Über die Kneipe gibt es in der Öffentlichkeit und auch im deutschen Schlager vor allem zwei Meinungen. „Die kleine Kneipe am Ende der Straße“ ist einerseits ein nostalgischer Sehnsuchtsort, „dort, wo das Leben noch lebenswert ist“ (Peter Alexander). In den Vorstadtstraßen wird „Griechischer Wein“ ausgeschenkt, und es erklingen „die altvertrauten Lieder“ (Udo Jürgens).
Andererseits gelten Kneipen als Orte des enthemmten Alkoholkonsums, „Kreuzberger Nächte sind lang“, man sieht „schon doppelt, und das aus gutem Grund, denn in Eckkneipen geht es nun mal rund!“ (Gebrüder Blattschuss). Es gilt das Motto „Saufen, morgens, mittags, abends, ich will saufen. Der Hahn muss laufen“ (Ingo ohne Flamingo). Oder wie es im Münchener Hofbräuhaus heißt: „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit – oans, zwoa, drei! Gʼsuffa!“
Auf die Idee, dass die Kneipe auch ein Ort der Demokratie sein könnte, ist der deutsche Schlager noch nicht gekommen. Dabei lebt die Demokratie von Orten lebendiger Begegnung – von Orten, an denen Ideen, Vorlieben oder Meinungen ausgetauscht werden, an denen Menschen miteinander reden und einander zuhören. Orte, an denen gegenseitiges Vertrauen geschaffen wird und damit eine Basis für Vertrauen in Politik.
Orte der Begegnung
In der Zivilgesellschaftsforschung wird seit vielen Jahren über schrumpfende Räume diskutiert. Wenn öffentliche Räume verschwinden, sind nicht nur Vereine oder Initiativen betroffen. Es ist die demokratische Kultur insgesamt bedroht. Die Sorge darüber, dass sich Menschen immer weniger begegnen, wächst seit Jahren. Zugleich droht die zunehmende Einsamkeit unsere Gesellschaft zu zerfressen und zu lähmen.
Laut Einsamkeitsbarometer des Familienministeriums sind davon vor allem ältere, kranke oder ärmere Menschen sowie häufiger Menschen mit Migrationshintergrund betroffen. Einsamkeit kann jedoch nicht nur ein individuelles, sondern auch ein demokratisches Problem sein. Einsame Menschen ziehen sich häufig aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben zurück und verlieren eher ein Interesse daran, sich demokratisch zu beteiligen. Sie verlieren vielfach ihr Vertrauen in ihre Mitmenschen wie auch in demokratische Institutionen. Einsamkeit entsteht auch dort, wo Orte der Begegnung fehlen.

Wenn also Orte der Begegnung zu verschwinden drohen, dann müssen diese geschützt werden. Oder es müssen neue Orte der Begegnung geschaffen werden. Dabei geht es nicht nur um Orte der (Hoch-)Kultur, an denen sich die Gebildeten und Begüterten treffen. Auch nicht nur um Spiel- und Sportplätze oder Grünflächen und Parks. Sondern vor allem auch um Begegnungsorte mit niedrigschwelligen Zugängen für Menschen aus der Mittel- oder Unterschicht.
In deren Lebenswelt haben Kneipen einen wichtigen Platz. Deren Stärkung bietet die Möglichkeit, das demokratische Miteinander in Stadtteilen und in Dörfern den intergenerationalen Austausch zu stärken. Eine politische Initiative zur Rettung oder Neugründung von 10.000 Kneipen wäre also ein Demokratieprogramm, eine niedrigschwellige Antwort auf den Verlust öffentlicher Räume.
Die Kneipe ist bedroht
Die Kneipe ist bedroht und damit auch ein niedrigschwelliger Ort des demokratischen Miteinanders. Gab es nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) 2016 noch 30.725 Schankwirtschaften beziehungsweise Kneipen in Deutschland, so waren es 2024 nur noch 21.822. Wobei Kneipen im Vergleich zum restlichen Gastgewerbe eine schlechtere Entwicklung erleben. Es scheint so, als stünde das Konzept der Schankwirtschaft, in der der Ausschank von alkoholischen Getränken im Vordergrund steht und, wenn überhaupt, nur kleine Speisen angeboten werden, unter einem stärkeren Druck als andere Arten des Gastgewerbes.
