
Trifft die Polizei auf psychisch Kranke, kommt es nicht selten zur Eskalation. Am 8. August 2022 sitzt der 16 Jahre alte Mouhamed Dramé im Innenhof einer Dortmunder Jugendhilfeeinrichtung. Er hält sich ein Küchenmesser an den Bauch, wohl in der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Nachdem er auf die Ansprache von zivilen Beamten nicht reagiert, wird Pfefferspray eingesetzt, Dramé nähert sich mit dem Messer in der Hand. Zweimal wird ein Taser auf ihn gerichtet, worauf er nicht reagiert, dann schießt ein Beamter auf ihn. Später stirbt der Jugendliche, der als Flüchtling aus Senegal gekommen war, im Krankenhaus.
Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen fünf Beamte und zeigt im späteren Verfahren Fehler in ihrem Vorgehen auf: In einer eigentlich statischen Situation trug der Einsatz von Pfefferspray laut der Anklage erst zur Eskalation bei, setzte den psychisch kranken Jugendlichen in einer Krisensituation zusätzlich unter Druck. Wenn sich wiederum eine Person mit dem Messer nähert, befinden sich die Beamten selbst in einer Notwehrlage und sind angehalten zu schießen. Das Gericht stellte fest, dass die Beamten zwar Fehler machten und unter falschen Annahmen agierten, deshalb aber nicht schuldhaft handelten. Sie wurden freigesprochen.
Wieso ist die Polizei nicht besser auf psychisch Kranke vorbereitet?
Polizisten setzen ihre Waffe in Deutschland nur selten ein. Wenn sie es doch tun und eine Person zu Tode kommt, handelt es sich überdurchschnittlich häufig um psychisch Kranke. Sie sind einer besonders großen Gefahr ausgesetzt. Viele Polizisten fühlen sich nicht ausreichend geschult für solche Situationen. Das ergab eine Befragung von Beamten in Baden-Württemberg, jeder zweite wünschte sich mehr Fortbildungen zum Thema. Laut der Studie erfolgt jeder fünfte Kontakt im Streifendienst mit psychisch auffälligen Personen; andere Schätzungen, die auch Suchterkrankungen miteinrechnen, gehen sogar von jedem vierten oder dritten Kontakt aus. Die Polizei hat also ständig mit psychisch Kranken zu tun – warum ist sie nicht besser auf sie eingestellt?
Oliver Puffs Aufgabe ist es, junge Polizisten auf den Streifendienst vorzubereiten. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für Einsatztechnik bei der hessischen Polizei. „Wir packen jedem jungen Beamten einen Rucksack“, sagt Puff. Jeder Beamte lerne Schießen, Fesseln, Zwangsanwendung, Kontrolle, Durchsuchung, das Betreten von Räumlichkeiten und vieles mehr, sagt Puff in einem Gespräch, das an der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) in Wiesbaden stattfindet. Puffs Ziel ist es, dass die Polizeidienstanwärter unter Stress das richtige Werkzeug aus dem Rucksack holen – und dabei den richtigen Ton treffen.
„Wir trainieren das Unvorhersehbare“
Die Einsatztrainer machten die Erfahrung, dass die Studenten gute Ergebnisse erzielten, wenn sie vor einer Unterrichtseinheit wussten, was auf sie zukommt. Stand Zwangsanwendung auf dem Stundenplan, gingen sie richtig vor. Wurden die jungen Polizisten überrascht, strauchelten sie häufiger. Deshalb setzt man inzwischen auf offene Szenarien, in die die Studenten unvorbereitet gehen und damit lernen, bekannte Inhalte anzuwenden. „Wir trainieren das Unvorhersehbare“, sagt Puff. Gerade im Umgang mit psychischen Krankheiten ist das besonders wichtig.
Puff gibt ein Beispiel: Eine auffällige Person quatscht in der Fußgängerzone Leute an, was der Polizei gemeldet wird. Mehr Informationen gibt es nicht. Da werde einer angetroffen, sagt Puff, der bei schlechtem Wetter barfuß laufe, einen Bademantel trage und einen Alu-Helm aufhabe. „Tritt der aggressiv auf? Nein. Dann müssen wir erst mal mit einer größtmöglichen Offenheit reagieren“, sagt Puff. „Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß.“ Wenn eine Person mit Messer versuche, auf Beamte einzustechen, sei das so ein eindeutiger Fall, das sei aber selten. „Die meisten Einsatzszenarien sind grau“, sagt Puff. Das versuchten er und seine Kollegen zu vermitteln.
