Als das Smartphone-Spiel Pokémon Go vor zehn Jahren erschien, brach es schon im ersten Monat Download-Rekorde. Auf der ganzen Welt erkundeten Spieler ihre Stadt ganz neu und sammelten die virtuellen Kreaturen. Mit gesenktem Kopf und Blick auf das Smartphone zogen sie durch die Straßen, häufig von ihren Eltern begleitet. Auch die fragten sich, was das für ein Spiel sei, das Millionen Menschen plötzlich vom heimischen Sofa ins Grüne trieb.
Inzwischen hat sich eine feste Gemeinschaft um das Spiel gebildet. Den zehnten Geburtstag feiern die Entwickler groß in Kopenhagen und veranstalten dort ein Pokémon-Go-Fest. Diese finden zwar immer wieder statt, aber so groß wie am vergangenen Wochenende sind sie selten: 60.000 Spieler haben sich ein Ticket gekauft und sind in die dänische Hauptstadt gekommen.
Auf der großen Wiese Fælledparken hinter dem Stadion des FC Kopenhagen sind zahlreiche Bühnen und andere Aktionsflächen aufgebaut. Dort treffen Spieler auf Content Creator; Paare verloben sich, und auf ihren Smartphones jagen sie virtuelle Pokémon in glitzernder Kopenhagen-Edition, die es nur auf dem Go-Fest gibt. Manche Spieler sammeln und trainieren ihre Pokémon seit zehn Jahren in der App, andere Spieler waren 2016 nicht einmal geboren. Mehrmals am Tag erfüllen sie gemeinsam eine Aufgabe: Dazu halten mehrere Hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre Smartphones gleichzeitig in die Höhe, kurz darauf jubeln sie. Gemeinsam haben sie einen seltenen Pokémon-Boss besiegt.
Niantic ging für 3,5 Milliarden Dollar an den saudischen Staatsfonds
Zusammen zeigen sie eindrücklich, dass der Hype keineswegs verflogen ist. In den zehn Jahren sind nicht nur immer mehr Pokémon ins Spiel implementiert worden, auch das Unternehmen hinter der App hat eine Metamorphose durchlebt, die bis zum Staatsfonds Saudi-Arabiens reicht. Wie also blicken Spieler, Content Creator und das Schöpfer-Unternehmen Niantic heute auf eines der erfolgreichsten Smartphone-Spiele?
Die Geschichte des Spiels ist eng verbunden mit einem Mann: Ed Wu. Er leitete von Anfang an das Pokémon-Go-Team bei Niantic, in einer Testversion war seine Tochter die erste junge Spielerin, die je einen Pokéball im Spiel warf. Er bezeichnet Pokémon Go als sein Lebenswerk. Inzwischen ist er Präsident der Games-Sparte von Scopely, jenem Konzern, der Niantic vor einem Jahr für 3,5 Milliarden Dollar schluckte. Scopely wiederum ist eine Tochtergesellschaft von Savvy Games, einem Vehikel des saudischen Staatsfonds für Investitionen im Videospielmarkt.
Von Pikachu zum Pizza-Lieferdienst
Wu, der Hauptverantwortliche für Pokémon Go, sagte seinen Besuch in Kopenhagen kurzfristig ab. Stattdessen kommt Jack Wilcock, er leitet seit gut einem Jahr die Marketing-Abteilung Europas, des Nahen Ostens und Afrikas von Pokémon Go bei Niantic. Den Wechsel zu Scopely müsse Ed Wu erklären, sagt er. Auf Rückfrage ist Wu jedoch nicht zu sprechen. Eigentlich scheut sich Wu nicht vor öffentlichen Auftritten. Doch nun hält der Schöpfer sich zurück, verpasst sogar die Geburtstagsfeier seiner App. Ihn zum saudischen Staatsfonds zu befragen, sei kaum möglich, heißt es auf dem Fest. Bisher bezog er stets positiv Stellung zu Scopely. Er habe vor dem Verkauf gute Gespräche mit den Verantwortlichen geführt, hieß es damals in einem an die Spieler gerichteten Blog-Eintrag.
Niantic, die Firma hinter der App, stellt sich derzeit neu auf: Das Spielegeschäft wurde verkauft, der US-Konzern konzentriert sich auf seine Software- und Geodatenplattform Niantic Spatial. In Spatial flossen zuvor jedoch Daten, die Spieler in Pokémon Go erzeugt hatten. Die Pokémon sammeln sie, indem sie mit dem Smartphone durch die reale Welt laufen. Praktisch an jedem Ort lassen sich Pokémon fangen. Wenn Spieler, wie auf dem Event in Kopenhagen, gemeinsam einen Poké-Boss besiegen oder mit der App entlegene Orte ihrer Stadt erkunden, dann werden sie in der App animiert, die Kamera zu aktivieren. 30 Milliarden Aufnahmen kamen in zehn Jahren zusammen, die Spatial nutzt, um ein KI-Modell zu trainieren.
