In diesem Jahr feiern die USA den 250. Jahrestag ihrer Gründung. Ein solches Datum wäre für jede Regierung ein Grund, ihr Land und sich in höchsten Tönen zu loben. Im Amerika von Präsident Donald Trump darf man annehmen, dass sich die Reihenfolge beim Loben zugunsten der Regierung verschiebt. Das ändert freilich nichts daran, dass der 4. Juli 1776 ein welthistorisch bedeutsames Datum war. Ein solches lässt sich der Buchmarkt selbstverständlich nicht entgehen. Und so sehr manche Historiker an „Jahrestagsbüchern“ herummäkeln mögen: Gerade in Zeiten, wo viele Regierungen mit historischen Fakten sehr „liberal“ umgehen, sind Bücher, die die Dinge sachlich einordnen, wichtiger denn je.
Von den hier anzuzeigenden Werken erfüllt besonders das von Volker Depkat, Professor für Amerikanistik in Regensburg, den Anspruch vorbildlicher historischer Bildung. Es ist eine sehr beachtliche Leistung, auf nur gut 120 Seiten den Bogen vom Ende des Siebenjährigen Krieges (1763) bis zu Donald Trump zu schlagen, sich dabei nicht auf billige Polemiken einzulassen, vor allem aber, in verständlicher Sprache ein historisches Gesamtbild zu vermitteln.
Eingefleischte Anhänger der Unabhängigkeit waren in der Minderheit

Wer sich detailliert über den Beginn der Krise zwischen britischem „Mutterland“ und amerikanischen Kolonien informieren will, kann zum Buch von Joseph Ellis greifen und wird nicht enttäuscht werden.
Wie fast immer in der Geschichte stellt sich vieles, was geschehen ist, im Rückblick als völlig logisch, vielleicht sogar zwangsläufig dar. Wenn aber Ellis schon für den Spätsommer 1776 zu erkennen glaubt, dass der erste Teil des Feldzugs gegen die rebellierenden Amerikaner ganz sicher den Anfang vom Ende der britischen Herrschaft markierte, geht das zu weit. Allenfalls könnte man konstatieren – in Anlehnung an das, was Winston Churchill 1943 nach Ende des Feldzugs in Nordafrika sagte –, es sei nicht das Ende, nicht einmal der Anfang vom Ende, aber vielleicht das Ende des Anfangs gewesen.
Unstrittig ist, dass in Nordamerika in den 1770er-Jahren zwei nicht miteinander vereinbare Auffassungen aufeinandertrafen. Da war zum einen die Weltmacht Großbritannien, die wenige Jahre zuvor den ersten globalen Krieg der Geschichte, den Siebenjährigen Krieg, als großer Gewinner beendet hatte. Für die Herrschenden in London war völlig selbstverständlich, dass alle Entscheidungen in London von König und Parlament gefällt würden. Als ebenso selbstverständlich galt, dass diese Entscheidungen für das gesamte Kolonialreich zu gelten hätten. Für die Menschen in Nordamerika, zumindest für die weißen, die sich – wie beide Autoren übereinstimmend feststellen – zunächst noch als „Engländer in Amerika“ fühlten, war ebenso selbstverständlich, dass sie Entscheidungen von Gremien, in denen sie nicht vertreten waren, nicht (mehr) akzeptieren wollten.
Schon früh hatte sich in Nordamerika ein Sendungsbewusstsein herausgebildet. Viele waren zum Beispiel der Auffassung, es könne nicht angehen, dass eine vergleichsweise kleine Insel einen Kontinent regiere. Der Begriff Kontinent war zu diesem Zeitpunkt zwar noch eine ziemliche Anmaßung, aber der Anspruch auf alles Land zwischen Atlantik und Pazifik war theoretisch schon da.
Trotzdem waren sich die Amerikaner bis weit in den Unabhängigkeitskrieg untereinander nicht so einig, wie es im Rückblick erscheint. Die eingefleischten Anhänger einer Unabhängigkeit von Großbritannien waren eigentlich in der Minderheit. Jedoch sorgte die Londoner Regierung durch diverse Entscheidungen dafür, dass sich immer mehr Untertanen von der britischen Herrschaft distanzierten.
