
Wer verteidigt das Völkerrecht, wenn es unter Druck gerät? Einer, der es tut, ist Philippe Sands: Als Anwalt, der vor internationalen Gerichten streitet, und als Autor, der das Recht aus dem Abstrakten befreit und in menschliche Schicksale übersetzt. Die Ehrung des französisch-britischen Juristen und Schriftstellers mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist daher auch eine Entscheidung mit Signalwirkung.
Sands, 1960 in London geboren, studierte Rechtswissenschaften in Cambridge und ist seither, wie es in der angloamerikanischen Welt nicht unüblich ist, sowohl in der Wissenschaft als auch der Praxis zuhause. Sein akademischer Werdegang führt über seine Alma Mater nach New York und London, wo er am University College eine Professur bekleidet. Daneben lehrt er als Gastprofessor an der Harvard Law School und ist seit den achtziger Jahren auch als Anwalt tätig. Vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ist er ein Dauergast, zuletzt im Völkermord-Fall Rohingya (Gambia gegen Myanmar).
Die Wurzel des literarischen Erfolgs
Die tiefe Verwurzelung in Theorie und Praxis des Völkerrechts ist das Fundament seines literarischen Erfolgs. 2016 erschien „East West Street“, zwei Jahre später dann auch auf Deutsch unter dem Titel „Rückkehr nach Lemberg“, und machte ihn auf einen Schlag einem breiten Publikum bekannt. Inzwischen wurde das Buch in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Souverän bewegt es sich zwischen den Genres Familiengeschichte, Sachbuch und Roman: Es zeichnet die Lebensläufe von Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin nach, jener zwei Juristen, die mit den Konzepten der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords die Grundpfeiler des modernen Völkerstrafrechts gesetzt haben. Gemeinsamer Fixpunkt ihrer Biografien ist Lemberg. Die Stadt, einst Teil der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn, heute im Westen der Ukraine gelegen, ist auch der Ort, aus dem Sands Großvater Anfang des 20. Jahrhunderts ausgewandert ist.
Zuletzt wandte Sands sich der Flucht von NS-Kriegsverbrechern nach Südamerika über die sogenannte Rattenlinie, dem Kolonialismus und dem Verfahren gegen Chiles Diktator Augusto Pinochet zu. Stets verfolgt er dabei dasselbe Ziel: Das internationale Strafrecht nicht als abstraktes Regelwerk zu präsentieren, sondern als lebendige, von und für Menschen gemachte Ordnung.
Der Stiftungsrat des Friedenspreises würdigt Sands Einsatz für „Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts“. Dass ihm in diesem Jahr der Friedenspreis verliehen wird, sagt also viel über den Zustand der internationalen Ordnung aus. Und es ist eine gute Nachricht für das Völkerrecht.
