche für die nächsten Schritte Partner aus der Industrie. Bolle hält die Magnettechnologie für den vielversprechendsten Ansatz. Das zeige die in Greifswald stehende Testanlage Wendelstein des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, die mit einem Stellarator arbeitet, wie in Proxima nun auf die nächste Ebene bis hin zur kommerziellen Anwendung bringen will.