Niantic Spatial hat sich jüngst mit dem Start-up Coco Robotics zusammengeschlossen, das Lieferroboter für die letzte Meile herstellt. Um die Roboter sicher durch Straßen zu leiten, nutzt es nicht nur GPS, sondern auch die mehr als 30 Milliarden Bilder der Go-Spieler. Wo einst Jugendliche ein Pikachu suchten, liefert nun in Finnland oder den USA der Coco-Roboter Pizza aus. Coco hat nach eigenen Angaben eine halbe Million Lieferungen absolviert und 1000 Roboter gebaut.
Auf dem Pokémon-Go-Fest in Dänemark ist Saudi-Arabien kein Thema
Mit der Ankündigung der Übernahme durch ein Unternehmen mit Verbindungen zu dem saudischen Public Investment Fonds (PIF) wurden Bedenken von Spielerseite laut: Ob das Spiel nunmehr monetarisiert würde oder der autoritäre Staat Zugang zu den Nutzerdaten erlange. Scopely betont, die saudische Regierung sei nicht ins operative Geschäft eingebunden. Eine „Traumkonstellation“ nennt Wilcock den Deal mit Scopely wegen der Erfahrung mit Smartphone-Spielen. Das Unternehmen verfolge eine langfristige Ausrichtung, weshalb mehr Monetarisierung kurzfristig nicht zur Debatte stehe. Ob Daten an das autoritäre Saudi-Arabien fließen, kommentiert er nicht und verweist auf den allgemeinen Datenschutz in der App. Übernommen wurden neben Pokémon Go auch die Spiele Pikmin Bloom und Monster Hunter Now sowie rund 2300 Mitarbeiter, die von Niantic zu Scopely wechseln.
Auf dem Pokémon-Go-Fest in Dänemark scheint Saudi-Arabien sehr weit weg. Die angereisten Spieler haben sich Tickets gekauft, um die nur dort vorhandenen Pokémon in der App fangen zu können. Die Spieler nennen sich untereinander Trainer – schließlich trainieren sie die virtuellen Wesen. Manch einer hat sich mehrere Handys auf ein kleines Brettchen samt Powerbank geschnallt und wischt parallel auf den Monstern herum.

Hanni Mew ist einer dieser Trainer und zugleich einer der größten deutschsprachigen Pokémon-Gaming-Influencer. Er trifft auf dem Fest Freunde, Fans können ihn treffen, und natürlich sammelt er auch die Sondereditionen der virtuellen Kreaturen dort. Hanni sagt, er habe die mit der Übernahme verbundenen Befürchtungen mitbekommen. Nach nun einem Jahr habe sich „nicht viel geändert“.
Zehn Millionen Nutzer im Monat
Mit der Übernahme vor einem Jahr wurden erstmals Daten über Pokémon Go öffentlich: Laut Scopely habe es im Jahr 2024 mehr als 100 Millionen Spieler gegeben, 20 Millionen spielten jede Woche in der App. Zusammen hätten sie mehr als 30 Milliarden Meilen zurückgelegt – knapp 50 Milliarden Kilometer. Marketing-Manager Wilcock spricht inzwischen von nur noch zehn Millionen Nutzern im Monat.
Die App wurde rund 680 Millionen Mal heruntergeladen, Schätzungen zufolge hat Niantic durch Ausgaben der Spieler in der App mehr als sechs Milliarden Dollar umgesetzt. Dort kann man sich mit echtem Geld virtuelle Münzen kaufen, um Pokébälle und andere Hilfsmittel im Spiel zu kaufen, um Pokémon zu trainieren. Das Spiel ist kostenlos spielbar, aber wer schneller vorankommen oder seltene Pokémon leichter fangen möchte, wird zum Kauf verleitet.

Kopenhagen ist an dem Wochenende im Juni voll mit Fans. Auch in anderen Parks, vor dem Königspalast Schloss Amalienborg und praktisch jeder Straße suchen die Trainer neue Pokémon. Häufig tragen sie Merchandise von Pokémon, Pikachu-Hüte, an ihren Rucksäcken baumeln diverse Pokémon-Schlüsselanhänger, und manche stecken sich Pokémon-Wappen an ihre Jacken.
Ein Taschenmonster im Smartphone
Ebenso dienen Pokémon-Motive mit der Zahl 30 als Schmuckstück. Die von Nintendo erschaffene Saga wird in diesem Jahr 30. 1996 erschien das erste Videospiel der japanischen Firma Game Freak, heute verwaltet sie zusammen mit Nintendo das Joint Venture „The Pokémon Company“. Im Laufe der Jahre kamen eine Anime-Serie, Sammelkarten, Kinofilme und Merchandise hinzu. Pokémon wurde zum umsatzstärksten Medien-Franchise überhaupt. Der Name ist abgeleitet aus dem Englischen: Pocket Monster, also Taschenmonster.
