Es soll einmal einen Horoskopschreiber gegeben haben, der nachts davon träumte, ein Menschenfreund zu sein. Tagsüber hingegen lehnte er an schmutzigen Häuserwänden und ekelte sich vor den an ihm Vorübergehenden. Er, der immer nur kreuz und quer ging, ekelte sich vor ihren geraden Gängen, er, der sich bei jedem ausgesprochenen Satz mindestens zweimal versprach, ekelte sich vor ihren intakten Sätzen. Er ekelte sich vor ihren bruchlosen Bewegungen, vor ihrem Schulterzucken, vor ihrer Zuversicht. Eigentlich wollte er ihnen ständig wutentbrannt zurufen: „Entorganisiert euch“, „Schaut in den Himmel“, „Denkt ans Andererseits“, aber er kam über das heimliche Selbstgespräch nie hinaus.
Stattdessen schrieb er ihnen Horoskope. Erfand Tag für Tag neue Schnulzen des Lebens für sie, machte Angaben ohne Gewähr, warf ihnen zwinkernde Spiegelblicke hin. Er schrieb den Menschen Horoskope, um sich an ihnen zu rächen. Um gegen die Diktatur ihrer Gesellschaft aufzubegehren, sich als orakelnder Amokläufer der Allgemeinheit zu widersetzen. Jeder seiner Sternzeichensätze sagte im Grunde: „Ich bin gegen euch alle.“
Amokläufer gegen die Allgemeinheit
Er bekam nie Rückmeldungen auf seine Texte. Die Produktion lief ins Leere. Da er keine Freunde hatte, kannten ihn auch keine Leser, erreichten ihn immerhin auch keine Beschwerden. Er bestimmte das Schicksal der Menschen, ohne sich ihnen zugehörig zu fühlen. Aus einem anderen wurde nie sein anderer. Er fand keinen Mitgeher für sein Kreuz-und-quer. Blieb ein Außenseiter im Klub der Unabhängigen.
Manchmal kehrte er irgendwo ein, machte Rast in einer Kneipe und hoffte darauf, dass ihm ein hässliches Kneipenkind über den Weg laufen würde, denn mit denen verstand er sich am besten: mit hässlichen Kleinkindern, die in Kneipen auf dem klebrigen Bierboden krabbeln, die freundlich sein wollen, aber noch nicht wissen, wie – die alles zeigen, bevor sie anfangen zu sprechen. Mit denen fühlte er sich am wohlsten. Viel von dem, was an Ratschlägen in seinen Horoskopen auftauchte, stammte aus dem Milieu der hässlichen Kneipenkinder. Jenem Milieu, in dem die Scham noch überlebt hatte – und die Gnade.
Er verlief sich beim Versprechen
Der Horoskopschreiber wurde älter und versponnener. Manchmal schickte man ihm jetzt seine Schicksalsschnipsel zurück, fand sie zu unverständlich, zu opak. Seine Kleider wurden zerschlissener, sein Gang schleppender, seine Selbstgespräche immer wirrer. Auch bekam er die Augen nicht mehr richtig auf und verlief sich beim Versprechen. Zuletzt soll man ihn wieder und wieder als letzten Fahrgast eines Nachtbusses gesehen haben, der bis an die äußersten Ränder der Stadt fuhr. Dort stieg er aus und setzte sich auf eine Bank in der Haltestelle. Saß dort und wartete auf den ersten Bus des Morgens.
Am Ende, so erzählt man sich, habe er nur noch einzelne Worte eingeschickt, um das Schicksal der Sternzeichen zu fassen. „Er hatte noch Pfeile im Köcher, aber keinen Bogen mehr“, so beschrieb es einer im Rückblick. Und dann ging er fort, ohne dass es jemanden schmerzte. In seiner Wohnung ließ er ein Konvolut von unveröffentlichten Vorhersagen zurück. Elfte Gebote und schnippische Ratschläge, verwirrte Prophezeiungen und abgründige Aphorismen. Sein Vermächtnis bestand aus lauter Fallengelassenem, das niemand suchte. Aus Schnee von gestern und Schnee von morgen.
Lust aufs Rückwärtsgehen
In Salzburg hat man daraus jetzt ein kleines Schneetreiben gemacht. Hat hineingepustet und die Schnipsel des Horoskopschreibers durch die Luft wirbeln lassen. Knapp zwei Stunden lang konnte man im Landestheater hören, wie es klingt, wenn die Sprache ihrer Lust aufs Rückwärtsgehen freien Lauf lässt. Wenn sie Sinn und Zusammenhang gegen Klang und Rhythmus eintauscht. Zur Fläche wird, besser gesagt: zur Steppe.
