
Das Interesse am „größten Terrorprozess aller Zeiten“ hat deutlich abgenommen. Als am 21. Mai 2024 die Hauptverhandlung gegen Heinrich XIII. Prinz Reuß und acht weitere Angeklagte begann, standen schon Stunden zuvor Menschen vor der eigens für den Prozess gebauten Leichtbauhalle des Frankfurter Oberlandesgerichts Schlange.
Die Neugier war groß auf diese Gruppe, der die Bundesanwaltschaft Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens vorwirft. Versammelt hatten sich Medienvertreter aus der ganzen Welt, bekannte Gesichter der Querdenker-Szene, interessierte Bürger. Jeder Platz im Zuschauerraum war besetzt.
Gut zwei Jahre später hat sich das Bild deutlich verändert. Maximal eine Handvoll Journalisten sitzt noch auf der linken Seite des Raums. Auf der rechten Seite sind es oftmals ein paar Zuschauer mehr, aber meist dieselben Gesichter: Bekannte der Angeklagten, manchmal ein paar Familienangehörige und Anhänger der Querdenker-Szene, einige von ihnen mit T-Shirt, auf denen Sätze wie „Einen Wolf interessiert es nicht, was Schafe von ihm denken“ stehen. Ab und zu verfolgen auch Jurastudenten und Referendare des Gerichts das Geschehen.
Angeklagter in München gesteht
Seit zwei Jahren müssen in dem sogenannten Reichsbürgerprozess alle Beteiligten ihr Durchhaltevermögen unter Beweis stellen. Wochenlang haben sowohl Heinrich XIII. Prinz Reuß, Maximilian Eder als auch Birgit Malsack-Winkemann die Vorwürfe abgestritten. Zumindest für die ersten beiden ist schon angekündigt, dass ihre Einlassung noch nicht abgeschlossen ist. Dass sie sich derart viel Zeit gelassen haben, bedeutet aber nicht, dass auch inhaltlich an jedem Tag viel Neues dazugekommen ist. Stattdessen waren die Tage geprägt von ständigen Wiederholungen und Abschweifungen.
Nicht alle Angeklagten haben bisher in Frankfurt ausgesagt, aber diejenigen, die es getan haben, sagen im Kern das Gleiche: Sie hätten zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, selbst Gewalt auszuüben. Pläne für einen Staatsstreich habe es nie gegeben. Man habe auf eine übernationale Allianz vertraut, die eingreifen und einen Umsturz herbeiführen werde.
Doch im Januar 2026 dann die Wende in München. Denn als Thomas T. seine mehr als 100 Seiten lange Aussage vorliest, klingt das ganz anders. Wie der „Spiegel“ berichtete, sagte T. in einem Geständnis, er habe die Möglichkeit, dass Gewalt angewendet werde, „in gewissem Maße in Kauf genommen“. Thomas T., selbst ernannter Hellseher, gehört zu den Frauen und Männern, die sich seit 2024 vor den Oberlandesgerichten in München und in Stuttgart verantworten müssen.
Ein langwieriges Prozedere
Besonders einen Angeklagten aus dem Frankfurter Prozess belastete er dabei: den ehemaligen KSK-Soldaten und „Survival Trainer“ Peter Wörner. Zu der Anklage hat sich Wörner bisher nicht geäußert; er hob vor allem seine Liebe zu Tieren und Natur hervor. Dass er zumindest eine starke Abneigung gegen den Staat empfindet, war schon vor seiner Verhaftung kein Geheimnis. In einem im Mai 2021 veröffentlichten Youtube-Video sagte er, dass „diese verbrecherische Clique in Bund und Ländern abtreten“ müsse. Es komme etwas „völlig Neues“, voraussichtlich werde ein Rat entstehen, der vom Militär gestützt werde. Inwiefern Wörner – wie Thomas T. behauptet – Gewalt anwenden wollte, muss der Frankfurter Senat aufklären.
Außer der Frage, ob es Pläne für einen gewaltsamen Umsturz gab, muss das Gericht auch für jeden Angeklagten einzeln prüfen, was er genau gewusst hat, respektive wovon er ausgegangen ist und wozu er bereit war. Deshalb werden in mühsamer Weise Chatprotokolle vorgelesen, bei denen zwei Richter jeweils abwechselnd auch das Datum und die Uhrzeit, zu der die Nachricht versandt oder empfangen wurde, vortragen. Das dauert manchmal stundenlang. Überwachte und aufgezeichnete Telefonate werden ebenfalls in voller Länge vor Gericht abgespielt. Hinzu kommen oftmals Anträge der Verteidiger, die sich auf den Inhalt der Beweismittel beziehen. Ein langwieriges Prozedere für alle Beteiligten.
Bei 600 Seiten Anklageschrift und anfangs rund 270 geladenen Zeugen, von denen nur 22 bisher vernommen wurden, ist zu erwarten, dass dies noch viele weitere Stunden dauert. In München und Stuttgart hat man bereits bis ins Jahr 2028 Termine angesetzt. Auch in Frankfurt ist kein baldiges Ende abzusehen.
Einige Änderungen gibt es aber. So haben mehrere Verteidiger im zweiten Prozessjahr das Mandat niedergelegt. Die größte Neuigkeit aber war, dass im Dezember 2025 die Lebensgefährtin von Reuß, die wegen Unterstützung angeklagt ist, aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Drei Jahre hatte die wegen Unterstützung angeklagte Vitalia B. bis zu diesem Zeitpunkt in Haft verbracht – eine im Vergleich zur erwarteten Strafe unverhältnismäßig lange Zeit, entschied das Gericht und hob den Haftbefehl auf. In München ist die Mitangeklagte Hildegard L. im vergangenen Oktober noch vor Prozessende gestorben.
