Was aus diesem Heimspiel vor 45.000 Zuschauern hätte werden können, das zeigt noch ziemlich zu Beginn des Konzerts der Wechsel vom sechsten zum siebten Stück. „Müsli Män“, ein Dauerbrenner von jener Platte, die der Kölschrockgruppe BAP vor 45 Jahren den bundesweiten Durchbruch bescherte – „Für Usszeschnigge!“ hieß sie, und einmal sei hier ins Hochdeutsche übersetzt: zum Ausschneiden –, geht nach vier Minuten Reggae-Rhythmus abrupt zu einem abschließenden Punk-Riff über.
Und so klingt es dann auch an diesem Abend, aber was nun folgt, ist keine sekundenkurze Verstörung, sondern ein vollwertiges Lied: „Müngersdorfer Stadion“. Ein Rocksong, wie er prägnanter in der deutschen Musikgeschichte selten geschrieben wurde. Nicht nur seines Namens willen unbedingt stadiontauglich.
Nun stehen wir an diesem heißen Juliabend in ebenjenem Müngersdorfer Stadion, das seit seinem Neubau vor nunmehr auch schon wieder mehr als zwanzig Jahren auf den lukrativen Werbenamen Rheinenergiestadion hört, und schon deshalb ist die Intonation des Lieds durch Wolfgang Niedecken und seine Band BAP einerseits eine charmante Frechheit und andererseits eine schöne Überraschung.
32 Grad im Schatten, Zeltinger Band im Kopf
Denn noch auf der Hinfahrt – 32 Grad im Schatten auf der Aachener Straße und noch weitaus mehr in den vollgestopften Tramwagen der KVB (Kölner Verkehrsbetriebe), die wieder einmal unvorbereitet auf ein Massenereignis waren – wünschten wir uns rachedurstig (aber in Deutschlandticket-Zeiten sinnlos) für das Konzert just den Vortrag dieses Songs mit seiner zornentbrannten Zeile „Ich fahr schwarz mit der KVB“. Der Haken: Das Lied stammt überhaupt nicht von BAP, sondern von der etwa gleichzeitig groß, aber über Köln hinaus niemals ähnlich berühmt gewordenen Zeltinger Band.
Doch warum nicht dieses Colonicum im Programm? Ja, warum nicht noch viel mehr? Schließlich feiert der Abend fünfzig Jahre BAP-Bandgeschichte, und die ist so eng mit Köln verbunden, wie es nur geht. Sprachlich ohnehin, aber auch musiksoziologisch.
Diese Band kennt das große Glück der großen Zuschauerzahl
Jürgen Zeltinger etwa stand vor 34 Jahren mit auf der Bühne am Chlodwigplatz, als dort der von Wolfgang Niedecken getextete Protestsong „Arsch huh, Zäng ussenander“ (gut, doch noch einmal: Hintern hoch, Zähne auseinander) erstmals gesungen wurde: Das gleichnamige Solidaritätskonzert gegen Rassismus (aus damals wie heute gegebenem Anlass) zählte 100.000 Zuschauer. BAP kennt also das große Glück der großen Zuschauerzahl.

Die Band kennt auch das Müngersdorfer Stadion. 1982 traten sie hier zwei Mal als Vorgruppe für die Rolling Stones auf, damals ebenfalls vor jeweils ausverkauftem Haus. Heute haben sie selbst eine Vorgruppe: Stoppok, mit Musik, die nicht gerade ein Schlummerlied genannt werden kann. Tatsächlich ist sie lauter als später der Haupt-Act. Denn man kann nicht behaupten, dass BAP mit der Akustik des Stadionkastens zurechtkommt. Heimspiel klingt anders. Aber außer Niedecken ist ja von der derzeit neunköpfigen Bandbesetzung eh niemand mehr aus der Anfangszeit vorbei.
Reminiszenzen an Dylan, Springsteen und die Stones
Als BAP die Bühne betritt, läuft vom Band noch „Ruby Tuesday“ von den Rolling Stones. Und als dann „Hück ess sing Bänd in der Stadt“ folgt, sind in der Leinwandprojektion hinter der Bühne auffallend viele Reminiszenzen an die Stones zu sehen. Später huldigt Niedecken seinem Idol Bob Dylan („Jede BAP-Setlist muss mindestens einen Dylan-Song enthalten“) mit dem von ihm als „Leopardefellhoot“ eingekölschten „Leopard Skin Pillbox Hat“, und im Zugabenteil folgt „Hungry Heart“ von Bruce Springsteen („Heldenhaft, wie der dem korruptesten US-Präsidenten aller Zeiten die Stirn bietet“). Dazu wieder begleitend Videoeinspielungen: vom längst legendären Clubkonzert, das Springsteen mit BAP 1995 in Berlin gab. Bandgeschichte im musikalischen Zwiegespräch mit Giganten.
