
Ein Turm aus Eis, der innerhalb von Sekunden in die Höhe wächst? Das finden selbst Erwachsene cool. Für das Experiment braucht es nicht viel: einen Teller mit Leitungswasser, das im Kühlfach zu einer flachen Eisfläche gefriert, und eine Plastikflasche mit destilliertem Wasser, die in einer Schale mit Eiswürfeln und Salz eine Dreiviertelstunde abgekühlt ist. Wird der Inhalt dann auf die Eisfläche geschüttet, wächst er wie von Zauberhand Schicht um Schicht blitzschnell empor. Fertig ist der frostige Turm für die Schneekönigin, und ganz nebenbei haben Kinder gelernt, was unterkühltes Wasser ist und wie Kristallisation funktioniert.
Das Video mit dem magischen Eis-Turm war das dritte, das Louis Rittersberger und Mateo Brecic selbst konzipiert, gedreht und ins Internet gestellt haben. Rittersberger studiert Physik an der TU Darmstadt. Sein Anliegen war, Kinder mit leicht verständlichen und spannenden Videos für Naturwissenschaften zu begeistern. Was dann passierte, „damit hatten wir nicht gerechnet. Wir waren von dem Zuspruch total überrascht.“ Innerhalb weniger Stunden und Tage wurde das Filmchen über den Eisberg mehrere Hunderttausend Mal aufgerufen. „Wir haben gemerkt, dass das offenbar eine Marktlücke ist“, sagt Brecic, der an der Hochschule Darmstadt das Masterfach Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau belegt hat.
Trockene Hand und schwebende Mülltüte
Im Internet hatten die beiden Studenten zuvor vergeblich nach professionellen wissenschaftlichen Accounts gesucht, die Experimente nur für Kinder zwischen drei und acht Jahren anbieten. Daher legten sie selbst im Keller ihres Hauses los, überlegten sich effektvolle Versuche aus der Chemie oder Physik, drehten und schnitten kurze Videos mit Erklärungen. In den ersten Videos ließen sie eine Mülltüte schweben oder zeigten, dass eine Hand trocken bleibt, wenn sie in Wasser getaucht wird, das mit Zimt bestreut ist. Ihr Anspruch ist, Experimente zu zeigen, die jedes Kind, jeder Vater oder jede Mutter leicht und preiswert nachmachen kann und die mit Backpulver, Wasser, Gewürzen, Essig oder Spülmittel funktionieren. „Wir haben als Kinder Experimentierkästen benutzt, aber es braucht gar keine teuren Werkzeuge, nur Haushaltsmaterialien und Kreativität“, hebt Brecic hervor.
Die Studenten kennen einander seit Kindertagen. Sie haben in Dreieich die Schule besucht und zusammen im Physik-Leistungskurs gesessen. Gemeinsam gingen sie zum Studium nach Darmstadt, haben dort an unterschiedlichen Hochschulen ihren Bachelor erworben. „Wir wollten uns selbständig machen, aber die Experimentiervideos waren am Anfang eher ein Hobby-Projekt“, sagt Brecic. Der Erfolg überzeugte sie vom Gegenteil. Im Herbst 2025 gründeten sie die Plattform Modolino, die schon im ersten halben Jahr mehr als 100.000 Follower gewann und mittlerweile rund 21 Millionen Aufrufe verzeichnet. „Jeden Monat kommen zwei bis drei Millionen dazu“, sagt der 26 Jahre alte Jungunternehmer.
Fünfzig Experimente aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) finden Eltern und Kinder bei Modolino, mit Anleitungen und Hilfen, falls etwas nicht funktioniert. Damit es für die Nachwuchsforscher spannender wird, haben die beiden Studenten 17 Tierfiguren erfunden. Da ist etwa Flux, der Fuchs, der die Kinder in die Welt der chemischen Reaktionen und Materialien entführt. Die Otter-Dame Mila ist dabei, wenn es um Wasser oder Flüssigkeiten geht, der kleine Kolibri zeigt Kindern alles, was mit Wind und Luft zu tun hat, und der Waschbär Lucki erklärt, was Zufall und Wahrscheinlichkeit bedeuten.
Ungefährliche Versuche mit „Wow-Effekt“
„In dem Alter sind Kinder gute Forscher und haben viele Fragen“, sagt Brecic. Die Tierfiguren sollen die Naturwissenschaften anschaulicher für sie machen. Die Experimente entwickeln die Studenten selbst, sammeln Ideen im Netz, probieren alles aus und optimieren die Versuche. „Wir wählen nur Experimente aus, die sicher und ungefährlich sind. Und sie sollen einen Wow-Effekt haben.“
Damit wollen sie Kinder nicht nur für MINT-Themen begeistern, sondern auch von Handy und Computer weglocken. „Sie sollen etwas Eigenes tun und erleben“, findet Brecic. Er und sein Freund Louis hätten als Kinder den ganzen Tag draußen gespielt. Eine ähnliche Wirkung erhoffen sie sich von ihren Modolino-Experimenten. Die beiden Studenten wollen keine Influencer sein, die mit Werbung in ihren Videos Geld verdienen. Mit dem Erfolg der Plattform kamen solche Angebote, die sie aber abgelehnt haben. „Wir wollen uns auf unsere Marke konzentrieren“, sagt Brecic. Die Filme sollen unentgeltlich bleiben, aber derzeit entwickeln sie Experimentierkästen, die Eltern und Nutzer für wenig Geld erstehen können. „Wir wollen etwas Cooles auf die Beine stellen, keine Standard-Experimente“, sagt Brecic. Im November sollen die ersten Boxen auf den Markt kommen.
Sukzessive soll es auf der Plattform auch neue Module für Experimente geben. Das blaue, das schon existiert, steht für die Naturwissenschaften, hinzukommen sollen grüne Module für Natur-Themen, rote für die Kreativität und gelbe für emotionale Aufgaben. „All diese Bereiche sind für eine starke Persönlichkeit von Kindern wichtig“, finden die Gründer.
Nicht nur bei Kindern und Eltern kommt die Studenten-Plattform gut an. Auch Schulen und Bibliotheken etwa in Frankfurt und Mannheim nutzen das Bildungsangebot. Es gibt eine Kooperation mit dem MINT-Zentrum in Darmstadt, und auch die Familien-App Hessen stellt jeden Monat ein Modolino-Experiment online. Beim „Social Impact Award“, der junge Unternehmer und ihre innovativen Lösungen unterstützt, die helfen sollen, soziale und ökologische Herausforderungen zu bewältigen, stehen die Darmstädter nun im Finale. Dass ihre Idee so viel Zuspruch finden würde, davon sind die beiden Studenten selbst noch immer „ziemlich überwältigt“, wie Mateo Brecic mit einem Lachen gesteht.
