In unserer Kolumne »Grünfläche«
schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und
Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser
Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 16/2026.
Früher war der Frühling im Fußball die feurige Phase. Heute werden die Meisterschaften nur noch ausnahmsweise im April und Mai entschieden. Der FC Bayern könnte ab sofort die E-Jugend ins Rennen schicken. Die Kids müssten nur aufpassen, dass sie nach dem Abpfiff rechtzeitig zur Hausaufgabenbetreuung abgeholt werden.
In Italien schaukeln die Alten Herren von Inter Mailand das Ding nach Hause. In Frankreich genügt es PSG, in der Rückrunde das Tempo etwas anzuziehen, um die Konkurrenz abzuhängen. Selbst in Spanien fällt dieses Jahr das Duell aus, weil Real Madrid bloß ein paar Stars hat, aber keine Mannschaft.
Nur in England steigt die Sause. Am Sonntagabend, während der FC Bayern seine 423. Meisterschaft einfahren könnte, trifft Man City auf den FC Arsenal. Besiegt Pep Guardiola seinen Schüler Mikel Arteta, sind die beiden praktisch gleichauf. Dann könnte sich das Titelrennen, wie zuletzt 2024 und 2022, erst am letzten Spieltag entscheiden, also Ende Mai. Die Premier League rockt.
England ist das Mutterland des einstigen Arbeitersports, aber der entscheidende Grund für die Spannung ist wenig romantisch: Money. In der Deloitte Money Football League, die den Umsatz von Fußballvereinen misst, stammt die Hälfte der Vereine der Top 30 aus England, darunter von Deutschland aus gesehen lediglich mittelgroße Klubs wie der AFC Bournemouth und Brentford FC. Das zeigt: Es ist nicht nur mehr Kapital im Spiel, es wird auch gerechter verteilt.
Wie üblich im Kapitalismus unterliegen die Preise einer eigenen Dynamik. So wie der Cappuccino in der Hauptstadt das Doppelte kostet wie in der Provinz, zahlen englische Klubs höhere Gehälter und Ablösesummen als die internationale Konkurrenz. Jeder weiß, es ist Geld genug vorhanden. Für Florian Wirtz zahlte Liverpool vor der Saison umgerechnet etwa 135 Millionen Euro, für Alexander Isak noch mal zehn Prozent mehr.
Nick Woltemade war Newcastle United vor knapp einem Jahr 75 Millionen Euro wert. Der Stürmer ohne internationale Erfahrung war so überteuert wie eine Coffee to go am Flughafen in Zürich. Die saudischen Besitzer haben sich das anders vorgestellt: Kürzlich verlor der neureiche Klub 2:7 in Barcelona, in der Premier League liegt er auf Rang 14. Woltemade sitzt oft auf der Bank. »Ich stelle nicht nach Ablösesummen auf«, sagte sein Trainer Eddie Howe. Woltemade schießt schon lange keine Tore mehr, Öl eben auch nicht.
Wer in England Erfolg haben will, muss mitmachen beim Kick-Monopoly. Es gehört zur Kernkompetenz eines Trainers in England, um die Schlossallee mitzubieten. Entgegen dem Klischee ist Pep Guardiola erst in England zum Käufer geworden. In Barcelona und München arbeitete er fast ausschließlich mit den Spielern, die schon vor ihm da gewesen waren. In England sieht sein Taktikboard inzwischen aus wie ein Amazon-Wunschzettel kurz vor Black Friday. Jürgen Klopp wiederum hat in Liverpool so viel investiert, dass die Stadtverwaltung kurz davorstand, das Beatles-Museum als Pfand zu hinterlegen.
Weil sich die Klubs zudem die besten Trainer der Welt leisten können, resultiert daraus eine gewaltige Konkurrenz. Die Frage, ob du es auch an einem kalten, verregneten Abend in Stoke kannst, ist sprichwörtlich geworden. Dem FC Bayern werden in der Bundesliga von vielen Gegnern alle Türen geöffnet. Wolfsburg verlor 1:8, der selbsterklärte Titelanwärter Leipzig kassierte diese Saison in zwei Spielen elf Tore gegen sie.
In England ist ein 5:0 (Spitzenreiter Arsenal gegen Leeds) die absolute Ausnahme. Die Anwärter auf die besten Tabellenplätze müssen oft alles geben, um gegen Wolverhampton oder Fulham in der Nachspielzeit den Siegtreffer zu erzielen. Einen Durchschnaufer können sie sich nicht erlauben.
Die größten Vereine müssen das erleben. Manchester United, eine der wertvollsten Fußballmarken der Welt, und Chelsea, aktueller Klubweltmeister, verpassten zuletzt öfter die Champions League, als dass sie sich dafür qualifizierten. Der FC Liverpool scheiterte an dieser Hürde sogar mal in Klopps Hochphase.
Die Premier League verzeiht nichts. Wie aus dem Nichts stürzte Man City im Herbst 2024 in eine monatelange Misserfolgsserie. Sollte der FC Arsenal dieses Jahr wieder »nur« Zweiter werden, wäre Mikel Arteta, der den Verein über Jahre mit starker Trainerarbeit wieder nach oben geführt hat, der Verlierer. Der Champions-League-Titel würde das nur bedingt übertünchen, in England zählt in erster Linie der nationale Markt. Da wird mehr Geld verdient.
In der Champions League muss man an den Engländern vorbei. Aus Spanien, Frankreich und Deutschland hat je ein Vertreter im zurückliegenden Jahrzehnt auf dem europäischen Thron Platz genommen, Real, PSG und Bayern. Aus England waren es gleich drei, Liverpool (2019), Chelsea (2021) und City (2023). Bald könnte Arsenal hinzukommen. In Europa geht den Engländern, zusätzlich von gleich zwei Pokalwettbewerben geschlaucht, allerdings manchmal die Puste aus. Im diesjährigen Achtelfinale flogen gleich vier von sechs raus. Darunter die Tottenham Hotspurs.
Der Verein aus dem Norden Londons ist ein besonders krasser Fall. Er liegt auf Rang 9 der Deloitte Money Football League, besitzt ein Stadion mit eigenem Hundepark und Gourmet-Tempeln, ist aktueller Europa-League-Sieger, stand 2019 im Endspiel der Champions League, hat in dieser Saison locker Dortmund und Frankfurt abgefertigt – und könnte in die Championship absteigen. Die Spurs haben seit vierzehn Spielen nicht mehr gewonnen. Ihr Konkurrent ist nicht irgendwer, sondern der Stadtrivale West Ham United, vor drei Jahren Europapokalsieger in der Conference League.
Die Premier League produziert dauerhaft neue Verlierer – natürlich auch Gewinner. Die größten sind die Fußballfans aus aller Welt.