Es fehlen viele alte Bekannte an diesem Abend
Aber die sind nicht da an diesem Abend. Natürlich nicht. Auch Jürgen Zeltinger ist nicht da, obwohl er um die Ecke wohnt. Ebenfalls keiner von den alten BAP-Musikern, obwohl die sonst recht regelmäßig die traditionellen Tourneeabschlusskonzerte der Band in der KölnArena-Halle besuchen und dort von Niedecken auch gerne öffentlich begrüßt werden. An wechselseitiger Enttäuschung liegt die für ein Sonderkonzert zu fünfzig Jahren BAP auffällige Prominenzabsenz also nicht. Woran dann?
Wohl daran, dass hier jemand sein ganz eigenes Ding macht. Wolfgang Niedecken ist mittlerweile 75 Jahre alt, aber immer noch für solche dreistündigen Nonstop-Konzerte gut. Nie wurde in den vergangenen Jahrzehnten von Niedecken bei seinen Zwischenansagen so wenig über die aktuellen Bandmitglieder erzählt, und zur Vorvergangenheit gab es nur eine einzige Erwähnung, als die Entstehungsanekdote von „Müsli Män“ zur Sprache kam. Selbstverständlich existierte BAP ohne Niedecken gar nicht, aber dass zu diesem Anlass all jene, die ihn dabei begleitet haben, so stiefmütterlich behandelt werden, ist verstörend. Wie ihre Abwesenheit auf der Bühne.
Südkurvenstimmung ohne Südkurve
Geboten wird dort ein Hit-Potpourri aus 47 Jahren Aufnahmegeschichte, unchronologisch gereiht von der angeblich ersten Eigenkomposition „Helfe kann dir keiner“ (die es aber erst auf die zweite Platte schaffte) bis zum enttäuschenden Spätwerk „Et Levve ess en Autobahn“ (auch schon wieder neun Jahre alt). Am Ende der zwei Dutzend Titel des Hauptteils steht „Verdamp lang her“, das Chef-d’Œuvre der Band, und erst da, nach zwei Stunden Konzert, ist das Stadion ganz bei sich und der Musik, macht „Südkurvenstimmung“, wie Niedecken sie sich wünscht.
Nur dass unglücklicherweise die Bühne vor dieser sonst den Hardcore-Fans des hier spielenden 1. FC Köln vorbehaltenen Tribüne aufgebaut ist, weshalb sie bei BAP leer bleibt. Aber die Südkurve ist im neuen Stadion ja eh eine Gerade.

„Jraaduss“ (zum letzten Mal: geradeaus) beschließt denn auch als siebtes Stück der Zugabe das Konzert. Dazu kehrt Stefan Stoppok vom Vorprogramm sogar noch einmal ans Mikrofon zurück, obwohl Niedecken gar keine Gesangsverstärkung gebraucht hätte, denn die erledigt schon der 45.000 Kehlen starke Stadionchor, der sich kurz zuvor mit „Wellenreiter“ ganz alleine eingesungen hatte. Schweigen wir über den Banalgröler, den Niedecken als vorletztes zwischen diese beiden Stücke einschob; es war dem Genius Loci verpflichtet, doch wie sollte „FC jeff Jas!“ (nein, nicht noch einmal) „Müngersdorfer Stadion“ vom Anfang übertreffen?
Das tat dann aber jenes Lied einer anderen Kölner Band, das als Rausschmeißer (vorgeschriebene Stadionruhezeit: 22.30 Uhr) vom Band kam: „En unserem Veedel“ von den Bläck Fööss. Auch die waren 1992 auf dem Chlodwigplatz dabei gewesen, im Viertel von BAP. Im Rheinenergiestadion bleibt die Gruppe sich trotz Heimpublikum fremd. Nach fünfzig Jahren wird sie keine Stadionband mehr. Muss sie ja auch nicht. Die üblichen knapp 20.000 in der KölnArena reichen ja auch.
