Eine stabile Versorgung mit Öl und Gas war in Deutschland lange selbstverständlich. Diese Zeiten sind vorbei: erst der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Gaslieferstopp aus Russland, dann der Irankrieg mit der Blockade der Straße von Hormus. Und jetzt kommt auch noch das Niedrigwasser hinzu: Anfang August maß das Wasserstraßen- und Schiffsfahrtsamt am Pegel Kaub im Rhein-Lahn-Kreis einen Wasserstand des Rheins von nur 20 Zentimetern – so tief wie noch nie. Das Niedrigwasser erschwert den Transport von Mineralölprodukten wie Benzin und Diesel. Denn die Schiffe können nur einen Teil ihrer üblichen Ladung befördern.
„Wenn ein Frachtschiff nur noch zu einem Viertel beladen ist und viermal fahren muss, ist das teurer“, sagt ein Sprecher des Mineralöl-Branchenverbands Fuels und Energie e. V. (en2x). Zudem müssten Transporte teilweise auf die Straße und Schiene verlagert werden. Aufgrund von Baustellen und Sanierungen im Gleisnetz sei dies jedoch nur bedingt möglich. Und die Transportmengen der Binnenschifffahrt könnten damit auch nicht vollends aufgefangen werden. Die Versorgung von Verbrauchern und Industrie sei zwar gesichert, erklärt der Sprecher. Die höheren Logistikkosten würden sich jedoch an den Tankstellen und besonders in energieintensiven Industrieunternehmen entlang des Rheins bemerkbar machen. Bankenvolkswirte rechnen wegen des Niedrigwassers damit, dass die Inflation vorübergehend um einen halben Prozentpunkt steigen dürfte.
Wie gravierend die wirtschaftlichen Folgen sein können, zeigte das Niedrigwasser 2018. Damals konnten nur 25 Millionen Tonnen Mineralölprodukte befördert werden, normalerweise sind es 66 Millionen Tonnen, berechnete die Zentralkommission für Rheinschifffahrt. Lieferengpässe zwangen Industrieunternehmen, ihre Produktion zu drosseln oder zeitweise ganz einzustellen.

Irankrieg treibt Ölpreise – Versorgung hält aber stand
Größeren Einfluss hat aber noch immer der Krieg im Nahen Osten. Zwar bezieht Deutschland nur rund sechs Prozent seiner Rohölimporte aus dieser Region. Dennoch ist die Versorgungslage hierzulande wegen des Kriegs angespannt. Der Grund ist das knappe Angebot auf dem Weltmarkt, so der Mineralölverband en2x. 20 Prozent weniger Öl stünden auf dem Weltmarkt zur Verfügung, sagte Franziska Holz, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung der „Deutschen Presse-Agentur“. Dadurch steige das globale Preisniveau. Angesichts der begrenzten Erdölmengen auf dem Weltmarkt fordert die Ökonomin, auch in Deutschland Benzin und Diesel sparsamer zu verbrauchen.
Unmittelbare Versorgungspässe an Tankstellen drohen nach Ansicht der Fachleute aber aktuell nicht, zumal die Versorgung mit Erdöl auf Monate gesichert sei. Auch für den Winter herrscht Zuversicht. Solange der Irankrieg allerdings andauere, sei mit hohen Preisen an Tankstellen in Deutschland zu rechnen. Nach Angaben des ADAC kostete im Juli ein Liter E10 durchschnittlich 2,13 Euro, Diesel 2,19 Euro. Im Februar, noch vor Beginn des Krieges, lagen die Preise dagegen bei 1,76 Euro für E10 und 1,72 Euro für Diesel. Die Inflation in Deutschland stieg im Juli auf 2,8 Prozent.