Ursachen für diese Entwicklung gibt es einige. Die Digitalisierung fördert den Individualismus und den Rückzug ins Private. Das Freizeitverhalten hat sich verändert, die Freizeit wird immer häufiger in privaten Räumen verbracht.
Das hat auch damit zu tun, dass die finanziellen Spielräume enger geworden sind. Ein Bier oder ein Glas Wein daheim ist billiger als in der Kneipe, ein Netflix-Abend einfacher organisiert als ein Kinobesuch. Die Digitalisierung ist eine Art Brandbeschleuniger der Individualisierung. Man muss nicht mehr aus dem Haus gehen, um zumindest die Illusion zu haben, an Kultur und Gesellschaft oder an politischen Debatten teilzunehmen.
Rückzug ins Private
Selbst Gäste, die die Kneipe noch besuchen, lassen weniger Geld dort. Hinzu kommen gestiegene Betriebs- und Personalkosten sowie bürokratische Hürden. In Großstädten sind zudem die Mieten drastisch gestiegen. In Dörfern ist es schwierig, Betreiber beziehungsweise Nachfolger zu finden.
In ländlichen Räumen ist diese Entwicklung zwar nicht neu. Schon seit Jahrzehnten wird dort über das Phänomen des Kneipensterbens berichtet. Aber aus Sicht der Demokratie hat sich das Problem der sterbenden Dorfkneipe noch einmal zugespitzt.
In Frankreich zeigen Umfragen, dass der Rassemblement National (ehemals Front National) auf dem Land dort stärker abschneidet, wo Dorfkneipen verschwunden sind. In Rheinland-Pfalz hat die AfD im vergangenen Landtagswahlkreis damit begonnen, Wahlkreisbüros als Treffpunkte zu eröffnen, die abends Kneipen werden. Auch Viktor Orbán hatte in Ungarn ein Kneipenprogramm aufgelegt, um die Basis des Rechtspopulismus zu stärken.
Die Schwellen niedrig legen
Auch darauf muss die Gesellschaft reagieren. Es geht bei der Forderung nach 10.000 Kneipen also nicht so sehr um 10.000 Zapfhähne, sondern um 10.000 Orte der Begegnung. Wobei die Kneipe im Kontext einer solchen Idee stellvertretend für niedrigschwellige Begegnungsorte verstanden werden soll. Es können und sollen auch beispielsweise Cafés, Teehäuser oder hybride Modelle gefördert werden.
Der Fokus liegt auf niedrigen Schwellen. Die Demokratie lebt davon, dass sich Menschen begegnen und über den Alltag, die Wirtschaft oder die Politik austauschen.
Der Stammtisch hat keinen guten Ruf. Viele Kritiker des Stammtisches gehören allerdings zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, die solche Begegnungsräume sehr selbstverständlich und mit großem Gewinn für sich nutzen, die sich durch hohe soziale und ökonomische Einstiegshürden auszeichnen.
Dagegen erfordert der Besuch einer Kneipe weder eine institutionelle Einbindung noch wirtschaftliches, politisches oder kulturelles Kapital. Es werden somit gesellschaftliche Gruppen erreicht, die von klassischer Demokratieförderung häufig ausgeschlossen bleiben, etwa Migrantinnen und Migranten oder Personen mit niedrigerem Bildungsgrad.
Berechtigte Einwände
Natürlich gibt es berechtigte Einwände gegen ein 10.000-Kneipen-Programm. Werden damit nicht toxische Männerbünde, rechtspopulistische Echokammern sowie gesundheitsschädigende Trinkrituale gestärkt? Gilt der Stammtisch nicht als Ort, an dem Vorurteile kultiviert und Ressentiments gepflegt werden? Und versteckt sich die Einsamkeit nicht auch hinter Biergläsern? Dazu später mehr.
Zunächst gilt es festzuhalten: Demokratie ist auch eine soziale Praxis. Sie muss erlernt und regelmäßig bestätigt werden. Demokratisches Denken wird durch die Anerkennung von Differenzen, die Toleranz des Dissenses und die Fähigkeit zu Kompromissen erlernt.
Der Verlust von Kneipen trägt dazu bei, diese Struktur des öffentlichen Raumes zu beschädigen. Je weniger öffentliche Begegnung es gibt, desto häufiger treffen Menschen nur noch auf solche Menschen, mit denen sie bereits viele Gemeinsamkeiten haben, mit denen sie Weltsichten oder Lebenserfahrungen teilen. Während der kulturelle Facettenreichtum und die politische Heterogenität einer Gesellschaft in analogen Begegnungen erfahrbar werden können, verengen sich in den digitalen Echokammern Interessen und Wahrnehmungen.
