Im vergangenen Jahr hat eine Hai-Maske gereicht, um an einen Drink und freien Eintritt zu kommen. Diesmal, im verflixten 13. Jahr, fordert der Eröffnungsfilm „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ deutlich mehr Einsatz: Um an Ticket und Drink zu kommen, ist ein freihändig auf der Gitarre vor dem Publikum absolvierter Springsteen-Song notwendig. Für den Rest des Programms im Freiluftkino Frankfurt allerdings genügen ein rechtzeitiger Blick auf den Wetterbericht und die digitalen Auftritte des Vereins Lichter Filmkultur. Im vergangenen Jahr, so Gregor Maria Schubert, Ko-Leiter von Lichter, seien 19.000 Besucher gekommen – und nur vier Vorstellungen sind trotz des sehr durchwachsenen Wetters verschoben worden.

Das Durchhaltevermögen der Lichter, die auch das gleichnamige internationale Filmfest in Frankfurt veranstalten, ist groß. Das des Publikums auch, was mit an der Kulisse liegt: Das verfallende Alte Polizeipräsidium bleibt der größte Lost Place in der Frankfurter Innenstadt und wohl eine der schönsten Orte für Open-Air-Kino. Und das, obwohl die Konkurrenz auch in diesem Sommer groß ist.
Open-Air-Kino hat sich verändert. Kinobetreiber, die es früher wochen- und monatelang anboten, haben sich zurückgezogen, das Kurzfilmfestival „Shorts at Moonlight“ hat vor drei Jahren aufgegeben. Dennoch blühen und gedeihen die Angebote: Vereine, Festivals, Initiativen und, dank der Kooperation mit dem Film- und Kinobüro Hessen, lokale Kinobetreiber auch im ländlichen Raum machen den ganzen Sommer über Programm. Erwin Heberling vom Film- und Kinobüro Hessen bestätigt, dass es heute mehr Kinos gibt als im Jahr 2000, die über eine Open-Air-Anlage verfügen und dadurch selbst Orte akquirieren und bespielen. Das helfe den Kinos, besser durch die „Saure-Gurken-Zeit“ zu kommen. Neben dem vom Film- und Kinobüro Hessen veranstalteten Kinosommer Hessen gebe es einige gewerbliche Open-Air- oder Wanderkinos, die ebenfalls in den Regionen tätig seien. Dazu zählten auch die Kinos, die mit eigenen Anlagen in ihren und benachbarten Orten vertreten seien.
Umsatz an der Theke sichert die Filme
Konkurrenz macht sich etwa der Verein Lichter sogar selbst, denn in diesem Jahr kommt sein biennal stattfindendes High Rise Cinema zurück, das parallel zum Freiluftkino Frankfurt vom 23. Juli bis 16. August Opernturm, Taunusturm, Skyline Plaza und das städtische Grünflächenamt mit Filmen bespielt. Das Programm ist noch nicht veröffentlicht, aber schon jetzt gibt es Fans, die beinahe täglich checken, wann der Vorverkauf beginnt.
Wer das Kino im Freien liebt, bringt außer warmen Sachen und Regenjacken nichts mit – denn in den allermeisten Fällen decken die Eintrittspreise nicht den Aufwand, den die Freiluftkinos mit dem Programm haben. Die Erlöse aus dem Verkauf von Speisen und Getränken sind für alle Veranstalter also wichtig, was in vielen Programminformationen auch ausdrücklich vermerkt ist. Zwar weist das traditionsreiche Open-Air-Kino am Hafen 2 in Offenbach auch auf die verfressenen Schafe hin, die dort herumlaufen – aber um den Ort und das Programm zu erhalten, ist Umsatz an der Theke auch dort nötig.
Das ist erst recht bei ehrenamtlich organisierten Programmen oder ganz kostenlosen Angeboten der Fall, wie jenem, das der Verein der Bilderwerfer schon zum 28. Mal in den Reisinger Anlagen in Wiesbaden auf die Beine stellt. Bis zum 11. Juli immer von Donnerstag bis Samstag stehen ausgewählte aktuellere Filme auf dem Programm, alle haben in diesem Jahr mit Identität oder der Neuerfindung einer Person zu tun – von „Therapie für Wikinger“ über „Souleymanes Geschichte“ bis zur Dylan-Biographie „Like a Complete Unknown“. Hübsch: Immer gibt es einen internationalen Kurzfilm vorneweg. Und der Nachwuchs der Bilderwerfer scheint auch gesichert zu sein, denn die Cocktailbar wird ausdrücklich von den „Bilderwerfer Youngsters“ betrieben.