13 ganz und gar nicht einige Einzelstaaten
Auch in London waren durchaus nicht alle dafür, die Amerikaner mit militärischen Mitteln zur Unterwerfung zu zwingen. Aber nachdem König Georg III. 1775 in einer Rede die Amerikaner zu Rebellen erklärt hatte, nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Befehlshaber der nach allgemeiner Auffassung besten Armee der damaligen Welt waren allenfalls geneigt, nach der Landung ihrer Truppen in der Nähe von New York die Unterwerfung „irregeleiteter“ Amerikaner entgegenzunehmen. Die Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, die bis heute als „Gründerväter“ der Vereinigten Staaten verehrt werden, hätte diese „Gnade“ freilich nicht vor dem Galgen gerettet.

Die Siegesgewissheit der Briten mag daher rühren, dass die „Vereinigten Staaten“, die sich am 4. Juli 1776 für unabhängig erklärt hatten, alles andere als einig waren. Es handelte sich um 13 Einzelstaaten, von denen jeder eine ganz eigene Geschichte und Identität hatte. Uneinig waren sich die Amerikaner zum Beispiel über die Sklaverei, Grundlage der Wirtschaft in vielen Südstaaten. Streit gab es ferner darüber, wie stark die einzelnen Staaten in Gremien des Bundes vertreten sein sollten. Auch hier spielte der Faktor Sklaverei eine Rolle. Hätte man nur Weiße gezählt, wären die Südstaaten im Vergleich zu kleineren im Norden nur schwach repräsentiert gewesen. Die Sklavereibefürworter konnten sich aber nicht dazu durchringen, Schwarze als vollwertige Menschen anzusehen. Deshalb nahm man zu der Formel Zuflucht, drei Schwarze sollten so viel zählen wie ein Weißer.
Der dritte Streitfaktor innerhalb der jungen USA betraf schließlich einen Aspekt, der noch heute für manchen politischen und juristischen Disput sorgt. Es ging darum, wie stark die Zentralregierung sein sollte, welche Rechte den Einzelstaaten vorbehalten bleiben sollten. Ellis fasst dies prägnant so zusammen: „Sie wussten, wogegen sie waren, aber nicht wofür.“
Auch die frühen USA unterschieden sich noch nicht fundamental vom kolonialen Amerika. Aber die im Unabhängigkeitskampf entwickelten politischen Ideen sorgten später für fundamentale Umwälzungen. Wie viel davon die Gründerväter beabsichtigt hatten, ist eine jener Fragen, die Historiker besser nicht stellen. Insgesamt, so Depkat, war das, was sich in Amerika abspielte, eine „zutiefst konservative Revolution“. Die revolutionärste Tat spielte sich nicht nur auf Bundesebene ab, sondern auch in den Einzelstaaten. Die Amerikaner gaben sich geschriebene Verfassungen. Das war für das 18. Jahrhundert etwas, das es noch nicht gegeben hatte. Großbritannien glaubt zum Beispiel bis heute, ohne eine geschriebene Verfassung gut auskommen zu können. Dass andererseits auch eine Verfassung, in der viele Dinge schriftlich niedergelegt sind, großen Interpretationsspielraum lässt, sieht man in den Vereinigten Staaten von heute.
Die Gründerväter hatten sich die Aufgabe gestellt, einerseits ein neues Staatswesen zu gründen. Andererseits sollten aber die Rechte der Einzelnen – gemeint sind in dieser Zeit damit immer nur die Weißen – gewahrt bleiben. Herausgekommen ist ein überaus kompliziertes Geflecht aus Bestimmungen, die nicht immer miteinander in Einklang stehen. Für einen Europäer ist zum Beispiel das Wahlsystem in den USA sehr gewöhnungsbedürftig. Da es aber „schon immer so“ war, ist wenig wahrscheinlich, dass sich daran in nächster Zeit Fundamentales ändert. Wie weit, wie lange die zahlreichen „checks and balances“ halten, die die jeweilige Regierung im Zaum halten sollten, steht erst in jüngster Zeit deutlich infrage.
Womöglich wird gerade das, was sich aus europäischem Blickwinkel als unnötig kompliziert liest, dazu beitragen, dass auch in weiteren 100 Jahren die Vereinigten Staaten eine stabile Demokratie sind. Über die ersten 250 Jahre jedenfalls kann man sich solide informieren.