Eine Personenkontrolle kann sich in unterschiedlichste Richtungen entwickeln. In einem Fall zeigt einer einfach seinen Ausweis, in einem anderen gibt es eventuell einen offenen Haftbefehl, und die Person rastet aus. „Wichtig ist, dass wir immer die Hände sehen, eine gewisse Distanz und eine gute Kommunikation mit der zu kontrollierenden Person aufbauen“, sagt Puff.
Der erfahrene Beamte, Mitte 40, erinnert sich an seine eigene Ausbildung. Da habe er noch gelernt, dass bei einer Person, die ihre Hände nicht aus den Taschen holt, Zwang angewendet wird. „Das führt aber automatisch zu einer Eskalation. Manchmal muss das auch heute sein, aber wir versuchen, auch andere kommunikative Lösungswege aufzuzeigen“, sagt Puff. Er selbst spielt am Konferenztisch die Rolle des Beamten im Einsatz und fragt, wieso sein Gegenüber die Hände nicht zeigen wolle. „Sagt die Person, dass es kalt ist, wäre eine mögliche nächste Frage: Zeigen Sie mir doch bitte mal Ihren Ausweis.“ Tut sie das, sind automatisch auch die Hände zu sehen – Ziel erreicht.
Wie Beamte Widerstandshandlungen reduzieren
2022 wurde in der hessischen Polizei ein Programm entwickelt, das die Kommunikation im Einsatz (kurz KiE) verbessern soll. „Kommunikation ist das Haupteinsatzmittel jedes Beamten“, lautet der Kernsatz, den der Psychologe Carsten Schenk zitiert. Schenk ist stellvertretender Leiter des Zentrums für psychologische Dienste und Services bei der hessischen Polizei. Die Anlässe von Gewaltanwendung und die Fälle von unmittelbarem Zwang sollen verringert werden. Nach einer Pilotphase in den Polizeipräsidien ist das Programm seit 2023 Teil des Studiums und inzwischen Gegenstand der Weiterbildung von Beamten in der Fläche. Polizisten, die das Programm durchlaufen haben, sind signifikant weniger mit Widerstandshandlungen konfrontiert und wenden daher deutlich seltener gewaltsame Mittel an, wie eine begleitende Studie zeigt.
KiE ist ein Teil der Antwort, wie die Polizei in Hessen mit psychisch Kranken umgeht. „Es ist nicht die Aufgabe eines Polizisten, im Einsatz eine Diagnose zu stellen“, sagt Schenk. In der Ausbildung lernen die Studenten gewisse Krankheitsbilder kennen, um eine Orientierung zu haben. In der Praxis sind sie dazu angehalten, möglichst empathische Rückschlüsse zu ziehen, wie Konfliktsituationen entstehen und sie zu vermeiden.
Schenk legt Wert darauf, dass von den meisten Menschen mit psychischen Auffälligkeiten keine Gefahr ausgeht. „Gefahr geht in den meisten Fällen von Menschen aus, die keine psychischen Auffälligkeiten haben“, sagt Schenk. Bestimmte Erkrankungen wie eine Essstörung sind für die Polizei unerheblich, Schizophrenie oder eine bipolare Störung können für sie hingegen von Bedeutung sein. „Zeigt sich im Laufe eines Gesprächs, dass eine Person eine Wahnvorstellung hat, argumentiert ein Beamter nicht hart dagegen, weil es die Konfliktsituation verschärfen würde. Die Person wird aber in ihrem möglichen Wahn auch nicht bestärkt“, sagt Schenk. Diese Ansätze müssten immer wieder in Einsatztrainings wiederholt werden, damit sie auch im Alltag ankommen.
Unkenntnis und Angst, wenn es um psychische Krankheiten geht
Schenk nennt das Beispiel eines verwirrten Mannes mit Messer, der 2013 nackt im Neptunbrunnen am Berliner Alexanderplatz stand. Ein Beamter habe sich dem Mann genähert, dadurch sei Handlungsdruck entstanden, so Schenk. Es gibt Parallelen zum eingangs beschriebenen Dortmunder Fall: Der Verwirrte bedrohte den Beamten und wurde erschossen. „Unser Ansatz wäre immer: Kommunikation herstellen, aber sehr stark auf Distanz gehen, wenn zugleich eine Gefährdung Dritter ausgeschlossen ist“, sagt Schenk. Natürlich müsse man einen akuten Messerangriff abwehren, ansonsten versuche man aber, Situationen einzufrieren, um Fachleute wie den Sozialpsychiatrischen Dienst hinzuzuziehen. Verhandlungsgruppen gibt es in allen Polizeipräsidien des Landes.
