In der Galerie Dior, dem von Dior geführten Museum, hat die Geschichte gerade ein Update bekommen. Die ersten Kleider von Jonathan Anderson sind eingetroffen. Das Museum ist dem Werk seiner Kreativdirektoren von 1946 bis heute gewidmet, Schwerpunkt Couture. Und diese eine Januar-Couture-Kollektion von Jonathan Anderson nimmt nun, gemessen daran, dass es in der Geschichte des Hauses Dior eben mehr als 150 Couture-Schauen waren, recht viel Raum ein. Ein Teil der Ausstellung wurde auch auf das Garten-Thema seiner ersten Haute-Couture-Kollektion angepasst. Drängelt der aktuelle Kreativdirektor sich ausgerechnet hier, in einem Museum, vielleicht ein wenig in den Vordergrund? Und hat er das nötig? Die Antwort auf die zweite Frage lautet: sicher nicht. Es besteht kein Zweifel daran, dass Jonathan Anderson bei Dior angekommen ist.
Seine Kollektion zum Auftakt einer langen Prêt-à-porter-Woche ist eine der stärksten der ersten Tage, weil sie sich im Gegensatz zu vielen anderen eben nicht allein an der Vergangenheit orientiert, sondern klar in der Gegenwart verortet ist. In einem Land, das Mode zum Kulturgut erklärt hat, ist Dior auch unter einem 42 Jahre alten Nordiren die staatstragende Marke. Bei der Beerdigung der langjährigen Kommunikationschefin von Dior, Mathilde Favier, Ende August, die zuvor bei einem schweren Autounfall verunglückte, war auch Brigitte Macron zugegen.
Sollte jemand vom Kaliber einer Première Dame im nächsten Sommer, an einem heißen Juli- oder August-Tag, ein offizielles Ensemble benötigen, dann hält Jonathan Anderson Optionen aus Chiffon bereit. Die wohl leichteste Bar-Jacke aller Zeiten, ein Klassiker des Hauses, stammt jetzt auch von ihm. Ein plissierter Rock ist bei näherem Hinschauen eine Hose. Diese Stoffe scheinen knapp über dem Körper zu schweben, so leicht sind sie.

Jonathan Anderson arbeitet also mit eigenem Kompass. Er berücksichtigt das, was war, aber schaut auch nach vorne. Damit fällt er umso mehr auf in dieser Woche, da die Luxushäuser in Paris beim Prêt-a-porter ihre Mode für das nächste Frühjahr zeigen, aber sich dabei häufig auf die Anfänge der Gründer beziehen. Die lagen mehrheitlich in den Jahren um den Zweiten Weltkrieg, als sich die Luxusmode neu sortierte. Nur: Eignen sich die Gründermütter und Gründerväter gerade jetzt als Leitsterne, wenn die Herausforderungen der Gegenwart groß sind?
In besseren Zeiten, den rückblickend goldenen Zehnerjahren zum Beispiel, als die Luxusmode mit dem Aufkommen von Social Media neue Sphären erreichte, musste niemand ans Erbe denken. Daran kann man sich auch heute erinnern, während man am wohl wirklich letzten heißen Tag des Jahres Ende September um 21.45 Uhr auf der Terrasse vor dem Eiffelturm sitzt, und Charlotte Gainsbourg zum Finale von Saint Laurent zuhört. Sie singt: „You are so much Yves Saint Laurent“ und meint damit den Kreativdirektor Anthony Vaccarello, dessen Vorgänger Hedi Slimane das „Yves“ 2012 aus dem Markennamen strichen ließ. Das war damals als Modernisierungsmaßnahme gemeint. Auch Celine muss, seit Slimane dort tätig war, wieder ohne Accent auf dem „e“ auskommen.

