
Als das Kind Kind war, taugte noch alles zum Staunen. Die Natur bot einen schier unerschöpflichen Fundus dafür: ein Tropfen Tau, ein Blatt, das vom Baum fiel, auf wundersame Weise durch die Luft wirbelte und sich dann entschied, just vor den eigenen Füßen zu landen, ein Marienkäfer, der unversehens, wie aus dem Nichts, angeflogen kam, ein Spinnennetz, das zu vibrieren schien, wenn der Blick des Kindes es streifte, eine Wolke, die etwas abseits von den anderen ihre Bahnen zog und für einen Moment verblüffende Ähnlichkeit mit einem Gesicht oder einem Tier hatte, und manchmal brachte das Staunen neugierige Fragen hervor, erste Versuche, sich die Welt begreiflich zu machen, mitunter begleitet von einem Finger, der sich dem Tautropfen, dem Marienkäfer, dem Spinnennetz oder auch den Wolken entgegenstreckte.
Als das Kind aus dem Kind herausgewachsen war und man ihm erfolgreich abgewöhnt hatte, mit dem Finger auf etwas zu zeigen, als es Lesen und Schreiben gelernt und längst Angst vor Spinnen hatte, fand es das Staunen in der Kultur, in der Musik, den Büchern, an den Wänden der Museen, wo es minutenlang mit offenem Mund vor einem Gemälde von Robert Zünd stand, weil es glaubte, in den nur gemalten, aber sich dennoch scheinbar sanft hin und her bewegenden Baumkronen einen Vogel gesehen zu haben, der, aufgeschreckt durch den Blick des Betrachters, eilig von Ast zu Ast sprang, oder gar meinte, das noch ferne Donnern eines heranziehenden Gewitters gehört zu haben, obwohl sich der Himmel auf dem Gemälde makel- und wolkenlos zeigte.
Der Mensch und der auf Papier gespiegelte Blick
Staunend und Seite für Seite, Buch für Buch, ließen sich lesend ganze Welten erkunden: ferne, untergegangene, nur erfundene und alternative Welten, und im Zentrum dieser manchmal zögernd, manchmal ungestüm angetretenen Entdeckungsreisen standen immer der Mensch und der auf Papier gespiegelte Blick auf seine Wünsche, Sehnsüchte, Entscheidungen, die mal so, mal ganz anders oder aber gar nicht begründet wurden, aber auch auf seine Hybris; ein Blick, der lesend auch immer eine Expedition der eigenen Terra incognita war, die jeder mit sich herumträgt.
Staunend las, schaute und hörte sich das Kind, das schon lange kein Kind mehr war, durch die Welt, ließ sich überraschen, irritieren, überwältigen, erschüttern und lernte frei nach John Cage, für den das Nichts ein Vergnügen war, wenn man es zu genießen verstand – dass die Irritation, etwas nicht zu verstehen, etwas nicht greifen oder benennen zu können, schon immer dazu gehörte, genauso wie der Wunsch, die durch die Irritation in die Realität gerissene Lücke mit Denkbarem zu füllen, das mancher Sinn nennt.
Sich ausliefern und vom Staunen überwältigen lassen
Und heute? Heute schieben sich Massen durch die Museen, eilen gänzlich unaffiziert von einem großen Namen zum nächsten und können es kaum abwarten, den ausgestellten Werken beinahe schon demonstrativ den Rücken zuzukehren, um das unvermeidliche Selfie zu machen, das es anscheinend braucht, um sich selbst und allen anderen später beweisen zu können, dort gewesen zu sein, statt sich auch nur einen kleinen Moment zu nehmen, sich auszuliefern und vom Staunen überwältigen zu lassen. Playlisten werden anhand von Ähnlichkeiten durch KI-Tools kuratiert, um jede Zumutung des Neuen, das auch nur ein wenig vom bereits Bekannten und zuvor Gehörten abweicht, zu vermeiden. Es bleiben repetitive Schleifen, die außerhalb der Erfahrung bleiben, Musik als Phantom: ein Albtraum für das Staunen.
Und auch in der Literatur gibt es kaum mehr Anlass, noch zu staunen. Uneindeutiges, das Ratlosigkeit und eine zunächst vielleicht sogar unangenehme oder fordernde Irritation hervorruft, weil man gar nicht weiß, was man da gerade vor sich hat, findet zunehmend weniger Platz, es ist verpönt, eine Blöße, die sich niemand gern gibt, ist Ausdruck von Schwäche in einer durchrationalisierten Welt, die nur noch optimierte Nützlichkeiten zu schätzen weiß, in der sich alles zu „lohnen“ und es für jede aufgeworfene Frage stets eine passgenaue Antwort zu geben hat.