Auch der Influencer Yaaya trägt eine Kette zum 30-jährigen Bestehen der Marke. Er produziert zusammen mit seiner Partnerin Ayzo Pokémon-Content auf Youtube, Instagram und Tiktok. „Couple of Gaming“ heißen sie dort. Die beiden Deutschen sind ebenfalls in die dänische Hauptstadt gereist. „Wir treffen hier Freunde aus der ganzen Welt, die wir über das Spiel kennengelernt haben“, sagen sie. Yaaya spielt seit 2016, hat inzwischen mehr als 11.200 Pokémon im Inventar der App. Auch er könne keine Veränderung feststellen, seit das Spiel zu Scopely gewandert ist. „Ich schätze, unser aller Daten sind durch irgendeine App irgendwo.“ Die Kamera habe er bloß wenige Male zum Start der App verwendet, bei seinen Freunden sei das genauso. Das betont auch Hanni Mew: Das Spiel lasse sich spielen, ohne die Umgebung zu filmen. I)n der Woche lege er durch das Spiel rund 100 Kilometer zurück. Auch Go-Schöpfer Wu wird nicht müde, zu erzählen, dass das Spiel Menschen gesundheitlich guttue.
Kein Pokémon Go 2
Häufig bringen Spieleentwickler Nachfolge-Versionen heraus. Ed Wu, der Games-Präsident von Scopely, hat einen Nachfolger jedoch vorerst ausgeschlossen. Er wolle, dass sich die Spieler begegnen und nicht manche in der ursprünglichen Version weiterspielen, während andere wechseln: „Eine Fortsetzung zu entwickeln, die die Community spaltet, ergibt weniger Sinn“, sagte Wu Ende Mai in einem Interview mit dem Branchenmagazin Gamesindustry.biz. Wu fügte hinzu: „Wenn wir jemals etwas Neues machen, dann muss es wirklich aus einem anderen Blickwinkel kommen.“ Marketing-Verantwortlicher Wilcock sagt auf dem Fest: „Derzeit liegt unser Fokus darin, das Spielerlebnis in der App weiter zu verbessern.“
Bis heute ist das Spiel für die Fans attraktiv, da ständig neue Pokémon hinzugefügt werden. Der Reiz, diese zu sammeln, lasse nicht nach. Sie spielen nicht nur selbst, sondern schauen sich auch Videos davon von anderen an – diese stellen Spielszenen ins Netz. Content Creator Hanni Mew erzählt, was das Spiel für ihn ausmacht: „Man kann in Arenen kämpfen oder gegen andere Spieler, auch Pokémon-Eier kann man ausbrüten – es ist so vielfältig.“ An manchen Tagen schaffe er es nicht, alle Funktionen durchzuspielen. Er befürwortet es, die Community nicht durch eine Nachfolge-Version spalten zu wollen.

Auf grünen Teppichen stehen sich Spieler in Kopenhagen gegenüber. Sie haben sich zu einem Kampf, einem sogenannten Raid, getroffen und lassen ihre Pokémon gegeneinander antreten. Seit der Corona-Pandemie muss man sich dafür nicht mehr persönlich treffen, sondern kann weltweit online gegeneinander kämpfen. Noch immer verabreden sich Spieler dazu in Online-Foren. Die Kämpfe dauern eine bis drei Stunden. Teilweise kämpfen nicht nur Spieler gegeneinander, sondern mehrere Spieler gegen virtuelle Charaktere. In Kopenhagen vereinen sich mehrere Hundert Spieler gemeinsam dazu, wie es einst im Trailer der App vor zehn Jahren zu sehen war. Damals auf dem New Yorker Times Square, nun im größten Park Kopenhagens.
Die Content Creator betonen die Wichtigkeit der Community für sie immer wieder in den Gesprächen mit der F.A.Z. Dass sie über das Spiel Freunde gefunden hätten. „Fast mein ganzer Freundeskreis besteht inzwischen aus Pokémon-Go-Spielern“, sagt Hanni Mew. Andere haben über die App gar einen Partner gefunden. So gehört es zum festen Bestandteil von Pokémon Go-Festen, dass Paare sich dort Heiratsanträge machen. Sie stellen sich an Aktionsflächen an, um ein Foto mit Pikachu, Glurak, Mewtu und Co. zu machen – Menschen stecken in den entsprechenden Plüschkostümen. Dann geht einer auf die Knie und zückt einen Ring. Fans, die dahinter für ein Foto anstehen, applaudieren anlässlich der Verlobung. In Kopenhagen haben sich fünf Paare das Jawort gegeben.
‚Gotta Catch ‘Em All‘
Auch in Berlin und Hamburg haben sie dazu bald die Möglichkeit, dort soll es im Juli und August kleinere Go Feste geben. Drei größere finden im Juli in Tokio, Chicago und New York statt – vielleicht feiert Ed Wu dort den Geburtstag seines Spiels. In Deutschland erschien die App im September 2016, in den USA und Australien bereits im Juli. Bevor sie zu ihrem Fan-Treffen gehen, bekräftigen auch Yaaya und Ayzo von Couple of Gaming, dass ihnen die Spielfreude durch die verschiedenen und immer neuen Funktionen erhalten bleibe. Yaaya sagt: „Der Slogan aus dem Trailer vor zehn Jahren gilt noch immer: Gotta Catch ‘Em All.“