Dritter Ort
Pessimismus mag angesichts dieser Entwicklung naheliegen, doch Pessimismus hat die Demokratie noch nie gestärkt. Resigniert die Gesellschaft angesichts des Kneipensterbens, stoßen andere politische Kräfte in diese Lücke, zum Beispiel Rechtspopulisten.
Es lohnt sich also, stattdessen einmal genauer auf Lösungsansätze zu schauen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen. Es könnte sich für die Demokratie auszahlen, mit etwas Optimismus ungewöhnliche Wege einzuschlagen und mit der Kneipe bewusst einen Ort zu stärken, der eine Chance eröffnet, den Teufelskreis von digitaler Isolation und analoger Einsamkeit zu durchbrechen.
Wobei entscheidend wäre, dass dieser Ort alltäglich, leicht und freiwillig zugänglich ist und sich von zweckgebundenen Orten wie zum Beispiel der Volkshochschule, dem Verein oder dem Arbeitsplatz unterscheidet. Nur dann wird die Kneipe im Sinne des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zu einem „dritten Ort“, zu einem informellen, freiwilligen Treffpunkt mit niederschwelligen Zugängen und ohne vorgegebene soziale Hierarchien. Neben der Familie als ersten und der Arbeit als zweiten Ort geht Ray Oldenburg von der Annahme aus, dass dritte Orte unter anderem relevant sind, um Nachbarschaften und politische Debatten zu fördern. In diesem Sinne kann auch die Kneipe wirken.
Ausgangspunkte gemeinsamer Aktivität
Auch aus historischer Perspektive ist die Kneipe als öffentlicher Raum weit mehr als ein Ort des geselligen Alkoholkonsums. Dort haben sich immer wieder soziale Beziehungen herausgebildet, etwa in der Arbeiterklasse im Zuge der Industrialisierung sowie in der Studentenschaft. Die Kneipe war und ist nicht nur ein Treffpunkt sozialer Netzwerke, sondern auch ein Veranstaltungsort sowie Ort zur Verbreitung von öffentlichen wie privaten Nachrichten.
In einer Studie über Pubs in Irland fanden die Ökonomen Ignazio Cabras und Matthew Mount heraus, dass diese auch Ausgangspunkt für gemeinschaftliche Aktivitäten bis hin zu Freiwilligeninitiativen sind, die die Gemeinschaft weiter verbinden können. Sie dienen also auch der lokalen Vernetzung, dem Austausch zu ehrenamtlichen Tätigkeiten oder der Bildung von politischem Interesse und Vernetzung hin bis zu mehr direkter demokratischer Beteiligung.
Der Attraktivität der Kneipe als des „dritten Orts“ der Begegnung liegt die Annahme zugrunde, dass Kneipen ein heterogenes Publikum anziehen, es dort relativ zwanglos zu einer sozialen Durchmischung kommt. In Kneipen begegnen sich Menschen über Milieu- und Statusgrenzen hinweg. Hierarchien des Arbeitslebens verlieren an Relevanz, da man sich auf „neutralem Boden“ trifft. Zwischen Theke und Tischen existiert, anders als zum Beispiel in Bussen und Bahnen, zudem ein Ort, der dem Gespräch zur institutionellen Legitimität verhilft. Das heißt, Menschen kommen häufiger miteinander ins Gespräch.
Gegenmodell zur digitalen Echokammer
Solche Gespräche sind in der Regel alles andere als banal, wie Rüdiger Schmitt-Beck und Christian Schnaudt in einer Analyse von politischen Alltagsgesprächen mit Fremden nachweisen können. Vielmehr kommen sie dem deliberativen Ideal im habermasschen Sinne nahe. Kneipen werden von den beiden Politikwissenschaftlern explizit als ein Setting dieser öffentlichen Alltagskommunikation benannt.
Kneipen besitzen also das Potential, sich zum Gelegenheitsfenster für mehr Diskussionen und Begegnungen mit fremden Menschen und deren politischen Positionen zu entwickeln. Ihr deliberatives Potential für die Wiederbelebung öffentlicher Diskurse ist unterentwickelt. In informellen Kneipengesprächen können Menschen zudem das Gefühl entwickeln, gehört zu werden, und durch Auseinandersetzungen mit Gegenpositionen politische Selbstwirksamkeit erfahren. Das vertraute Setting fördert Perspektivübernahme und argumentative Mäßigung.