Jetzt jedenfalls ist Vaccarellos Kollektion eine Verneigung vor dem Schaffen des Gründers – er arbeitet fast ausschließlich mit Gold. Dem „Schwarz von heute“, wie Yves Saint Laurent mal sagte. Diese Kollektion feiert das Gestern. Nach einem Jahrzehnt könnte es Vaccarellos letzte für Saint Laurent gewesen sein.
Und es könnte auch Chemena Kamalis letzte Kollektion für Chloé gewesen sein, denn das Gerücht, dass Vaccarello bei Saint Laurent geht und Kamali von Chloé zu eben Saint Laurent wechselt, hält sich seit Wochen. Die beiden Designer befeuern es selbst. Vaccarello mit seiner YSL-Ode am Dienstagabend, Kamali am Donnerstagmorgen, indem sich ihr Schauen-Brief wie Abschiedszeilen lesen. Das deutsche Model Julia Stegner ist auf dem Laufsteg dabei. Claudia Schiffer sitzt in der ersten Reihe. Wie sämtliche andere VIPs ehrt sie Kamali zum Finale mit Standing Ovations. Ein Zeichen? Statt weiter zu spekulieren, steht auf jeden Fall fest, dass man in Chloé den nächsten Hitzesommer gut überstehen würde, denn die Designerin arbeitet viel mit Broderie Anglaise, diesem angenehm zu tragenden Stoff mit Lochstickerei.
Wo bleiben die Kleider als Hitzeschutz?
Wer als Designer in dieser Stadt den Sommer verbracht hat, der es so in sich hatte, dass einige Pariser in den Parks nächtigten, weil aus ihren kleinen Wohnungen Saunas geworden waren, müsste Extremwetter spätestens von jetzt an mitdenken. Umso mehr überrascht, abgesehen von Dior und Chloé, der Mangel an Mode-Ideen in Zeiten des Klimawandels.
Die gute Nachricht: Die andere Bedrohung der Zukunft, die für die Menschheit gerade von der Künstlichen Intelligenz ausgeht, betrifft die Arbeit der Designer weniger. Deren Währung bleibt trotz längst globalisierter Produktionsbedingungen das Handwerk. Daniel Roseberry erfüllt zum Beispiel Elsa Schiaparellis künstlerischen Anspruch an Mode in der Gegenwart, indem er den Trend zum Naked Dress als Trompe d’œil aufgreift und mit einer Dreidimensionalität arbeitet, wie sie in der Couture üblich ist.

Und Pierpaolo Piccioli schafft es, die Vermächtnisse von gleich zwei Designern zu erhalten. Er greift den Streetwear-Touch seines Vorgängers Demna auf und verbindet ihn mit dem Spiel mit Volumen und Proportionen des Gründers Cristóbal Balenciaga. Allerdings: Entwürfe, die so schön sind, dass einem der Atem stockt, zu denen er nachweislich fähig ist, siehe zum Beispiel seine Couture-Kollektion von Juli, fehlen dieses Mal. Auch Emanzipation braucht offenbar Zeit, Piccioli arbeitet sich bei Balenciaga noch ein.
Dass die Zukunftsverunsicherung größer ist als der Mut für Neues, zeigen bezeichnenderweise die beiden Debüts dieser ersten Tage. Auch Drew Henry bei Courrèges und Kai Nesselrath bei Carven orientieren sich stark an der Mode ihrer Gründer. A-Linienkleider und Go-go-Boots hier, Miniröcke und kastige Oberteile dort. Überraschend, in dem Sinne, dass man jegliche Gedanken an die irrsinnig hohen Lebenshaltungskosten ausblendet und die Mode dieser jungen Talente haben will, ist sie nicht.
Vielleicht bedingt das eine das andere, aber Julian Klausner geht es bei Dries Van Noten deutlich enthemmter an und wirkt entspannt. Nach seiner Schau steht er an der Stelle, an der die Models soeben zwischen Backstage und Laufsteg unterwegs waren, während der Gründer Dries Van Noten von Reihe eins aus zuschaute. Er steht da und spricht über Glamour – den alten Hollywood-Glamour der Fünfzigerjahre. Pumps, Perlenketten, Filmposter-Drucke auf Cocktailkleidern. „Hoffentlich macht das den Leuten Lust, sich aufzubrezeln“, sagt er. So einfach kann das sein.
