
Werden die Rheingauer Weinberge noch in 100 Jahren von der Rebsorte Riesling geprägt sein? Falls ja, wird der Riesling bis dahin seinen Charakter bewahrt haben? Oder sollten die Winzer aus dem Klimawandel die Konsequenz ziehen und neue Rebsorten anbauen? Diese Neuzüchtungen haben viele Vorzüge, doch ebenso einen gewichtigen Nachteil: Viele Weinfreunde wollen von ihren bekannten und lieb gewonnenen Rebsorten nicht lassen und reagieren auf Neuerungen im Glas skeptisch.
Die Vermarktung der Weine aus Neuzüchtungen ist für die Wissenschaftler der Hochschule Geisenheim aber kein vorrangiges Thema. Ihnen geht es um Qualität, um die Resistenz der Rebstöcke gegen Krankheiten und um „Stresstoleranz“ bei Wetterunbilden. So beschreibt Kai Voss-Fels die Ziele des von ihm geleiteten Instituts für Pflanzenzüchtung. Der neue Name des Instituts ist zugleich die Botschaft, dass es den Geisenheimer Züchtern nicht länger nur um Reben geht, sondern auch um Obst und Gemüse. Doch Wein steht naturgemäß noch immer im Mittelpunkt des Instituts mit seinen 44 Mitarbeitern und elf Hektar Versuchsweinbergen. Hinzu kommen Labore, Keller und Gewächshäuser.
Pilzwiderstandsfähige Rebsorten werden immer wichtiger
Mit der Berufung von Voss-Fels zum Institutsleiter vor drei Jahren ist Geisenheim wieder in die Züchtung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten eingestiegen, kurz Piwis. Diese hat am Standort eine lange Tradition und brachte Sorten wie Rondo, Hibernal und Accent hervor. Rondo wird laut Züchterin Johanna Frotscher vor allem im kühlen Nordeuropa angebaut, Hibernal hingegen im eher rauen Osteuropa.
Voss-Fels ließ auf den jüngsten Rebsortentagen der Hochschule keinen Zweifel aufkommen, dass Piwis im Weinbau immer wichtiger werden. Sie sind eine mögliche Reaktion der Winzer auf extreme Wetterereignisse, auf länger andauernde Dürre, auf Wassermangel und auf neue Schädlinge wie den Japankäfer, der schon bis nach Trebur in Südhessen vorgedrungen ist.
Voss-Fels sieht Piwis zudem als Antwort auf die Herausforderung der Nachhaltigkeit im Weinbau. Denn wenn konventionelle Winzer während der Vegetationsperiode zehnmal oder öfter Pflanzenschutzmittel ausbringen müssen, um einen wirtschaftlichen Ertrag zu garantieren, genügen drei bis sechs Behandlungen, um Piwis vor der Bedrohung durch Mehltau zu schützen. Das bedeutet weniger Aufwand für den Winzer und somit geringere Kosten. Zudem wird der Boden vor Verdichtung durch Traktoren in den Rebzeilen geschont.
Der Liebling der Winzer ist dabei die weiße Sorte Souvignier Gris
Voss-Fels arbeitet mit seinem Team an der „Kombination bester Eigenschaften“ durch gezielte Kreuzungen: „Wir wollen das Beste aus allen Welten“, so der Wissenschaftler. Die Geisenheimer Züchter können dabei auf mehr als 70 Piwi-Zuchtstämme aufbauen, die aus den Jahren zwischen 1960 und 1990 stammen und in Geisenheim erhalten und gepflegt worden sind. „Einzigartiges genetisches Material“, so der Forscher, und mit einer sehr guten Widerstandskraft gegen Mehltau. Dabei sind Piwis keine neue Erfindung. Schon 1967 wurden am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof in Siebeldingen die Ersten gezüchtet. Heute haben sich die pilzwiderstandsfähigen Neuzüchtungen auf rund vier Prozent der deutschen Rebfläche ausgebreitet. Der Liebling der Winzer ist dabei die weiße Sorte Souvignier Gris.