Der Kriminologe Martin Thüne kennt den Fall im Berliner Neptunbrunnen. Er sorgte damals für scharfe Kritik am Vorgehen der Polizei. Ein Grund dafür war, dass es Videoaufnahmen des Einsatzes gab. „Mit der Verfügbarkeit von Handykameras hat sich auch die Wahrnehmung von Polizeiarbeit verändert“, sagt Thüne. Einerseits dienen die Videos als Indizien für mögliche Ermittlungsverfahren gegen Beamte, andererseits entstehe öffentlicher Druck auf die Polizei, die eigenen Strategien zu ändern sowie die Aus- und Fortbildung zu stärken.
Als Thüne sich 2013 erstmals nach dem Umgang mit psychisch Kranken in den Behörden erkundigte, wurde er meist abgeblockt. Das habe sich verändert, sagt Thüne, einst selbst Polizeibeamter, heute Professor für Kriminologie an der Universität Bochum. Er erkennt ein Umdenken im Umgang mit psychisch Kranken, vermisst allerdings transparente Informationen über die Strategien zur Aus- und Fortbildung in den Ländern.
Seit zehn Jahren gibt Thüne Polizisten Kurse über psychische Krankheiten, unter anderem an der Polizeihochschule in Schleswig-Holstein und in einem Studiengang an der Universität Bochum. „Es gibt viel Unkenntnis und teils auch Angst, wenn es um Krankheitsbilder wie Schizophrenie geht“, sagt Thüne. Oft heißt es von Außenstehenden, Beamte überfordere die Auseinandersetzung, aber Thüne nimmt großes Interesse und Offenheit wahr.
Fortbildungen binden Arbeitszeit der Polizisten und sind deshalb teuer
Im August vergangenen Jahres wurde ein Polizist im saarländischen Völklingen auf brutale Weise erschossen. Der 18 Jahre alte Ahmet G. hatte eine Tankstelle mit einem Buttermesser überfallen und wurde auf der Flucht von zwei Beamten gestellt. Es gelang ihm dabei, einem der beiden Polizisten die Dienstwaffe abzunehmen und auf sie zu schießen. Der 34 Jahre alte Polizist Simon Bohr war bereits zu Boden gegangen, als er ihm auch in den Kopf schoss. Ein Gutachter stellte im späteren Gerichtsverfahren fest, dass G. im psychotischen Wahn handelte und sein eigenes Leben bedroht sah. Er wurde für schuldunfähig erklärt, freigesprochen und kam in eine Psychiatrie.
Polizeigewerkschaften kritisierten die Entscheidung scharf. Vorhandene Sorgen, die Beamte im Umgang mit psychisch Kranken haben, dürfte der Fall eher befördern. Innerhalb der saarländischen Polizei kam es infolge des Falls Simon Bohr zu einer Anpassung des Einsatz- und Schießtrainings. Schließlich ging es auch um die Frage, wie es dem Tankstellenräuber gelingen konnte, eine Dienstwaffe an sich zu bringen. Das Gericht stellte im Strafprozess fest, dass das Waffenholster eines Beamten wohl nicht geschlossen war. In der Grundausbildung der Saar-Polizei sind psychische Krankheiten ein „Querschnittsthema“. Es gibt zwar Seminarangebote für Bestandsbeamte, aber die Weiterbildung ist nicht verpflichtend. In der Vergangenheit kritisierten Polizeigewerkschaften die fehlenden Fortbildungen in anderen Ländern. Das Hauptproblem ist, dass die Polizisten in dieser Zeit nicht im Dienst sind, es also mehr Beamte braucht, was Geld kostet.
Die Psychologin Katharina Lorey schildert, dass angehende Polizisten oft schon vom ersten Tag an in ihren Praktika mit Menschen zu tun haben, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. „Die Kontakte erfolgen oft in der akuten Krise“, sagt Lorey, sie ist Professorin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen. „Starke Emotionen, die oft Kennzeichen einer akuten Krise sind, können bei den eingesetzten Beamtinnen und Beamten wiederum Assoziationen mit Gefahr oder Eskalationen erzeugen.“ Dass die Krise nach einer gewissen Zeit vorbeigehe, dass Betroffenen geholfen werde, ein normales Leben zu führen, das geschehe oft erst in der Zeit nach dem Einsatz.
Oft würden in der Polizeiausbildung jene Fälle in den Blick genommen, die dramatisch schiefgelaufen sind. Das führe aber zu einer Verzerrung des Bildes und rücke die Gefahr in den Mittelpunkt. Täglich gebe es viele Beispiele für gelingende Begegnungen zwischen der Polizei und psychisch Kranken.