Thematisch ausgewählte Filme
Ein Programm, das sich nach einem Thema ausrichtet, hat traditionell auch das Open-Air-Kino auf der Dachterrasse des Hauses am Dom in der Frankfurter Altstadt. Diesmal geht es um Familienkonstellationen, in höchst unterschiedlicher Ausformung, und um ungewöhnliche Freundschaften. Alle acht Filme, die vom 24. Juli bis zum 16. August gezeigt werden, von „Karla“ über ein missbrauchtes Mädchen bis zur ledigen Mutter in Süditalien in „Mein Platz ist hier“, sind von der Katholischen Filmjury empfohlen. Wenn es regnet, zieht das Kino in den großen Veranstaltungssaal des Hauses um.

„Amrum“, „22 Bahnen“, „Bugonia“ und die Springsteen- und Dylan-Biopics, auch „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ und „Extrawurst“ aus deutscher Produktion sowie international erfolgreiche Filme sind in zahlreichen Programmen in ganz Hessen zu finden. Die Veranstalter setzen auf das, was gut läuft – viele Filme, die man über das Jahr verpasst hat, kann man auf diese Weise an späten Sommerabenden bei einem kühlen Getränk nachholen. Doch gerade der Kinosommer setzt auch auf besondere Filme. Etwa das Open Air im Kurpark Bad Schwalbach: Gefeiert werden 100 Jahre Kinogeschichte dort mit Klassikern, von Buster Keaton über Heinz Erhardt bis „Dirty Dancing“, der älteste Film ist ein Kurzfilm von 1895. Und so manches Open-Air-Kino schließt sich dem dritten bundesweiten Aktionstag „Ein Land sieht einen Film“ an: mit einer Vorpremiere des Eberhofer-Krimis „Steckerlfischfiasko“ am 12. August. Da ist das Open Air im Freibad von Bad Vilbel, das bis 9. August geht und Mitglied im Verband der Open-Air-Kinos ist, der den Aktionstag ausrichtet, zwar schon vorbei, bis dahin aber bietet das Vilbeler Freiluftkino ein Rundumpaket, samt eigener Hymne, Bingospielen und dem Versprechen, bei wirklich jedem Wetter zu spielen.
Der Kinosommer Hessen, der darauf beruht, mit lokalen Partnern zu arbeiten und vor allem das Kino jenseits der Ballungsräume zu stärken, hat stets besondere Orte im Angebot: Schlösser, Parks, Altstadtplätze. Das Filmprogramm werde oft auf sie abgestimmt, so Erwin Heberling. In der Regel tragen dort die Veranstalter die Kosten, mit einem Anteil Landesförderung, das Film- und Kinobüro Hessen vermittelt und macht das Programm bekannt. Der Landesanteil sollte auf 50 Prozent steigen, so Heberling. Viele Orte seien kleiner, 200 Zuschauer am Abend seien da eine gute Zahl. Nicht nur in Bad Schwalbach entsteht so im Verbund vieler ein Sommerereignis für alle. Mit einer Dauer bis 4. Oktober geht der Kinosommer Hessen bis weit in den Herbst hinein. Da das Programm ständig ergänzt wird, Orte hinzukommen können und manches Angebot mit Aktionen oder Festen verbunden ist, lohnt es sich, mehrfach auf die Programmseite und bei den lokalen Veranstaltern zu schauen. Das traditionelle Finale mit „Der Name der Rose“ im Kloster Eberbach, Drehort des Films, gibt es in diesem Jahr vom 2. bis 4. Oktober. Auch die „Filmseher“ im Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim, die in der dortigen Freilichtbühne noch bis Anfang September laufen, setzen auf ein dichtes Programm. Die Filmseher sind, wie das „Schiff“ im Schiersteiner Hafen in Wiesbaden, ein privates kleines Unternehmen.
Immer weiter wächst das Angebot von FILMZ, der Initiative, die das Festival des deutschen Films in Mainz organisiert. Sie vertraut abermals darauf, dass nach einer feuchtkalten Phase der Spätsommer wiederkommt: Zum vierten Mal gibt es im Hof des Landesmuseums Mainz vom 28. August bis 6. September Programm. Ein Vorteil: Man muss nicht mehr so lange warten, bis die „Filmnächte unter Sternen“ beginnen. Denn ohne Dunkelheit gibt es an der frischen Luft keinen Film.
Freiluftkino Frankfurt, bis 23. August, freiluftkinofrankfurt.de
High Rise Cinema Frankfurt, 23. Juli bis 16. August, highrisecinema.de
Open Air im Haus am Dom Frankfurt, 24. Juli bis 16. August, hausamdom-frankfurt.de
Open Air im Freibad Bad Vilbel, 22. Juli bis 9. August, kultur-bad-vilbel.de/open-air-kino
Open Air Filmfest Wiesbaden Reisinger Anlagen, bis 11. Juli, bilderwerfer.de
Filmseher Seeheim-Jugenheim, bis 5. September, filmseher.de
Open Air Schiff, Wiesbaden, 6. bis 15. August, schiffestival.com
Kinosommer Hessen, Hessen, flexible Programme, bis 4. Oktober, kinosommer-hessen.de
Informationen zu deutschen Open-Air-Kinos unter kinosommer-deutschland.de