Niedrige Gasspeicher verschärfen die Unsicherheit
Eine Großbaustelle sind im aktuellen Krisenmix die Gasspeicher: Denn die deutschen Speicher sind nicht einmal zur Hälfte gefüllt. 47 Prozent waren es nach Daten der Bundesnetzagentur Anfang August. Ein Wert, „der deutlich unter dem liegt, was wir im Krisenjahr 2022 erlebt haben“, sagt Timm Kehler, Vorstand des Verbands der Gas- und Wasserstoffwirtschaft, der F.A.Z. Einige Betreiber warnen nun vor Knappheit im Winter. Laut dem Branchenverband Initiative Energien Speichern würde ein Niveau von 76 Prozent bei extremer Kälte womöglich nicht genügen. Dass die Bestände derzeit so gering sind, sei ein Zeichen für die Unsicherheit, „wann man Gas für den Winter einkauft“, so Kehler. Seit 2022 gelten europäische Füllstandsvorgaben. Um den gesetzlichen Mindestpuffer von 80 Prozent zu erreichen, müssten laut Hendrik Diers die Einfuhren von Flüssigerdgas (LNG) verdoppelt werden. Diers ist Wirtschaftsforscher am Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln.
Auch wenn die Blockade der Straße von Hormus derzeit zu bröckeln scheint, der Gaspreis auf dem Weltmarkt hat sich dauerhaft verteuert. Europa konkurriert dort vor allem mit Asien um Gas und Öl aus dem Nahen Osten. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur flossen 2025 rund 80 Prozent der Öllieferungen nach Asien, bei LNG-Lieferungen waren es 90 Prozent. Besonders abhängig sind Indien und Pakistan, so Kehler. In beiden Ländern hätte bereits rationiert werden müssen. Europa stehe daher vor der Herausforderung, der asiatischen Nachfrage mit einer erhöhten Zahlungsbereitschaft zu begegnen, sagt Energieökonom Diers.
Die hohen Preise dürften die Stimmung in der heimischen Industrie allerdings nicht verbessern. Kehler zufolge müsse sich die Industrie die Frage stellen, ob die hohen Weltmarktpreise gezahlt werden oder ob die Produktion gedrosselt wird. Ein Nachteil, den man im Vergleich mit den USA spürt: „Dort kostet Gas derzeit weniger als ein Fünftel des Preises, den wir hier in Europa zahlen.“ Weniger risikoreich sei die Versorgung für Haushaltskunden. Diese müssten als geschützte Gruppe ohnehin keine Engpässe befürchten, so Kehler. Die Bundesnetzagentur appelliert jedoch wegen des erhöhten Preisniveaus, mit Gas sparsam umzugehen.
Politik hat nach 2022 zum Teil nachgerüstet
Die Politik habe die richtigen Lehren aus dem Krisenwinter 2022 gezogen, sagt Kehler. Was die Beschaffung angehe, sei man mit neuen Lieferanten wie Algerien und Aserbaidschan deutlich breiter aufgestellt. Zudem sind die LNG-Terminals an den Küsten ausgebaut worden, und die Pipeline-Verbindungen zwischen den europäischen Ländern wurden in der Kapazität ausgeweitet. Dennoch bleibe die Beschaffung von Gas eine Herausforderung. „Europa hat genügend Importterminals aufgebaut, aber sich nicht mit genügend LNG eingedeckt“, sagt Diers. Entscheidend sei daher, dass ausreichend Gas auch unter schwierigen Marktbedingungen nach Europa gelange. Kehler sieht deswegen weiteren Handlungsbedarf in der Politik. Wichtig wären langfristige Verträge, um „Preisspitzen abzufedern und langfristige Versorgung sicherzustellen“. Das Ziel der EU, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden, stünde jedoch mit langfristigen Gasverträgen im Konflikt, so Diers.
Zudem ist die EU noch immer auf russisches Gas angewiesen: Zwölf Prozent waren es im Juli nach Angaben der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden. Zum Jahreswechsel wird sich das ändern. Dann laufen die langfristigen LNG-Verträge mit Russland aus. Ein Szenario, vor dem Branchenvorstand Kehler warnt. Die russischen Lieferungen hätten die Marktpreise stabilisiert. Ein Wegfall mitten im Winter würde den Druck erhöhen, kurzfristig neue Lieferanten zu finden. Am 30. September 2027 endet auch die Einfuhr von russischem Pipeline-Gas. Hintergrund sind EU-Sanktionen als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diese sehen einen schrittweisen Ausstieg aus russischen Gasimporten vor.
