Die „Titanic“ soll wiederbelebt werden, und Patrick Burghardt findet das super. Der Rüsselsheimer Oberbürgermeister hat qua Amt eine Schwäche für Industriebauten, wie sie über viele Jahrzehnte hinweg auf dem Gelände des Autobauers Opel in Rüsselsheim entstanden sind. So auch für jenes 1937 fertiggestellte Gebäude, das er und viele andere in Rüsselsheim gerne mit dem legendären Schiff vergleichen, das 1912 im Nordatlantik unterging. Denn die Opel-Schmiede erinnert in ihren Ausmaßen an das Schiff: Die ehemalige Gesenkschmiede, die intern den Namen M1 trug, gehört mit 260 Meter Länge, 24 Meter Breite und 15 Meter Höhe zu den gewaltigsten Industriebauten der Region.
Es ist ein heißer Tag in Rüsselsheim, weshalb Oberbürgermeister Burghardt die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt hat. Das passt auch besser hierher, schließlich war das Gebäude einst eine Fabrik, in der unter extremen Bedingungen gearbeitet wurde. In der Halle bestimmten glühender Stahl, große Schmiedehämmer, Hitze und Lärm den Arbeitsalltag, „es war laut, heiß und schmutzig“, sagt Leif Rohwedder, der bei Opel als Leiter von Opel Classics viel über die Geschichte des Autobauers zu erzählen hat. In einer ehemaligen Ausgabe des Mitarbeitermagazins „Opel Post“ aus den Vierzigerjahren heißt es: „Den Männern vor den Gasöfen schlägt eine Glut von mehr als 1000 Grad ins Gesicht“, der Autor schreibt davon, dass jeden, der dort eintrat, ein wahres Inferno erwartet habe.
In der riesigen Halle wurden Stahlrohlinge erhitzt, die Schmiedehämmer hatten Fallgewichte von bis zu acht Tonnen und machten beim Formen von Kurbelwellen, Zahnrädern und anderen Fahrzeugteilen für Fahrwerk und Lenkung gewaltigen Lärm. „Dort war fürwahr die Hölle los“, hieß es einst in der „Opel-Post“. 80.000 Teile wurden zu Hochzeiten hier täglich produziert, für Fahrzeuge wie den P4, den Kadett oder den Opel-Blitz. Nach einer Modernisierung in den Achtzigerjahren sollen die Arbeitsbedingungen besser gewesen sein.

Seit 2021 ist Ruhe eingekehrt, die Halle ist stillgelegt. Die schweren Maschinen sind verschwunden. Geblieben sind lange, rostige Rohre, abblätternde Farbe, ein verblasster Opel-Schriftzug an der Stirnseite sowie hier und da Erinnerungen an Zeiten, als hier noch gearbeitet wurde. In einem Raum hängen Poster von Fußballern und anderen Sportlern. Die meisten von ihnen haben ihre Karriere längst beendet.
Opel: Der Schmiede soll wieder Leben eingehaucht werden
Die Geschichte der Opel-Schmiede, die nur einen Steinwurf vom Mainufer entfernt steht, soll dagegen weitergeschrieben werden, nur eben ganz anders als früher. Schließlich steht das imposante, riesige Gebäude für die Stadt Rüsselsheim laut Oberbürgermeister Burghardt sinnbildlich für einen Wandlungsprozess, wie er sich an vielen Industriestandorten derzeit vollzieht. „Die Opel-Schmiede kann beispielhaft zeigen, wie Bauwerke der Industriekultur neu interpretiert und weiter genutzt werden – als Teil eines größeren Transformationsraums“, sagt Burghardt und erwähnt Überlegungen und Ansätze für eine Nachnutzung, die den Charakter des Ortes bewahren und ihm zugleich neues Leben einhauchen soll. „So kann sie zur Brücke werden zwischen dem, was Rüsselsheim geprägt hat, und dem, was die Stadt künftig ausmacht.“

Doch bevor er konkreter wird, schildert Rohwedder noch mal die besondere Bedeutung der gigantischen Halle für Rüsselsheim. Nicht jeder Autobauer habe früher ein eigenes Presswerk oder eine solche Schmiede zur Herstellung etwa von Kurbelwellen betrieben, berichtet er. „Opel wollte damit auch seine Rolle als Marktführer in Europa manifestieren“, erinnert er. Schmiedeteile selbst herzustellen, bedeutete damals, sich Transportwege aus dem Ruhrgebiet zu sparen und unabhängig von Zulieferern zu machen. Heute kommen geschmiedete Teile von anderen Standorten der Muttergesellschaft Stellantis nach Rüsselsheim, etwa aus dem französischen Mulhouse.
„Wir wollen dieses Schmuckstück für die Öffentlichkeit zugänglich machen“, erklärt Burghardt. Deshalb wird die Opel-Schmiede im Zuge der an diesem Freitag beginnenden „Tage der Industriekultur“ geöffnet. Erstmals wird die Öffentlichkeit am 13. September die Halle besichtigen können, wenn hier das sogenannte Klassikertreffen stattfindet, bei dem Liebhaber alter Fahrzeuge ihre Oldtimer präsentieren.
Für Kay-Hermann Hörster steht die Schmiede exemplarisch für viele Orte in der Region, in der sich einerseits die Industriegeschichte spiegelt, die andererseits aber als öffentlicher Raum erhalten bleiben sollen. Hörster leitet bei der Kulturregion Rhein-Main ein Projekt, bei dem Filmbeiträge entstehen, die im September zu einer digitalen Ausstellung zusammengeführt werden. So sollen Orte der Industriekultur zugänglich gemacht werden und unter anderem Ideen entstehen, wie man sie heute sinnvoll nutzen kann.
„Wir stellen in den Filmen historische Innovationen wie diese Fabrikanlage vor und stellen sie in einen Bezug zur Gegenwart“, so Hörster. Bei der Opel-Schmiede geht es dann auch darum, was aus dem Gebäude werden soll, das zu großen Teilen unter Denkmalschutz steht. Ganz klar ist das noch nicht. Derzeit, berichtet Burghardt, sei die Stadt unter anderem mit Start-ups im Gespräch, auch Betriebe aus der Kultur- und Kreativwirtschaft könnten einziehen. Der Charakter der Halle soll aber erhalten bleiben – und mit ihr die Erinnerung an die „Titanic“.
