Habt ihr die Perseiden gesehen? Die Antwort auf diese doch recht simple Frage sind erstaunte Blicke. Per-se-iden? Per se in den Iden des August, oder was? Mit bildungssprachlichem Anspruch dringt man heute nicht mal mehr zu den Nachbarn durch. Muss man ja nicht alles wissen. Das Wort Sternschnuppen ist doch viel schöner, bei nächtlichem Licht besehen.
Die Restbestände des Kometen 109P/Swift-Tuttle will man einfach nicht mehr mit dem Sohn des Zeus adeln. Beim Perseus: Die alten Griechen sind den meisten Menschen heute schnuppe.
Nach der nächtlichen Begegnung mit den Nachbarn regnete noch eine andere seltsame Begebenheit aus der Vergangenheit herab. Einst wollte sich ein Freund, dem kulinarischen Gaudium zugetan, also den essenstechnischen Genüssen, an der Käsetheke in der Feinschmeckerabteilung ein schönes Stück Henri IV gönnen, den französischen Hartkäse aus roher Ziegenmilch. Der Freund, ein Mathematiker, aber sprachgewandt, und zwar mit mathematischer Präzision, sagte: „Ich hätte gern ein Stück vom [ɑ̃riˈkatrə], bitte.“ Die ratlosen Blicke der Verkäuferin nach diesem nasalierten Meisterwerk waren das Geld des Käses wert, der so selten wie teuer ist.

Wir Deutschen können eben nicht alles selbst herstellen, besonders wenn’s ums Raffinement geht, die Verfeinerung. Ein anderes geruchsintensives Produkt ist das Parfum, vulgo Parfüm. Auch das können die Franzosen besser. Bei Douglas müssen sich da regelmäßig Szenen abspielen wie in einem Horrorfilm für Philologen. „Ich hätte gern [iˈgʁɛk]“, sagte dort einst eine Romanistin, die gut riechen wollte. I grec? Der Verkäuferin kam das französische Griechisch spanisch vor. Also: „Ich hätte gern Ypsilon von Yves Saint Laurent.“ Das roch dann nicht mehr verdächtig.
Immerhin hatte die ambitionierte Kundin auf das Impériale 160ème Anniversaire von Guerlain und das Io Non Ho Mani Che Mi Accarezzino Il Volto von Filippo Sorcinelli verzichtet. Yves Saint Laurent jedenfalls wäre glücklich gewesen über die wunderbare Aussprache seines ersten Buchstabens. Seine Marke hat nämlich seinen Vornamen getilgt und nennt sich nur noch schnöde Saint Laurent. Aber in seinen Parfums und sogar in den Parfüms lebt er weiter, auch wenn manche Menschen es nicht verstehen.
Inzwischen sind die Namen schöner Düfte, vermutlich wegen des eklatanten Überangebots, fast so kompliziert wie die Namen internationaler Radsportteams: Bis man Red Bull–Bora–hansgrohe ausgesprochen hat, ist Florian Lipowitz schon längst im Ziel, wenn es ihn nicht vorher hinschmeißt. Da soll sich noch einer über die Perseiden beschweren!
