
Unter dem Pseudonym „Perez Hilton“ vermarktet Mario Armando Lavandeira Jr. seit 2005 das fremde Unglück im Netz. Auf seinem Blog kritzelte er Beschimpfungen über die Gesichter junger Frauen, outete Prominente gegen ihren Willen als homosexuell und nannte Britney Spears im Sorgerechtsstreit eine unfähige Mutter. Lavandeira nennt sich selbst den „ursprünglichen Influencer“. In den letzten Jahren rückte er zunehmend sich selbst in den Mittelpunkt seiner Inszenierungen, weg von seinem Blog, hin zu Kurzvideos.
Dort konnten Fans sein Jahr 2026 öffentlich verfolgen. Im März lag er 21 Tage lang im Krankenhaus; aus einer Grippe hatten sich schwere Folgeerkrankungen entwickelt, darunter eine Sepsis. Im April operierten ihn Ärzte wegen eines Blutgerinnsels. Er berichtete in Videos von seinem Leid, stellte online, wie er am Rollator durch sein Zimmer ging. Anschließend erklärte er in einem langen Video, zu Gott gefunden zu haben, und bat alle um Verzeihung, denen er früher geschadet hatte.
Tiktok brauchte mehr als 30 Minuten, bis es einschritt
Am Dienstagabend ging Lavandeira live und fügte sich vor laufender Kamera Verletzungen zu. Zuschauer wählten den Notruf. Das Miami-Dade Sheriff’s Office bestätigte dies, mehrere Menschen hätten geschildert, was im Netz zu sehen war. Die Beamten fanden das Haus, sprachen vor der Tür mit Angehörigen und zogen sich zurück, um die Lage nicht zu verschärfen. Später teilten sie mit, der Mann sei ins Krankenhaus gebracht worden. Über seinen derzeitigen Zustand liegt keine Auskunft vor. Die Beamten berichten gegenüber US-Medien von einem Mann in einer schweren psychischen Krise.
Während der Stream lief, versuchten Zuschauer aus der Ferne zu helfen: Einige sprachen mit ihm, mehrere alarmierten die Einsatzkräfte und meldeten den Stream. Die amerikanische Notrufzentrale begriff schneller, was in diesem Livestream vor sich ging, als das Unternehmen, das das Video ausstrahlte: Tiktok ließ den Stream gut 30 Minuten laufen, bevor es den Account sperrte. Und das, obwohl selbst die Richtlinien der Plattform derartige Inhalte unmissverständlich verbieten.
Das Perfide: Derselbe Konzern, dessen Algorithmus Millionen Videos in Sekundenschnelle nach den Vorlieben seiner Nutzer sortiert, brauchte mehr als eine halbe Stunde, um zu erkennen, was dort nicht gezeigt werden darf. Während der Algorithmus in die eine Richtung heftig ausschlägt, versagt er vollständig, wenn es um den Schutz seiner Nutzer geht.
Nicht alles, was klickt, ist journalistisch geboten
Aber die Social-Media-Plattform ist mit ihrem Versagen nicht allein. Medien schilder, was die Mitschnitte zeigen und wie Lavandeira darin aussieht. Das Magazin „Hollywood Reporter“ liefert die Ferndiagnose gleich mit. Das Branchenportal „Primetimer“ benennt sogar einen Gegenstand, mit dem er sich verletzt hat, und zitiert einzelne Sätze aus dem Stream im Wortlaut. Beide beziehen ihre Beschreibungen aus Mitschnitten, die im Netz weiterliefen, nachdem Tiktok das Original wegen Regelverstoßes gelöscht hatte.
Redaktionen messen den Erfolg ihrer Artikel in Echtzeit, genau wie die Social-Media-Plattformen. Auch bei ihnen sammelt die meisten Klicks, wer zuerst berichtet, wer mehr weiß als die Konkurrenz und wer die härtere Schlagzeile textet. Aggregatoren wie Google Discover verstärken den Effekt. Was die großen Plattformen mit Algorithmen steuern, steuern die Redaktionen von Hand. Sie verfolgen laufend, welches Stück die meisten Klicks holt, und entscheiden danach, wie hoch und wie lange es auf der Seite steht. Das ist ihr gutes Recht, mit Journalismus muss sich Geld verdienen lassen, und Werbekunden, die nach Klicks auf der Website zahlen, sind eine Möglichkeit, das zu tun.
Doch wenn Redaktionen in Textform nacherzählen, was Social-Media-Plattformen als Video bereits gelöscht haben, nur weil das Interesse der Leser daran entsprechend hoch ist, machen sie sich der Pervertierung der Aufmerksamkeitsökonomie ebenso schuldig wie die Plattformen selbst. Inhaltliche Wiedergabe dessen, was im Stream zu sehen war, untersagt nicht nur das Persönlichkeitsrecht, sondern auch der Anstand. Und das Recht auf diese Zurückhaltung steht auch einem zu, der sie selbst nie geübt hat.