Die Kneipe ist also das Gegenmodell zur digitalen Echokammer: Statt sich nur unter Gleichgesinnten selbst zu bestätigen und mit fremden Avataren gleich in den direkten Konflikt zu gehen, begegnet man in der Kneipe einem Gesicht und einer Person sowie potentiell biographischen und politischen Gemeinsamkeiten (auch wenn es nur der Besuch in derselben Kneipe ist), bevor die Unterschiede in den Vordergrund treten.
Hier kommt es also zu realen, aber vor allem auch offeneren Begegnungen durch Austausch. So lernt man leichter, was einen unter Umständen verbindet. Man kann ein Gefühl für Gemeinsamkeiten und für gegenseitigen Respekt entwickeln. Dadurch entsteht also eine Grundlage für sozialen Zusammenhalt, welcher auch für das Funktionieren von Demokratie zentral ist.
Männerdominanz und Alkoholkonsum
Natürlich ist die Kneipe kein allein seligmachender Ort. Er birgt gesundheitliche Gefahren und Konflikte. Aus nachvollziehbaren Gründen wenden Kritiker einer Förderung von Kneipen ein, diese seien primär Orte des Alkoholkonsums, womit nachweislich Suchtgefahren und Gesundheitsrisiken verbunden sind. Hinzu kommen Gewalt und soziale Ausgrenzung.
Die Sorge, dass Kneipen gesellschaftliche Schäden verstärken, ist also berechtigt. Deutschland gilt als alkoholisches Hochkonsumland mit unzureichender Prävention und Regulation des Alkoholkonsums. Dem etwas entgegenzusetzen, ist Aufgabe demokratischer Politik.
Andererseits verweist eine Studie aus England darauf, dass der regelmäßige Kneipenbesuch die psychische Gesundheit von Menschen stärken kann.
Oft werden Kneipen als männlich dominierte Räume wahrgenommen, die für Frauen, queere Menschen oder Migranten mit Ausgrenzungs- oder Diskriminierungserfahrungen verbunden sein können. Die Sorge ist groß, dass mit einer Stärkung der Kneipen vor allem auch populistische Diskurse gestärkt werden. Schließlich gelten „Stammtischkultur“ und „Stammtischparolen“ als Sinnbild für Vorurteile und Rechthaberei, mit denen gesellschaftlich und politisch problematische Positionen an zusätzlicher Salienz und Sichtbarkeit gewinnen.
Kneipen als offene Orte
Sicherlich ist es eine große Herausforderung, populistische Narrative im offenen Gespräch ohne Eingriffe und Vorgaben zu entschärfen. Aber die Herausforderung kann bestanden werden, wenn die handelnden Personen für eine respektvolle Kommunikation einstehen. Kneipen können vielfältige Begegnungsorte sein. Auch eine Einbindung von Gruppen mit Diskriminierungserfahrungen kann gezielt dazu beitragen, Kneipen als offene und vielfältige Orte zu gestalten. In diesem Zusammenhang verweist eine Studie von Joschka Moldenhauer darauf, dass ein heterogenes Thekenteam zu einer heterogenen Durchmischung der Gäste führen kann. Die Entwicklung der Kneipe zu einem offenen Ort des Austausches ist also steuerbar.
Die Frage, wie das Risiko einer antidemokratischen oder zumindest nicht inklusiven Machtreproduktion minimiert werden kann, ist bei der Förderung von Kneipen zu beachten. Natürlich: Begegnung fördert allein noch keine Demokratie. Auch der niedrigschwellige Austausch in der Demokratie benötigt Regeln und Schutzmechanismen, die die Reproduktion bestehender Machtverhältnisse oder eine weitere Polarisierung verhindern. Förderprogramme mit bestimmten Anforderungen und Rahmenbedingungen können das Risiko verringern. Gleichzeitig besteht in informellen öffentlichen Räumen auch ein gewisses Selbstorganisationspotential, das unterstützt werden kann.
Aber welche deliberative Qualität haben Gespräche zwischen Fremden eigentlich tatsächlich? Auch Rüdiger Schmitt-Beck und Christian Schnaudt zeigen auf, dass Gespräche mit Fremden häufig bewusst harmonisch und konfliktscheu verlaufen. Offene Meinungsverschiedenheiten werden vermieden.
