
Die ersten Schiffe haben nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens im Irankonflikt am Donnerstag die Straße von Hormus passiert: Acht Handelsschiffe wurden offiziell gemeldet, weitere sollen mit abgeschaltetem Satellitentracking unterwegs gewesen sein. Darunter waren auch drei saudi-arabische Supertanker, die jeweils rund zwei Millionen Barrel (Fass zu 159 Litern) Öl geladen hatten.
Reibungslos verläuft der Verkehr in der Meerenge gleichwohl nicht. Iran hat zahlreiche Seeminen gelegt. Die Kapitäne wählen Ausweichrouten, die Durchfahrt erfolgt zudem eher handverlesen. Die Versicherer verlangen noch hohe Aufschläge für die riskante Route. Und manch ein Tanker-Kapitän wartet offenbar lieber noch ab. Von 120 Schiffen am Tag – das entsprach dem Niveau vor dem Krieg – ist man jedenfalls noch weit entfernt.
Der Ölmarkt wertete die Entspannung im Nahen Osten gleichwohl als eine Zäsur. Der Ölpreis falle „wie ein Stein“, heißt es. Im Verlauf des Krieges hatte Öl der Nordseesorte Brent zeitweise rund 120 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Litern) gekostet. Allein in der zurückliegenden Woche sank der Brent-Preis von 86 auf 79 Dollar. Der Preis der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) ging im selben Zeitraum von 83 auf 75 Dollar zurück.
Banken senken Ölpreisprognosen deutlich
Wie geht das nun weiter? Die Terminkurve am Ölmarkt zeigt die Preise für unterschiedliche Lieferdaten. „Derzeit erwarten die Marktteilnehmer gemäß der Brent-Terminkurve, dass der Ölpreis zum Ende des Jahres etwa bei 76 Dollar je Barrel liegt“, sagt Cyrus de la Rubia, Ölfachmann der Hamburg Commercial Bank.
Eine Bank nach der anderen senkt jedenfalls ihre Ölpreisprognose. Die Commerzbank schreibt: „Wir erwarten für unser zweimonatiges Übergangsszenario bis Ende Juli nicht mehr einen durchschnittlichen Ölpreis von 100, sondern von 85 Dollar.“ Die Jahresendprognose setze man von 85 auf 80 Dollar herab.
Die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs senkt ihre Prognose für das vierte Quartal von 90 auf 80 Dollar und für den Durchschnitt des nächsten Jahres von 80 auf 75 Dollar. „Wir schätzen, dass die Liefermengen aus der Golfregion bereits auf elf Millionen Barrel je Tag gestiegen sind, wobei sowohl die Liefermengen durch die Straße von Hormus als auch die Umleitungen zugenommen haben“, schreiben die Goldman-Analysten um den Niederländer Daan Struyven.
Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet sogar damit, dass der Ölpreis schon bis zum Jahresende auf 75 Dollar fällt – und Mitte nächsten Jahres dann nur noch durchschnittlich 70 Dollar betragen wird. Das wäre dann ungefähr so viel wie vor dem Irankrieg.
Viele Tanker stehen weiter im Stau
Zumindest das Ausmaß des Preisrückgangs habe ihn überrascht, sagte Giovanni Staunovo, Ölfachmann der Schweizer Großbank UBS. Schließlich bleibe die Zahl der Schiffe, die die Straße von Hormus passierten, noch überschaubar.
„Es stauen sich wohl immer noch mehr als 500 Schiffe im Persischen Golf“, sagte LBBW-Ölfachmann Frank Schallenberger. Die Öltanker, die in diesem Stau festsäßen, dürften rund 80 Millionen Barrel Öl geladen haben, sagte Schallenberger: „Die Hoffnung, dass sich der Stau recht schnell auflöst, hat sich vorerst zerschlagen.“
Der Ölfachmann weist aber auf drei Phänomene hin, die während der Sperrung der Straße von Hormus zu beobachten gewesen seien und die für Entlastung sorgten. Zum einen sei mehr Öl aus der Golfregion als früher über alternative Routen transportiert worden. Das dürfte mittlerweile vier bis fünf Millionen Barrel je Tag ausmachen. Außerdem hätten Länder wie die Vereinigten Staaten, Kasachstan, Russland, Brasilien, Kanada und Venezuela mehr Öl exportiert als vor dem Krieg. Der Anstieg dieser Menge belaufe sich auf 3,5 Millionen Barrel je Tag. Dann seien im März die Ölreserven von Mitgliedern der Internationalen Energieagentur IEA in Höhe von 400 Millionen Barrel freigegeben worden.
Und nicht zuletzt sei durch den hohen Preis die Ölnachfrage in aller Welt gedrosselt worden: „Allein im zweiten Quartal 2026 dürfte die globale Nachfrage gegenüber dem Vorjahresquartal um rund fünf Millionen auf knapp 99 Millionen Barrel je Tag gefallen sein.“
Benzin wieder etwas billiger
Mit dem Rohölpreis sind auch die Kraftstoffpreise in Deutschland wieder etwas gesunken. Nach Zahlen der Internetplattform Clever-Tanken kostete Super E10 zuletzt im Durchschnitt 1,813 Euro, Diesel 1,739 Euro je Liter. Das waren wieder Größenordnungen wie Anfang März. Allerdings hatte es damals den Tankrabatt noch nicht gegeben, wie der Autoclub ADAC hervorhebt. Wenn diese befristete Absenkung der Energiesteuer Ende Juni ausläuft, dürften die Preise vermutlich erst mal wieder steigen.
Heizöl kostete nach Zahlen der Internetplattform Heizoel24, an die 500 Ölhändler ihre Preise melden, am Freitag 109 Euro für 100 Liter bei der Abnahme von 3000 Litern. Das war auch wieder eine Größenordnung wie im März. Zwischenzeitlich hatte der Preis mehr als 140 Euro betragen.
Inflation ist noch nicht vorbei
Gleichwohl melden sich zunehmend Stimmen, die darauf hinweisen, dass der ganze Spuk der Inflation mit der Entspannung im Nahen Osten noch keineswegs vorbei sei. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Europäische Zentralbank (EZB) bislang offengelassen hat, ob der Zinserhöhung im Juni noch weitere folgen sollen.
Philip Lane, der Chefvolkswirt der EZB, sagte am Donnerstagnachmittag in London, dass der durch die Energiekrise ausgelöste Preisschock noch nicht vorüber sei. Das wurde an den Finanzmärkten sehr genau wahrgenommen. Die Zinserwartungen waren zuvor in Amerika gestiegen, im Euroraum aber gefallen, wie die Landesbank Hessen-Thüringen in einem Marktbericht schreibt.
„Man darf nicht übermütig werden“, meinte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Bis der Ölpreis sich vollkommen normalisiert habe, werde es wohl noch bis Mitte nächsten Jahres dauern. Der Schiffsverkehr auf der Straße von Hormus werde wohl nur langsam hochfahren, das Räumen der Seeminen könne mehrere Monate dauern. Die geräumten Öllager müssten zudem erst mal wieder aufgefüllt werden. Außerdem würden die Vereinigten Staaten die Sanktionen gegen Russland vermutlich wieder einsetzen, wenn die Straße von Hormus erst mal wieder voll befahrbar sei.
Die Commerzbank jedenfalls bleibt bei der Prognose, dass die Inflation erst im nächsten Jahr wieder deutlich sinke. Für dieses Jahr rechne man durch die neue Entwicklung nun mit Inflationsraten im Euroraum, die um 3,0 Prozent schwankten – statt wie bisher um 3,25 Prozent.