Die Offenheit des Zufalls, die Plötzlichkeit, der Mut oder auch nur die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes, auf Unschärfen, Widersprüche und Unerwartetes einzulassen, für das es noch keine Begriffe, Kategorien oder Schubladen gibt, in die man das soeben Erfahrene, Gesehene, Gehörte und Gelesene routiniert einsortieren kann, sind hingegen vom Verschwinden bedroht.
Wahre Literatur muss sich ins Offene wagen
Natürlich gibt es sie noch, die staunenswerten Bücher, die sich allen Begriffen entziehen und sich nicht einfach preisgeben, die abgerungen werden wollen, die im besten Sinne maßlos sind und zur verzweifelten Überforderung einladen, Bücher, aus denen man erschöpft heraustritt, den Kopf mit anhaltenden Eindrücken und rumorenden, noch lange umgehenden Fragen gefüllt, aber sie werden seltener. An ihre Stelle tritt zunehmend das Erwartbare, das sich ganz verzagt nichts mehr traut, nichts versucht, sondern sich vielmehr darin erschöpft, affirmativ zu sein und ja keine Grenze vorab definierter Erwartungen zu überschreiten; eingehegte und steril-vorkonfektionierte Literatur, die nur noch das Notwendige kennt, obschon doch für alle Künste und somit auch für die Literatur gilt oder doch wenigstens gelten sollte, dass sie erst dort beginnt, wo das Notwendige aufhört, wo man sich ins Offene, ins noch nicht kartierte Gebiet herauswagt, von dem man noch nicht weiß, was man dort – vielleicht – findet.
Zeitgenössische Literatur – in der übergroßen Mehrheit – überfordert nicht mehr, macht nicht mehr Staunen, sie ist zum Accessoire verkümmert, mit dem man sich distinguiert und kulturell beflissen geben kann, dabei sind die Titel jeder beliebigen Top-Ten-Liste meist nur noch literarischer Dosenfraß mit aufs Gramm genau abgewogenen und geschmacks- und zielgruppenoptimierten Zutaten, künstlichen Aromen sowie Farb- und Konservierungsstoffen; ein x-mal aufgekochter Dosenfraß, der, versehen mit einem schmucken Etikett, auf dem großsprecherische Blurbs im McKinsey-Duktus brave Mittelmäßigkeit zur Delikatesse, zum genialischen Meisterwerk zu verklären versuchen, den kleinen Hunger nach einem gut verdaulichen literarischen Snack nebenbei zuverlässig stillt.
Kontemplation wird als verschwendete Zeit geschmäht
Die Welt erscheint mit all ihren Krisen, Konflikten und Kriegen bedrohlich und unübersichtlich; so unübersichtlich, dass man nicht noch Uneindeutiges lesen will, das keine einfachen, wenn überhaupt, Antworten liefern kann, also greift man lieber zu Konserven mit überschaubaren Formen und Inhalten, die zumut- und gut konsumierbar sind, nicht das Mindeste einfordern und sich am Ende in bequemes Wohlgefallen auflösen, das flugs zum nächsten Buch greifen lässt, ohne dass die Lektüre des letzten Buches irgend offene Frage oder Irritation zurückgelassen hätte, mit der man sich noch lange nach Ende der Lektüre beschäftigen könnte. Auch weil Kontemplation als verschwendete Zeit diffamiert wird, die man doch besser darauf verwenden sollte, sich „nützlich“ zu machen.
Wenn es so ist, dass die Kunst der Wirklichkeit vorausgeht, in welche trostlose Sackgasse der Wirklichkeit gelangen wir dann, wenn sich die Kunst in vorauseilendem Gehorsam zu einem Simulacrum herabmindert? Fast will es erscheinen, als nähme dieser Trend zur stromlinienförmigen Vereinfachung, der die Literatur zum mutlosen Entertainment verzwergt, die sich ankündigende Herrschaft von KI-Systemen vorweg, die alles in Formeln und Funktionen auflösen und nur noch algorithmisch optimierte Gebrauchstexte hervorbringen werden, denen jede Neugier weckende, manchmal staunend machende enigmatische Irrationalität, maßlose Ambiguität und Passion fehlt, die dem Menschen eigen ist.
Normen Gangnus lebt als Schriftsteller in Leipzig. Zuletzt erschien sein Buch „‚. . . mit zerrissenem Schlaf im Gesicht‘. Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2: Die Jahre 1943–1945“ (Matthes & Seitz).