Moderne Piwi-Züchtungen weisen exzellente weinbauliche Eigenschaften auf, so die Überzeugung an der Hochschule. Sämlinge der neuen Kreuzungen werden „bis an die Grenze gestresst“ und beispielsweise gezielt mit Sporen des Falschen Mehltaus eingesprüht, um ihre Resilienz zu testen. Nur die Besten werden schließlich im Feldversuch für die Praxis geprüft.
Allerdings ist diese Art der klassischen Kreuzung langwierig, und bis zur Zulassung einer neuen Rebsorte können leicht 25 Jahre vergehen. Die Pflanzenzüchter in Geisenheim suchen deshalb mithilfe der sogenannten Genomik-basierten Rebzüchtung nach schnelleren Wegen, um zum Ziel zu kommen. Dabei geht es um Vorhersagen auf genetischer Basis, wie sich bestimmte Kreuzungen verhalten werden und welche der gewünschten Eigenschaften sie hervorbringen. Aktuell bereitet Voss-Fels dazu ein neues EU-Forschungsprojekt mit 21 Partnern vor, das auf sechs Jahre angelegt ist.
Neue Klone bewährter Rebsorten erscheinen Winzern aussichtsreicher
Den weinbaulichen Wert von Piwis bezweifeln die meisten Praktiker im Weinbau nicht. Der Wein muss sich aber auch gut verkaufen lassen und im Glas skeptische Verbraucher überzeugen. Neue Klone bewährter Rebsorten erscheinen vielen Winzern deshalb aussichtsreicher. Von diesen Klonen gibt es jede Menge, weil sich Riesling seit 600 Jahren und Spätburgunder seit rund 2000 Jahren genetisch immer wieder verändert und neue Varianten hervorgebracht hat. Allerdings ist auch die kommerzielle Selektion der besten Klone eine langwierige Angelegenheit.
Die sogenannte neue Gentechnik – in der Forschung bekannt unter dem Kürzel CRISPR/Cas – könnte helfen, Wunschklone zu entwickeln, also zielgerichtet nützliche Varianten des Rieslings hervorzubringen. Dabei werden körpereigene Gene der Rebe punktuell ausgeschaltet oder modifiziert. Der Vorteil gegenüber Piwis: Klassische Rebsorten könnten theoretisch resistent gegen Krankheiten werden, ohne dass sich ihr Geschmack und ihre typischen Sorteneigenschaften verändern. Noch stehen dieser Methode rechtliche Hürden entgegen. Einen mehltauresistenten Riesling zu „bauen“, das wird absehbar wohl nicht möglich sein, meint Voss-Fels. Gen-Wein könnte zudem den Winzern einen Imageschaden bringen.
Doch schon jetzt gibt es Klone mit Eigenschaften, wie sie sich die Winzer in ihren Weinbergen wünschen: lockerbeerig, mit stabiler Säure, moderatem Mostgewicht für leichtere Weißweine und einem verzögerten Austrieb. Der Klon „3145 Gm“ beispielsweise ist so ein Kandidat, der unter den Qualitätswinzern einige Freunde finden könnte.
Doch Voss-Fels dämpft die Erwartungen. Die Lockerbeerigkeit löse nur das Pilzproblem Botrytis. Doch Piwis lösten einen großen Teil des Pflanzenschutzproblems im Weinbau. „Auch ein hervorragender Riesling-Klon wie 3145 Gm bleibt anfällig für Echten und Falschen Mehltau“, sagt Voss-Fels. Die Pilzkrankheiten Oidium und Peronospora sind im Weinbau weit verbreitet und können zu großen Ernteverlusten führen. „Wer den Fungizideinsatz drastisch reduzieren will oder in Zukunft womöglich sogar muss, kommt an pilzwiderstandsfähigen Sorten nicht vorbei“, so seine Überzeugung. Klon statt Piwi ist deshalb für ihn keine Lösung: „Wir brauchen aus meiner Sicht in Zukunft beides: bessere Riesling-Klone und pilzwiderstandsfähige Sorten.“