Das Motto von Peter Handkes vierundzwanzigstem Bühnentext stammt aus Tschechows Erzählung „Die Steppe“: „Die Silhouette eines Unbekannten näherte sich nachts quer über die Steppe.“ Der Ton dieses Textes ist geprägt vom endlosen Aneinanderreihen. Kein Erzähler spricht hier, sondern ein manischer Lautesammler, ein Messie der Sprichwörter, der Zitate und Redewendungen. Unsystematisch, undiszipliniert, unvorsichtig klingt das, so wie ein ewiges Gerede ohne Halt, als Lautwerden des Kreuz-und-quer.

Eine akrobatische Semantik von zwei hochprofessionellen Artisten vorgeführt: Marina Galic und Jens Harzer vertonen Handkes Horoskope mit einer Perfektion, die einen staunend zurücklässt. Schon allein die Chuzpe, die es bedeutet, diesen uferlosen Text auswendig zu lernen und durch immer neue Betonungen zu formen, wäre einen Salzburger Sonderpreis wert. Jedenfalls wenn man in der Sprachbeherrschung noch ein Kriterium für die Qualität des Schauspielens erkennen würde.
Die Bühne bildet ein halber, etwas provisorisch zusammengestellter Bretterhaufen, dazu nur zwei falsche Schnurrbärte und ein Paar roter Mützen. Regisseur Jossi Wieler inszeniert seine beiden Protagonisten als Wiedergänger von Becketts Estragon und Wladimir aus dem berühmten Stück „Warten auf Godot“. Wie ihre theaterhistorischen Vorbilder befinden sich auch Handkes Figuren in einem Zustand des ausgesprochenen Stillstands. Sie führen irrläuferische, mitunter absurde Dialoge und versuchen, die Zeit des unbestimmten Wartens durch das jonglierende Spiel mit Worten zu überbrücken.
Mal stehen sie mit den Händen in den Hosentaschen da wie zwei lässig Herumlungernde, mal schlagen sie aufeinander ein, als wären sie zwei präpotente Laffen. Insbesondere das Spiel von Harzer hat über weite Strecken etwas Leistungssportartiges an sich, er dehnt sich wie ein Mittelstreckenläufer (der er in frühen Jahren ja wirklich war) und deutet Siegesgesten an wie auf dem Treppchen. Und vor allem läuft er mit einer Ausdauer kreuz und quer durch diese Textsteppe, dass man vor Bewunderung ganz schwach wird. Und Galic?
Ach, du liebe Zeit
Sie läuft ihm nicht nach, sondern findet ihren eigenen mitreißenden Weg des Umgangs. Nicht als Sportler, sondern als Narr tritt sie auf, tritt sie dem schwierig Schwerwiegendem des Horoskopkonvoluts entgegen. Sie nimmt seine Schicksalssprüche auf die leichte Schulter, wiegt ihre Bedeutung schnalzbereit hin und her und stellt naseweis das Daumenkinohafte des Textes heraus. Denn es gibt auch eine Menge Kalauer im Wörterwirrwarr: „Ach, du liebe Zeit, keiner hat mehr für die Liebe Zeit“, „Der erste Gedanke gilt dem zweiten, der sich nicht einstellen will“, oder „mit dem Holunderzweig statt mit dem Zaunpfahl winken“.
Mitunter scheint es, als ob Galic und Harzer im Auftrag des Schreibers erproben wollten, ob das Geschriebene zum Sprichwort taugt. Dann wieder fallen Sätze, die heilig klingen, fast apokryph. All die Sprechversuche, um später „die Strapazen des Paradieses zu überstehen“, heißt es an einer Stelle. All das semantische Aufwärmen also, um vorbereitet zu sein für die große Rede, die man einmal wird halten müssen – vor den Engeln und Heerscharen, vor dem lieben Gott, der entscheidet, wohin wir kommen. Der Horoskopschreiber selbst scheint sicher zu sein, dass für ihn ein Platz oben im Hellen reserviert ist – hat er doch sein Leben damit verbracht, die höheren Weisungen ins Wirkliche zu übersetzen.
Am Ende dieses Premierenabends tritt er als erblindender Seher auf. Mit Stock und Hut tastet er sich auf die Bühne, schaut skeptisch ins applaudierende Publikum, küsst seine Darsteller, verbeugt sich nicht. Handke – der poetische Messie, der stolze Steppensprecher. Zum Abschied droht er den Anwesenden mit dem Stock eine Tracht Prügel an und scheint zu flüstern: „Ich bin gegen euch alle.“