Dem lässt sich entgegnen, dass Konflikte in demokratischen Systemen zwar unvermeidlich sind, aber kein demokratischer Selbstzweck. Vielmehr sollte ein deliberativer Austausch nicht auf der Idee von Konflikt und Eskalation beruhen, sondern auf einem Austausch auf Augenhöhe und einer Perspektivübernahme. Selbst wenn man in solch einem Fall nicht offen über alle Konfliktlinien spricht, kann es im Austausch dennoch dazu kommen, dass eigene Positionen reflektiert und die Perspektive des Gegenübers eingenommen werden.
Entscheidend ist, dass es bei der Forderung nach 10.000 Kneipen um das Ziel geht, die Zivilgesellschaft zu stärken, indem man Räume der Begegnung sicherstellt. Es geht also nicht primär um eine Förderung der Gastwirtschaft als ökonomisches Projekt, sondern um die Frage, wie öffentlich zugängliche Begegnungsräume im Rahmen einer aktiven Zivilgesellschaft erhalten oder geschaffen werden können.
Die Kneipe als Gemeinschaftsprojekt
Mit der Frage der Finanzierung steht letztlich die Frage nach alternativer Mittelverwendung im Raum. Ist es nicht effektiver, knappe öffentliche Mittel in ‚kontrollierte‘ Systeme politischer Bildung oder in digitale Beteiligungsformate zu stecken, statt dritte Orte mit einer doch unklaren politischen Wirkung zu fördern? Dieser Einwand blendet jedoch aus, dass in Kneipen als Begegnungsräumen Bevölkerungsgruppen erreicht werden, die von formellen und höher institutionalisierten Bildungs- und Beteiligungsangeboten oft nicht angesprochen werden.
Gleichzeitig geht es nicht um ein Entweder-oder. Beide Angebote sind wichtig. Es ist jedoch von zentraler Bedeutung, zu verstehen, dass unterschiedliche Gruppen auf unterschiedliche Arten angesprochen werden können und müssen.
Konkret ginge es darum, deutschlandweit 10.000 aktive soziale Orte, in Form von klassischen Kneipen, aber vielleicht auch als Cafés, Kulturlokale oder Ähnliches durch politische oder administrative Programme zu unterstützen. Die Einbindung der Zivilgesellschaft sollte dabei im Vordergrund stehen.
Eine Möglichkeit wäre es, Kneipen zu fördern, die ehrenamtlich von Vereinen, Kollektiven oder Genossenschaften betrieben werden. Solche Projekte gibt es vereinzelt bereits, bislang jedoch wird deren die Demokratie stärkender Ansatz nur unzureichend gewürdigt.
Genossenschaftliche Form
Dort, wo solche Projekte bereits existieren, zeigt sich, dass ein gemeinschaftlicher oder genossenschaftlicher Kneipenbetrieb tatsächlich nicht nur Versorgungslücken schließt, sondern auch den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärkt und damit eine Form des zivilgesellschaftlichen Engagements darstellt. Gerade durch die genossenschaftliche Betriebsform, so Joschka Moldenhauer, tritt ein solidarischer Effekt auf Gegenseitigkeit in den Fokus.
Hinzu kommt, dass Gaststätten, die als Genossenschaft geführt werden, sich als krisenfester erweisen. Gründe hierfür seien laut Moldenhauer „Sicherungspotentiale“ wie demokratische Struktur, langfristige Mitgliederorientierung, regionale Verankerung, risikobewusstes Management und ein vergleichsweise geringer Gewinnanspruch.
Bereits existierende Kneipen könnten sich, um in Förderprogramme aufgenommen zu werden, an die Nachbarschaft oder die Kommune wenden, in die sie eingebettet sind. Sie könnten zum Beispiel enger mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten, sei es als Veranstaltungsort oder als kommunaler Kooperationspartner.
Sicher wird es nicht reichen, nur an die Zivilgesellschaft und an Kneipenbetreiber zu appellieren, sich zu vernetzen. Auch über Start- oder Betriebszuschüsse muss nachgedacht werden. Hier könnte ein Fokus auf strukturschwachen Regionen liegen, zudem könnte dieses Engagement in bestehenden Programmen zu zivilgesellschaftlichem Engagement integriert werden. Anschlussfähig sind solche Projekte für die Zuwendungen und Förderlinien der Kommunen, Länder, des Bundes und der EU.
